Neue Online-Galerie

Kunst virtuell erleben im Prater Digital

Frau mit virtueller Brille
Ob über VR-Brille, Handy oder Laptop - den neuen Prater gibt's bald digital.
Der legendäre Prater kommt zurück! Allerdings zunächst mal anders als du es wahrscheinlich vermutest hast. Im neuen Projekt Prater Digital kannst du Kunst bald virtuell bestaunen. Und das von überall. Wir haben mit dem Künstlerischen Leiter Julian Kamphausen gesprochen.

Der Berliner Prater, Berlins ältester Biergarten, ist nicht nur eine Vergnügungslocation, sondern auch ein geschichtsträchtiger Ort für Kunst und Kultur. Nach langer Sanierungspause soll er nun 2021 wieder der Kunst eine Plattform bieten. Passend zur aktuellen Corona-Situation eröffnet der Prater aber schon am 8. Dezember seine virtuelle Version: den Prater Digital. Die programmierte Prater Galerie bietet Künstler*innen eine ganz besondere Online-Bühne. In verschiedenen modularen Räumen sollen Begegnungen, Versammlungen, Ausstellungen, Performances und Aufführungen möglich gemacht werden. Für die Gestaltung und Programmierung der Räume ist die Künstlerin und Programmiererin Berrak Nil Boya zuständig.

Das Ganze soll jederzeit auch über dein Handy erreichbar sein. Um die digitalen Ausstellungsräume zu erfahren, musst du dir einen Avatar auswählen und kannst dich wie in einem Computerspiel per Maus oder Finger fortbewegen. Um die Akzeptanz digitaler Räume für Kunst und Kultur zu fördern, werden alle Anwendungen dokumentiert und mit Lehrvideos kombiniert, sodass auch Menschen ohne digitale Kompetenz die Räume erleben und nutzen können. In Zusammenarbeit mit dem Künstlerischen Leiter Julian Kamphausen und dem Beirat zur Zukunft des Prater Berlin, rief das Bezirksamt Pankow die digitale Version der Kulturstätte ins Leben. In Kooperation mit Mark Coniglio (Troikatronix) und der digital.DTHG und mit Unterstützung des Studiengangs Spiel && Objekt der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch konnten die Räume realisiert werden. Die ersten Räume werden zum Launch des Projekts von dem Künstler*innenkollektiv mantis aus Berlin und Leipzig und dem Theater- und Filmemacher Philipp Joy Reinhardt gestaltet und bespielt.

Arbeitsbesprechung Projektphase Prater Digital mit Mitgliedern des Beirats zur Zukunft des Praters und dem künstlerischen Leiter Julian Kamphausen.

 

Wir haben dem Künstlerischen Leiter Julian Kamphausen noch einige Fragen gestellt:

QIEZ: Darf sich jede*r Künstler*in bewerben, um einen Raum zu gestalten? Wie ist das Auswahlverfahren?

Julian Kamphausen: „Die Künstler*innen und die Kurator*innen, die mit der Prater Galerie und dem Prater Digital zusammenarbeiten, sind jetzt die ersten, mit denen wir die Räume entwickeln und mit denen wir gemeinsam definieren, wie sie (vorläufig) funktionieren werden. Das findet in der ersten Phase des Projektes bis Dezember statt.

Aber dann geht es weiter: Jede*r Künstler*in kann sich Räume, die wir gestalten, kostenfrei downloaden, verändern – wenn sie das wollen – und für die eigene Kunstproduktion nutzen. Wir bieten eine einfache Gebrauchsanweisung an, die auch Künstler*innen ohne technische Vorbildung ermöglicht, diese Räume erfolgreich zu nutzen.  Inwieweit diese Projekte dann mit der Prater Galerie oder Prater Digital zusammenarbeiten, ist eine spannende Frage, für die es noch keine Erfahrungswerte gibt. Diese Erfahrungen wiederum transparent für andere Künstler*innen und Kulturinstitutionen zu dokumentieren und neues Wissen zu schaffen ist auch Ziel dieses Projektes.

