• Freitag, 18. Mai 2018
  • von Julia Stürzl

Durch den Kiez

Marlene von Steenvag: "Nur Kurven haben reicht nicht."

  • Marlene blickt in einem Kaffee aus dem Fenster.
    So schön ist Burlesque: Marlenes Blick kann ein ganzes Publikum in seinen Bann ziehen. Foto: QIEZ - ©Ralph Penno

Auf der Bühne eine Diva, privat super sympathisch: Wir sind im Kiez unterwegs mit der "Deutschen Königin des Burlesque", Marlene von Steenvag. Über das Mamasein im Prenzlauer Berg, ihr Alter Ego auf der Bühne und Selbstliebe.

Eigentlich haben wir Marlene schon im April interviewt : und zwar zu ihrer neuen Burlesque-Akademie im Prenzlauer Berg . Vermutlich die erste Schule, die neben Hobby-Tänzerinnen auch professionelle Burlesque-Performerinnen ausbildet. All das Wissen, dass sie nun in ihrer Akademie weitergeben will, musste sich die 38-Jährige selbst erarbeiten, denn als sie vor neun Jahren nach Berlin kam, gab es noch gar keine richtige Burlesque-Szene in der Hauptstadt. Das hat sich inzwischen geändert – Burlesque wird immer beliebt und Marlene hat es weit gebracht: Heute sitzt die charmante Blondine – international bekannt als "Deutsche Königin des Burlesque" – mit dem schwungvollen Lidstrich und langen, künstlichen Wimpern wie ein leibhaftiges Starlet der 20er Jahre vor uns. Der Künstlername tut natürlich sein übrigens für ihre Legende – bei Marlene schwingt sofort die Assoziation an die berühmte Ikone Marlene Dietrich mit. Gebürtig heißt Marlene von Steenvag eigentlich Ariane Freund.

Ariane, alias Marlene, erwartet uns also schon: elegant und zugleich sexy gekleidet, halsbrecherisch hohe Schuhe mit Pfennigabsatz, mit Glanz und Glamour in einem süßen kleinen Café in ihrem Kiez. Im Zuckerfee , wo ein Kronleuchter an der Stuckdecke baumelt und viele goldverzierten Spiegel an der Wand händen, trinkt sie normalerweise immer Kaffee und isst dazu die leckeren Croissants, von denen sie uns vorschwärmt. Heute allerdings sind die Croissants alle und statt Kaffee gibt es nicht etwa Champagner, sondern den hausgemachten Eistee. "Ich musste mich auf dem Weg hierher ein bisschen beeilen", verrät uns die Burlesque-Königin augenzwinkernd und lacht. Jetzt braucht sie also erst einmal eine Erfrischung.

Sexy Ouftis gehören bei Marlene von Steenvag auch privat dazu. ©Ralph Penno Sexy Ouftis gehören bei Marlene von Steenvag auch privat dazu. ©Ralph Penno


Burlesque ist Vielfalt – künstlerisch als auch persönlich

Eine Divenattitüde legt Marlene von Steenvag jedenfalls überhaupt nicht an den Tag. Sie strahlt eine bezaubernden Authentizität, Natürlichkeit und sogar Unschuld aus. Letzere ist wohl keine Eigenschaft, an die man bei einem Burlesque-Star zuerst denken würde. Schließlich ist diese Kunst verführerisch und die Tänzerinnen sind oft bis auf einen Slip und Pflaster auf den Brustwarzen, genannt Tassels, komplett nackt. Ihr Mann hat glücklicherweise überhaupt kein Problem damit. "Dann würde er gar nicht zu mir passen, denn das Burlesque-Tanzen ist das Teil meiner Identität. Nein im Gegenteil, mein Mann findet das toll und kommt auch mit zu Shows", sagt sie mit fester Stimme.

Ob diese tolle Ausstrahlung und ihr Selbstbewusstsein wohl daher kommen, dass sie sich nackt auch selbst liebt? In der Rolle der Diva Marlene von Steenvag fühlt sie sich wirklich wohl, das sehen sogar "Experten" der Schönheit: bei einem Privatevent trat Marlene vor einer ganzen Gruppe Männer vom Verband für Schönheitschirurgen auf und tanzte für sie. Die Männer waren komplett begeistert von ihrer Show und sagten ihr, wie schön es sei, einmal jemanden zu sehen, der noch echt sei und der sich in seiner Haut so wohlfühle. "Das hat mich aber auch bestätigt, denn darum mache ich ja auch Burlesque: um zu sagen – so wie du bist, bist du schön und begehrenswert. Und das zu inszenieren macht mir wahnsinnig viel Spaß", so Marlene. Schließlich geht es ja beim Burlesque auch sehr viel um Selbstliebe und Selbstdarstellung – man darf kein Problem damit haben, sich selbst zu feiern, egal wie man aussieht. Beim Burlesque gibt ohnehin jedem Körper einen Raum, erzählt Marlene: Trans- und Homosexuelle, Frauen als Männer verkleidet und umgedreht, sowie Dicke, Dünne, Schüchterne, Lustige und Sexbomben. Für Männer-Burlesque gibt es sogar ein extra Genre, das sogenannte Boylesque.

