Zehlendorf
Die Potsdamer Chaussee in Zehlendorf

Boulevard mit Tankstellen

Boulevard mit Tankstellen
Grüne Ausfallstraße: Die Potsdamer Chaussee in Zehlendorf
Die Potsdamer Chaussee unterscheidet sich von den gesichtslosen Ausfallstraßen vieler Großstädte. Hier zeigt Berlin allen Neuankömmlingen, wie grün es sein kann.

Vor der Wende gingen Urlaubsreisen so los: Spätestens, wenn wir von der Potsdamer Chaussee auf die Autobahn auffuhren, verkündete meine Mutter: „Diesmal sage ich es ihnen! Im Transitabkommen steht unmissverständlich „zügige Abfertigung des Grenzverkehrs“!“ Alle übrigen Wageninsassen hielten das für keine gute Idee. Der Aufenthalt an den Kontrollhäuschen war zwar nervig, doch keiner von uns wollte sich von einem sächselnden Vopo zum Rechtsranfahren auffordern lassen. Auf dem Rückweg verspürten wir dann beim Anblick der Ausfahrt „Wannsee/Zehlendorf“ Erleichterung – endlich wieder im Westen!

Als die Mauer fiel, verlor die Potsdamer Chaussee die Fähigkeit, solche Emotionen auszulösen und wurde zum Weg von A nach B, immer öfter auch nach Potsdam. Dabei ist die sechsspurige Straße durchaus bemerkenswert. Mit ihrem breiten Mittelstreifen und den Bäumen, die in vier Reihen stehen, ist sie unzweifelhaft Berlins prächtigste Ausfallstraße, Teil einer Verbindung zwischen den Stadtschlössern von Berlin und Potsdam, die im 18. Jahrhundert auf königlichen Befehl angelegt wurde.

Wer sich hier etwas Zeit lässt, dem fällt sofort eines auf: Wie unglaublich grün alles ist. Entlang der Strecke liegen zahlreiche Parks, die wegen des Sparzwangs in den Bezirken mehr oder weniger verwildert sind. Selbst der Waldfriedhof in der Nähe des Autobahnkreuzes Zehlendorf wird nur sparsam gepflegt. Willy Brandt, Hildegard Knef, Hans Scharoun und viele andere haben dort ihre letzte Ruhestätte. Richtig still wird es jedoch selbst auf dem weitläufigen Friedhofsgelände nicht. Das Hintergrundrauschen der Prachtstraße verschwindet nie so ganz.

In der zweiten Reihe wohnt man besser

Darum wählt man in der Potsdamer Chaussee auch nicht die erste Reihe. Besonders begehrt sind die skandinavischen Reihenhäuschen auf der Rückseite des Waldfriedhofs, zwischen Himbeersteig und Gänseblümchenweg. Die Gegend verbreitet das Flair einer westdeutschen Vorortsiedlung und auf den Straßen kann man noch spielen. Auf beiden Seiten der Chaussee stößt man auf weitere ungroßstädtische Ecken wie die noble Rehwiese und die beinahe dörflichen Straßen von Düppel. In den nördlich an die Chaussee angrenzenden Wohngebieten von Nikolas- und Schlachtensee wechseln sich Bungalows aus den fünfziger und sechziger Jahren mit Backsteinhäusern aus den Zwanzigern und Gründerzeitvillen ab.

Das Grundstück des evangelischen Gemeindehauses am Pfeddersheimer Weg gehört einem Lebensmitteldiscounter, doch die Anwohner haben über das Bezirksparlament den Bau eines Discountmarkts im Wohngebiet verhindert. Es gibt schließlich andere Einkaufsmöglichkeiten in der Gegend. Auf dem Parkplatz des Studentendorfs Schlachtensee entsteht ein weiterer Supermarkt. Überhaupt, das Studentendorf: Wer die Campusatmosphäre 1968 miterlebt hat, schwärmt noch heute von der gelebten Demokratie. So oder zumindest so ähnlich hatten es sich die Amerikaner ja auch vorgestellt, als sie zehn Jahre zuvor den Studierenden der Freien Universität die Wohnheim-Anlage spendierten. Diese Zeiten sind vorbei. Das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Ensemble hat eine Generalüberholung dringend nötig und soll bis 2017 bei laufendem Betrieb vollständig saniert werden.

Die Vergangenheit der Tankstellen

Verwunderlich ist die hohe Zahl von Tankstellen und Restaurants an der Potsdamer Chaussee. Benzinverkauf und Gastronomie liegen hier häufig einträchtig nebeneinander – wie man es von den Raststätten an der Autobahn gewohnt ist. Neben „Aral“ steht das Steakhaus und Shells Nachbar ist die Villa Medici. An der Ecke zur Lindenthaler Allee findet man heute eine „Star“-Tankstelle des polnischen Orlen-Konzerns. Genau an dieser Stelle wurde 1930 ein Großteil des legendären Ufa-Films „Die Drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweis gedreht. Eine Kreuzung weiter stürzte am 8. März 1989 der Gasballon von Winfried Freudenberg ab. Der 32-Jährige aus Lütgerode war der Letzte, der beim versuchten innerdeutschen Grenzübertritt ums Leben kam.

Hinter der S-Bahn-Brücke heißt die Chaussee plötzlich und heimtückisch Potsdamer Straße. 14 Kilometer von ihrem wesentlich bekannteren Pendant gleichen Namens entfernt! Ein Albtraum für jeden Briefzusteller. Erste Einmündung ist noch dazu eine Bülowstraße. Hier verkauft Herr Scholz seit 15 Jahren jeden Sommer landwirtschaftliche Produkte – vom Beelitzer Spargel bis zu den Knuppern aus Werder. Im Fischer-Dieskau-Weg, der unweit des Obststandes abzweigt, lag von 1911 bis 1919 das Atelier des Malers Lyonel Feininger im einzigen mehrstöckigen Gebäude der Schotterstraße.

Die Potsdamer Chaussee knickt nun leicht ab, die Häuser stehen dichter. Bald gelangt  man zur Friedenseiche, die seit 130 Jahren an der Zehlendorfer Dorfkirche steht. Die Stadt hat den Reisenden wieder.

Boulevard mit Tankstellen, Potsdamer Chaussee 80, 14129 Berlin-Zehlendorf

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