Gentrifizierungsdebatte

Vom Arbeiterquartier zur Yuppiemeile

Nimmt Prenzlauer Berg eine ähnliche Entwicklung wie der Münchner Stadtteil Schwabing?
Nimmt Prenzlauer Berg eine ähnliche Entwicklung wie der Münchner Stadtteil Schwabing?
Mehr geht nicht und billiger auch nicht: Der soziale Wandel in Prenzlauer Berg ist beendet. Im Museum Pankow wird über 20 Jahre Gentrifizierung des Bezirks diskutiert.

Tom Sello hat sich mit den Zuständen abgefunden. „Ich finde die Entwicklung wunderbar. Ideal für mich“, so der Bürgerrechtler. Er ist hier so ziemlich der Einzige. An einem Abend im Museum Pankow, „Mythos Prenzlauer Berg“ heißt die Veranstaltung. Es geht um die Umgestaltung des Bezirks vom Arbeiterquartier zur Yuppiemeile. Und sowohl die anderen auf dem Podium als auch die im Publikum sehen die Sache eher kritisch. Kein Yuppie in Sicht.

Auch Tom Sello ist keiner, auch wenn er früher schon mal längere Haare hatte. Eine Wohnung in dieser Gegend kaufen? Das kann er sich nicht leisten. Er ist als Vergangenheitsaufarbeiter bei der Robert-Havemann-Gesellschaft angestellt.

Mittlerweile hätte er es auch nicht leicht, eine erschwingliche Mietwohnung in seinem Kiez zu finden. Freilich freut er sich, dass es so gekommen ist, „alles schick und schön“. Die Rolle des Buhmanns übernimmt er augenscheinlich gern, zum Glück, denn einer muss doch auch mal sagen, dass sanierte Häuser besser sind als vor sich hin bröselnde, und dass das Kapital für die Instandsetzungen vor 20 Jahren irgendwoher stammen musste.

Politik hat Ziele verfehlt

Nur die hochgesteckten politischen Ziele der neunziger Jahre, „behutsame Stadterneuerung“, „sozialverträglicher Wandel“ wurden nicht erreicht. Wolfram Kempe ist einer, dem man die anarchistische Vergangenheit noch etwas mehr ansieht. Als Bezirkspolitiker von der Linken hat er die Sanierungspolitik aktiv begleitet. Er meint, dass man einen Einwohneraustausch von 50 Prozent für gewöhnlich gehalten hätte, zu jener Zeit, als die „Sanierungsgebiete“ ausgerufen wurden. Doch nur 20 Prozent der ehemaligen Einwohner seien geblieben, der Rest aus dem Bezirk vertrieben worden.

„Ihr von der PDS seid doch selber schuld“, ruft da ein Zuhörer, „ihr wart doch lange an der Macht!“ „Ach“, sagt Kempe da, „die Gestaltungsmacht der Politik wird gerne überschätzt.“ Was sollen Politiker denn tun, wenn die Mietobergrenzen gerichtlich verboten werden? Wenn die einstmals kommunalen Häuser an die alten Eigentümer zurückgegeben wurden und die Wohnungen schließlich der Profitmaximierung dienten? Blauäugig seien alle gewesen, damals, und heute klüger.

Andrej Holm, Soziologe und Experte in Gentrifizierungsfragen, kennt die Zahlen genau: Stadt und Staat haben viel bezahlt und nichts „Sozialverträgliches“ erreicht. Ein Drittel der Sanierungskosten hätten die Hauseigentümer geschenkt bekommen, sei es als Fördergeld oder als Steuervergünstigung. Die Gesamtkosten bekämen sie über die Mieten aber problemlos wieder rein. Ein Blick darauf, wer mittlerweile in Prenzlauer Berg lebt: Früher lag der Durchschnittsverdienst der Kiezbewohner bei 70 Prozent dessen, was die Berliner verdienten. Heute sind es 40 Prozent mehr als beim Durchschnitt. Holm spricht von einem „Modellfall für die Wirkung staatlichen Handelns“.

Auf keinen Fall billiger

Und wie soll es weiter gehen? „Besser wird es nicht“, entgegnet der Soziologe, „auf keinen Fall billiger.“ Die Gentrifizierer von gestern werden ein paar kleine Schlachten gegen die Gentrifizierer von morgen schlagen, da geht’s um Bäume oder Townhouses, der soziale Wandel sei aber weitgehend beendet. Dann blickt er nach Schwabing, ins Münchener Prenzlauer Berg der siebziger Jahre. Damals gab es dort auch viele junge, hippe Leute mit Kindern und gut bezahlten Jobs. Heute leben dort überwiegend ältere Menschen und es ist immer noch wahnsinnig teuer. Gute Aussichten für die Prenzlauer Berger: Der Krach auf den Spielplätzen wird weniger werden. Hoffen sollten sie auf eine ausreichende ärztliche Versorgung.

Die Ausstellung ist zu sehen im Museum Pankow, Prenzlauer Allee 227/228. Die Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.


Quelle: Der Tagesspiegel

Museum Pankow, Prenzlauer Allee 227, 10405 Berlin

Telefon 030 902953916
Fax 030 902953918

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Sonderausstellungen: in der Ausstellungshalle Sonntag bis Donnerstag von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr,
Dauerausstellungen: im ehemaligen Schulhaus Montag bis Freitag von 09:00 Uhr bis 19:00 Uhr

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