"Interessanterweise sind oft Leute, die jetzt nicht so umwerfend schön sind, die besseren Performer, weil die sich wirklich was Gutes ausdenken müssen", so Marlene. Als Beispiel nennt sie eine Asiatin namens Liu Boheme, die sehr klein ist und sehr korpulent. "Aber die springt über die Bühne, macht einen Spagat oder Schwertertanz, das ist unglaublich. Einfach nur Kurven haben und sich hinstellen, das reicht nicht." Irgendetwas sollte man schon können – es müsse nicht unbedingt athletisch sein, auch schauspielern oder singen gehört durchaus zu einer Burlesque-Vorführung. Nur passen muss es zu einem selber. "Jeder hat einen eigenen Charakter auf der Bühne", so Marlene.

Marlene von Steenvag: "Nur Kurven haben und sich hinstellen reicht nicht."

Wo die Burlesque-Königin shoppen geht

Sie selbst ist als Marlene von Steenvag eine elegante, unnahbare Schönheit auf der Bühne, die ab und zu das Luder hervorblitzen lässt: sie erzählt mit ihrem Körper von dunklen Sehnsüchten, Selbstverwirklichung und Verführung. In ihrer persönlichen Lieblingsshow Opium Dream geht es um die Verstrickung in die Leidenschaft – verdeutlicht mit Selbstbondage – die sich wie ein Opiumrausch um die Protagonistin legt. Wieviel von Ariane Freund selbst steckt eigentlich in Marlene? "In Marlene von Steenvag stecken Charaktereigenschaften drin, die ich auch als Ariane Freund habe. Gewisse Anteile an meinem Charakter sind in dem Moment auf der Bühne viel wichtiger und ausgeprägt, während andere Eigenschaften komplett zurückfallen. Marlene ist sozusagen ein Teil meines Charakters, den ich extrem auslege." Uns interessiert natürlich, wie sie ihren eigenen Charakter entwickelte. "Das Alter Ego, das du entwirfst, muss natürlich übertrieben sein – eine normale Figur ist auf der Bühne nicht spannend, sie muss genauso übertrieben sein wie die ganzen Kostüme. Erst dann wird es lustig, zuzugucken, dann macht es Spaß", so die lebhafte Wahl-Berlinerin.

Eine Burlesque-Königin muss sich natürlich standesgemäß einkleiden: und so besuchen wir nach einem schnellen Espresso im Berliner Kaffeekontor , wo sie gerne Kaffeebohnen und Schokoladen kauft, Marlenes Lieblingsboutique im Prenzlauer Berg. Fruchthaus heißt der Designer-Laden für neue Klamotten im Vintage -Stil, weil früher ein Obstladen in dem Gebäude war. Inzwischen gibt es dort mehr als 1000 Kleider verschiedener Marken aus dem Stil vergangener Jahrzehnte: vom Dixie-Kleid bis zur femininen Marilyn Monroe Ballrobe findest du hier alles, was du für einen besonderen Auftritt brauchst. Verkäufer Armin, der auch Filmschauspieler einkleidet, weiß mit einem Blick, was dir steht . Ist dieses schöne Kleid nun für Marlene oder für Ariane? Denn uns interessiert, wie es sich mit einem Alter Ego lebt – fühlt sich diese Rolle, in die man kurzzeitig schlüpft, schon wie ein guter Freund an? "Die Figur Marlene ist mir sehr vertraut, wahrscheinlich sogar mehr als Ariane. Über sich selbst weiß man ja eigentlich nicht so viel, da ist so viel Unbewusstes dabei. Ich weiß nicht, ob man jemals rausbekommt, wer man selbst eigentlich wirklich ist. Aber wer Marlene von Steenvag ist, das weiß ich", sagt die gebürtige Nordrhein-Westfalin.

Ein zweites Outfit müssen wir natürlich auch noch probieren! ©Ralph Penno Ein zweites Outfit müssen wir natürlich auch noch probieren! ©Ralph Penno

 

Improvisation ist alles

Der Weg hierhin war aber nicht immer leicht: Früher hatte Marlene wahre Panikattacken in einem engen Raum mit vielen Menschen, zum Beispiel in der U-Bahn oder im Supermarkt. Sie erzählt uns, dass die Momente vor einer Burlesque-Show der wahre Horror für sie waren. Doch sie kämpfte immer wieder von Neuem gegen ihre Angst an, da sie unbedingt Burlesque tanzen wollte: "Du musst einen guten Grund haben, warum du auf der Bühne stehen willst. Und wenn der Grund groß genug ist, dann wirst du alles überkommen, um dich da hinzustellen", so die Performerin. Das lernte Marlene schon bei ihrem ersten Bühnenauftritt als Schauspielstudentin in England, als sie irgendwann merkte, dass der Teil mit Kostümwechsel , bei dem sie sich halb ausziehen musste, besser beim Publikum ankam als ihr Gesang. Fortan konzentrierte sie sich also einfach mehr aufs kunstvolle Ausziehen und kam darüber irgendwann zum Burlesque.

