"Praxiswelten" im medizinhistorischen Museum

Die Handschrift des Heilers

Die Handschrift des Heilers
1864 hat Friedrich Paul von Bönninghausen den 21-jährigen Heinrich Winterkamp vom Leistenbruch geheilt. Bönninghausens Handschrift ist eine der leserlichen. Noch heute dürfte es Ärzte geben, deren Schrift unter dem Praxispersonal gefürchtet ist.
Mitte - Wie Ärzte und Patienten vor Jahrhunderten miteinander umgegangen sind, ist schwer zu rekonstruieren. Obwohl die Ausstellung "Praxiswelten" gespickt ist mit wundersamen Gegenständen, sind es die Tagebücher der Heiler, die den beeindruckendsten Einblick ins Arzt-Patient-Verhältnis bieten. Von den Ausstellern unausgesprochen nimmt man die Frage mit nach Hause: Und heute? Wie viel Handschrift steckt in meinem Befund?

Am Anfang der Ausstellung „Praxiswelten“ befindet man sich in einem Wartezimmer, dessen Aufmachung unter niedergelassenen Ärzten wohl stillschweigender Common-Sense ist: nebeneinandergereihte Stühle, sanftes Licht, minimalistische Ausstattung, beruhigende – auf jeden Fall massenkompatible – Gemälde an der Wand. Im Wartezimmer startet das Arzt-Patient-Verhältnis, wie es jeder von uns kennt, samt Untersuchung, Medikamentenverschreibung und nächstem Arzttermin. Doch wie gestaltete sich das Arzt-Patient-Verhältnis in vergangenen Jahrhunderten? Die neue Ausstellung im medizinhistorischen Museum der Charité wählt hierfür eine nur scheinbar triviale Herangehensweise: Acht Heiler verschiedener Zeiten und Orte werden beleuchtet, und jeweils wird eine Krankengeschichte aufgerollt.

Da kuriert der Mathematiker und Mediziner Magirus im Jahr 1653 einen Jungen mit Fieberkrämpfen, indem er die Sterne befragt. Da diagnostiziert ein Doktor Fuchs 1836 in Würzburg Tuberkulose an einem Patienten. Und im Nürnberg des Jahres 1717 stirbt eine Frau im Kindbett. Solche Geschichten, von Diagnose und Behandlung, Erstbesuch und weiterer Therapie, von Medikation und Nebenwirkung, im Endeffekt vom Leben und Sterben, sind konserviert in den Tagebüchern der Ärzte. Neben den Repliken der oft ledrigen und zerfallenden Praxisdokumente sind die „Praxiswelten“ gespickt mit assoziativen Gegenständen. Das Arbeits- und Lebensumfeld des jeweiligen Arztes wurde akribisch recherchiert und pointiert nachempfunden durch Alltagswerkzeuge seiner Zeit.

Highlight sind die Praxistagebücher

Die Ausstellung ist somit typisch historisiert gespickt mit Münzen, Waagen, antiken Büchern, gedrehten Pillen, Aderlass-Instrumenten, Apothekergewichten, gepressten Blättern, konservierten Reptilien und Steinkrügen. Ein menschlicher Schädel durfte da natürlich auch nicht fehlen. Noch stärker kumulieren Form und Inhalt, wenn Gegenstände das Arzt-Patient-Verhältnis darstellen sollen. Für jede der acht Krankengeschichten stehen zwei Gegenstände Pate: Symbolisch stehen eine Totenkrone für ein verstorbenes Kind, das Reisetintenfass für den pendelnden Arzt. Ob der assoziative Bogen hier etwas überspannt wird, bleibt jedem selbst überlassen.

Highlight sind so wie so die Praxistagebücher. Für den Betrachter – aber auch die Forschung, die der Ausstellung natürlich voranging – erlauben sie einen unpolitischen, unvoreingenommenen Blick auf die alltägliche Behandlung zumindest der dort niedergeschriebenen Einzelfälle. Und noch erhellender sind die Rückschlüsse auf den Alltag der Ärzte selbst: Einer verwendet gerne Kürzel, in denen er markiert, wen er kostenlos behandelt hat. Manche führen Tabellen, schreiben in ausschweifenden Schnörkeln, summieren Zahlen zusammen. Obwohl die Dokumente nur Kopien sind – die echten würden eine Ausstellung kaum mehr überstehen – dringt der unbedingte Wille zur Erforschung des Leidens, zur Heilung, manchmal auch schlicht zur akribischen Buchführung durch. Allein ihre Handschriften machen die Mediziner greifbar, unikat, menschlich.

Die Ausstellung bleibt vor der modernen Patiententür stehen

Verlässt man die Ausstellung, kommt man ins Grübeln, denkt über seine persönliche Praxiswelt nach. Dann fragt man sich automatisch: Und heute? Wie drückt sich die Persönlichkeit meines Arztes aus? Wo ist der Mensch zwischen computergestützter Dokumentation und Versicherungsbürokratie? Darauf wollen die historischen „Praxiswelten“ keine Hinweise geben. Die Aussteller verkneifen sich jeden Blick auf die Neuzeit, es bleibt beim emotionalen Einstieg des Wartezimmers, die Ausstellung bleibt sozusagen vor der Tür des modernen Patientenzimmers stehen. Und das darf sie auch, schließlich handelt es sich um die Greifbarmachung von Geschichte. Und hier liegt der gesellschaftliche Mehrwert von erzählter Geschichte: Bezüge zur Gegenwart zu ermöglichen. Von nun an ist man selbst gefragt, seinen Doktor als forschenden Menschen zu entdecken. Bei anhaltendem Interesse fragen Sie also Ihren Arzt oder Apotheker.

Die Ausstellung „Praxiswelten“ im medizinhistorischen Museum der Charité dauert vom 25. Oktober 2013 bis zum 21. September 2014. Mehr Infos gibt es hier.

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitépl. 1, 10117 Berlin

Telefon 030 450536156
Fax 030 450536905

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