• Donnerstag, 12. Januar 2012

Kleiner Keller & La Cave fleurie in Prenzl' Berg

Geteiltes Gentrifizierungsglück

  • La Cave Fleurie und Kleiner Keller
    Mehrzweckladen im Kellergeschoss: Petra Leidholdt und Martin Kramer teilen sich einen Keller in der Kollwitzstraße für ein Blumen- und ein Weingeschäft. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Gentrifizierung ist bekanntlich eines unserer liebsten Schimpfwörter. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass sie manchmal Gutes bringt. So wie in diesem Fall in Prenzlauer Berg: Da die Mieten ins Absurde wuchsen, legten zwei Unternehmer ihre Läden zusammen. Und sind nun beide Gewinner.

Zwei Geschäfte in einem Laden? Funktioniert. Petra Leidholdt und Martin Kramer teilen sich einen einzigen Laden in Prenzlauer Berg. Tagsüber verkauft sie Blumen, abends er Wein. Als die Miete für Leidholts Blumenladen verdoppelt wurde, machten die beiden Mittvierziger aus der Not eine Tugend. Nun sind sie beide Gentrifizierungsgewinner, wenn auch auf eine etwas schräge Art. Und das, obwohl zumindest Floristin Leidholdt ihr Opfer sein müsste.

Denn die Frau mit dem grünen Daumen betrieb von 2004 bis Ende 2009 in der Kollwitzstraße 45 einen zweistöckigen, großzügig verglasten Laden. Dann schraubte der Vermieter die Kaltmiete von 1300 auf 2600 Euro hoch und Schluss war mit der Pracht und Herrlichkeit. Diesen Batzen konnte sich die gebürtige Neuköllnerin, die mittlerweile in Großziethen lebt, nicht leisten. In der Kollwitz 45 verkauft jetzt jemand noble Accessoires und schicke Schuhe. Leidholdt aber packte zu Beginn des Jahres 2010 ihre Pötte und Vasen ein und zog zu Martin Kramer in das Souterrainlokal „Kleiner Keller“ in der Kollwitzstraße 41. Jetzt heißt der Laden tagsüber „La Cave fleurie“.

Halbe Miete, doppeltes Angebot

Seit drei Jahren betreibt der in Mecklenburg-Vorpommern geborene Krankenpfleger den Weinhandel und -Ausschank. Obwohl er schon 1989 hier eingezogen ist. Für ihn ist das Geschäft mit dem Wein ein „Ausgleich zu meinem anderen Job“, sagt er. Den hat er wahrscheinlich auch nötig: Er führt einen Pflegedienst mit 35 Mitarbeitern. Da freut er sich, wenn er hier abends beim Kellnern die Leute aus seinem Kiez bei einem Glas Wein um sich hat.

Die Idee mit dem gemeinsamen Laden ist sozusagen dem Wein entstiegen. Leidholdt und Kramer kannten einander aus der Nachbarschaft, sie und ihr Mann tranken manchmal bei ihm ein Glas, er kaufte bei ihr Blumen. Als sie über die Mieterhöhung am Verzweifeln war, hatte er urplötzlich die Idee mit dem geteilten Laden. Gesagt, getan, Ordnungsamt und Hauseigentümer sträubten sich nicht. Kleine Umbauarbeiten erledigten Kramer und Leidholdt gemeinsam, die 730 Euro Kaltmiete zahlen sie jetzt zusammen. Mit den Eigentümern, die selbst im Haus wohnen, habe das ganz ungezwungen funktioniert, sagt Kramer. „Die freuen sich genau wie ich, dass der Laden jetzt auch tagsüber lebt.“

Kein unnötiger Schnickschnack im kleinen Kellerladen

Zufrieden mit dem Arrangement ist auch Petra Leidholdt, obwohl sie ihre Ladenfläche von 80 Quadratmetern auf 25 Quadratmeter reduzieren musste. Es gibt ihr ein Gefühl der Erleichterung, wieder beim Kerngeschäft angekommen zu sein, sagt sie. „Einfach nur Blumen verkaufen.“ Der riesige Laden, aus dem sie kam, hatte sie dazu genötigt, haufenweise Dekokram und Keramikwaren anzubieten, doch jetzt, im Kellerladen, fehlt für Schnickschnack schlichtweg der Platz. Bislang habe auch keiner ihrer Stammkunden die Dekoartikel vermisst, meint Leidholdt. „Die sagen eher: ,Es ist toll, dass ihr zusammenhaltet und euch nicht vertreiben lasst.‘“

Solange der Frost nicht kommt, stellt sie ihre Blumen und Gestecke auf den Bürgersteig vor dem Laden. Die Schnittblumen stehen drinnen auf der Kellertreppe. Es sieht aus wie ein überdekorierter Weinkeller. Auf der linken und rechten Seite stehen Tische in zwei kleinen Gewölben, geradeaus das Weinregal und die Minitheke, gebunden werden die Sträuße im hinteren Kellerraum. Alles ist aufs Wesentliche reduziert und schnell verräumbar, wenn um 19 Uhr der Blumenladen schließt und der Kellnerdienst beginnt. Um 20 Uhr öffnet dann der Weinkeller.

Abstimmung „wie in einer Ehe“

Logisch, dass die beiden Chefs deutlich mehr Abstimmung brauchen als andere Ladenbetreiber in Berlin, die ein Mischsortiment aus Dienstleistungen oder Produkten anbieten. In der Grünberger Straße in Friedrichshain betreiben zwei Brüder eine eigenwillige Kombination aus der Fahrschule „Murmel“ und der Weinhandlung „Geistreich und benebelt“. Ähnliches gibt es mit „Autos und Weine“ am Willmanndamm in Schöneberg. Und in der Görlitzer Straße in Kreuzberg betreibt ein Inhaberpaar im „Salon Sucre“ eine Frisierstube mitsamt angeschlossener französischer Patisserie.

Und, Hand auf’s Herz, wie sieht es mit der Harmonie unter den beiden Geschäftsleuten im Keller aus? Die kann doch gar nicht immer ungetrübt sein, oder? Das sei „wie in einer Ehe“, sagen beide unisono. „Gelegentlich gibt es Stress, aber im Prinzip läuft’s.“ Mit der Kombi wollen sie auf jeden Fall weitermachen. Ohne wäre auch verdammt schade: Er bekommt bei ihr auf dem Weg zum Dienst morgens um acht schon einen Kaffee, sie abends bei ihm ihr Glas Feierabendwein. Gentrifizierung im Kollwitz-Kiez: So märchenhaft kann’s sein.

Kleiner Keller & La Cave feurie

Kollwitzstraße 41
10405 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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