Improvisation ist auch beim Burlesque sehr wichtig: es besteht eine sehr starke, direkte Verbindung zwischen der Tänzerin und Publikum. Um die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, muss die Burlesque-Performerin auch auf das Publikum reagieren und mit ihm interagieren können. Denn natürlich passieren aber auf einem Profi wie ihr manchmal noch Patzer. Marlene erzählt uns von einem Abend in Hamburg, als sie eine neue Show aufführen wollte. Da der Boden backstage so dreckig war, hatte sie typische weiße Hotelschlappen an. Auf den Treppenstufen vor der Bühne wollte sie eigentlich noch die Schlappen ausziehen – und vergaß es. Mit klassischer Musik und großem Pathos stolzierte sie also auf die Bühne, an den Füßen zwei weiße Hotelschlappen. Als sie das Malheur während der Show bemerkte, kickte sie die Schlappen weg, die nun aber auf Bühne lagen, wo sie jeder sehen konnte – darauf waren zwei schwarze Fußabdrückte abgezeichnet.

Marlene ist eine wahrer Sonnenschein. ©Ralph Penno Marlene ist eine wahrer Sonnenschein. ©Ralph Penno

 

Burlesque als Beruf ist ziemlich anstrengend

Während sie uns von dieser Episode erzählt, laufen ihr vor lauter Lachen die Tränen über die Wangen und hinterlassen schwarze Striemen. Das kümmert sie jedoch nicht viel. Lachen tut die Bühnen-Diva sowieso sehr gerne und sehr viel. Welche Eigenschaften eine Burlesque-Performerin sonst noch braucht, um erfolgreich zu sein – außer auch mal eigene Fehler mit Humor zu nehmen – verrät uns die Expertin ebenfalls: "Viel Durchhaltevermögen, einen langen Atem und nicht zu viel darauf achten, was andere von dir denken – also eher Soft Skills statt knallhartes Tanztraining." Es komme aber auch darauf an, ob man Burlesque als Beruf machen wolle oder einfach zum Spaß als Hobby. "Wenn du Burlesque als Beruf machst, hast du eine Kunst als Profession – dann musst du kreativ sein, aber trotzdem organisiert und vor allem aktiv, denn du musst immer, immer, immer etwas machen."

Davon kann sie selbst ein Lied singen: Nicht nur, dass sie die Academy leitet und auch Tanzstunden gibt – Marlene organisiert auch zusammen mit ihrer Freundin Else Edelstahl das Burlesque Festival in Berlin und Hamburg. Und bereits zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes stand Marlene von Steenvag wieder auf der Bühne und performte. Ansonsten ist natürlich als junge Mutter eines sechs Monate alten Babys gerade viel Familien-Action angesagt und in dem Zusammenhang kommt sie gleich darauf zu sprechen, was sie an Berlin nervt: "Mich stört es, wenn dieser Optimierungswahn schon mit Babys anfängt, die unbedingt gefördert werden müssen. Ich weiß nicht, ob es Berlin-typisch ist, aber hier im Prenzlauer Berg ist das schon stärker als in einer kleineren Stadt, wo man die Kinder einfach sein lässt und nicht diesen Wettbewerbsgedanken hat", so die entspannte Mama.

Ansonsten mag sie den Prenzlauer Berg aber sehr, gerade weil er so ruhig ist im Vergleich zu Friedrichshain, wo sie vorher gewohnt hat. Trotzdem ist sie gerne noch in ihrem alten Kiez, wo auch viele Freunde wohnen. "Aber ich glaube, im Prenzlauer Berg wird man schneller alt als in Friedrichshain", so die Burlesque-Künstlerin lachend. Dieser Effekt scheint bei ihr allerdings noch nicht zugeschlagen haben, sie wirkt immer noch jugendlich unbeschwert und sieht aus wie eine 30-Jährige. Bei einem Glässchen Wein in der sehr schönen Weinbar La Buvette schwärmt sie zum Abschluss noch von der Berliner Freiheit: "Berlin ist für mich der Inbegriff an persönlicher Freiheit. Angefangen damit, wie man sich anziehen oder darstellen möchte, was man beruflich machen oder zusammen sein möchte." Das hänge auch damit zusammen, dass Berlin so facettenreich ist. "Ich kann mir jeden Tag neue Lieblingsorte aussuchen. Egal, was ich machen möchte, ich kann es hier machen", so die Königin des Burlesque. Wir beugen unser Haupt vor dieser tollen Frau und sind der Meinung, dass jede Frau so viel Selbstliebe lernen sollte – vielleicht ja bei der nächsten Burlesque-Stunde?

Berlin Burlesque Academy

Greifenhagener Straße 64
10437 Berlin

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Quelle: QIEZ
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