Sicher ist, dass wir eine Kulturinstitution gleichwertig im digitalen wie im analogen Raum repräsentieren wollen. Deshalb versuchen wir, die Beschränkungen, die Ausstellungs- und Performanceräume im analogen Leben mit sich bringen, nicht 1:1 im virtuellen zu imitieren. Also z.B. die Freiheit zu nutzen, dass wir vielleicht gar keine Auswahlprozesse brauchen, weil wir im digitalen Raum eine (theoretisch) unendliche Ausstellungsfläche und unendlich viele Bühnen zur Verfügung haben. Auf der anderen Seite nehmen wir als Kulturinstitution auch die Verantwortung ernst, die ein digitaler Raum mit sich bringt: Urheberrecht, Datenschutz, Schutz vor Hass und Übergriffen, um nur einige zu nennen. Da noch keine Kulturinstitution (Stand November 2020) diesen Weg so konsequent gegangen ist, gilt es, all das gemeinsam zu erarbeiten, auszuprobieren und herauszufinden.“

Wie lange soll ein Raum in einer bestimmten Gestaltung bleiben?

J.K.: „Auch das werden die Künstler*innen und Kurator*innen der Galerie Prater diskutieren und herausfinden. Natürlich muss online keine Ausstellung abgebaut oder ein Bühnenbild umgebaut werden, um dem Publikum ein neues Stück oder eine neue Ausstellung zu zeigen.“

 

Begehung der Prater Galerie mit Projektverantwortlichen.

Wie viele Räume wird es geben und wie sind deren Namen?

J.K.: „Creative und Technical Director Berrak Nil Boya baut drei archetypische Räume. Die Räume basieren alle auf Mozilla Hubs, einer Open Source Software, die virtuelle Räume mit Bewegung, Sehen, Reden und Hören ermöglicht. Das Publikum klickt via Telefon, Tablet, Laptop oder VR-Brille auf einen Link und betritt als Avatar den Raum. Hier kann er sich dann im Raum bewegen, andere Menschen und Kunst sehen und hören.

Es wird den Galerie Raum geben, der eine Nachbildung der tatsächlichen Prater Galerie ist, sich aber sehr einfach mit Abbildungen von Kunstwerken, Videos, GIFs, Tondokumenten etc. füllen lässt. Dann gibt es das Foyer, das dem Foyer des Praters nachempfunden ist. Dieser Raum ist im Wesentlichen ein Ort der sozialen Begegnung und für Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Spielenachmittage und alle möglichen Austauschformate gedacht. Hier verorten wir uns im realen Prater. Seine Geschichte und die Menschen, die ihn geprägt haben, werden auf verschiedene Arten im Raum präsent sein. Ein zentrales Projekt ist der Raum für Performances: Hier sollen Publikum und Künstler*innen, egal ob technisch vorgebildet oder nicht, gemeinsam erfahren und erlernen, wie Online-Performances gut funktionieren können. Dieser Raum ist so gebaut, dass die Nutzung für alle möglichst einfach ist. Zudem kann er kostenfrei runtergeladen und eigenständig genutzt werden.“

Wie stellen die Künstler*innen sicher, dass das Gefühl, das sie erzeugen möchten, auch tatsächlich erzeugt wird? Oder lässt sich das nicht beeinflussen?

J.K.: „Besucher*innen und Künstler*innen müssen diese beiden Fragen im Grunde gemeinsam beantworten. Ich glaube, es ist wichtig sich klar zu machen, dass wir nicht aus der „analogen“ Kulturlandschaft eine neue, leere Welt der Digitalität betreten. Im Gegenteil, wir finden hier eine lebendige, vielfältige und gewachsene Kulturlandschaft vor, in der ganz andere Regeln gelten, als in der analogen Welt. Es gibt ja viele Erfahrungswerte aus Multiplayer-Computerspielen wie etwa Fortnite, in denen theatrale Inszenierungen jenseits des Experiments mit vielen Millionen Menschen funktionieren.

Grob lässt sich bis jetzt vielleicht sagen: alles was dem Austausch dient, dem aufrichtigen Interesse aneinander, dem gemeinsamen Spielen, der direkten künstlerischen Aktion für ein Gegenüber, scheint eher gut zu funktionieren. Alles was sich auf Mittel verlässt, die im analogen Leben Bedeutung erzeugen, wie etwa großartige (Bühnen-) Architektur, große Namen, hohe Eintrittspreise oder was versucht, Formate aus dem analogen 1:1 ins Digitale zu übersetzen, funktioniert eher nicht so gut.“

Von 8. bis 12. Dezember kannst du dir einen ersten Eindruck der digitalen Räume verschaffen. Wir halten dich auf dem Laufenden!

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