• Montag, 12. Dezember 2011

Wladimir Kaminer in Prenzlauer Berg

Kapitalistische Bäume

  • Wladimir Kaminer
    Autor Wladimir Kaminer fühlt sich schon seit Ewigkeiten wohl in Prenzlauer Berg Foto: dapd - ©Patrick Sinkel

Seit Schriftsteller Wladimir Kaminer vor Jahren von Moskau nach Berlin kam, lebt er in Prenzlauer Berg. Die Liebe zu seinem Wohnbezirk geht soweit, dass der Alltag hier immer wieder in seinen Romanen vorkommt. Was ihm in Prenzlauer Berg allerdings fehlt, sind unterirdische Parkhäuser für alle Autos.

Wladimir Kaminer steht auf der Gleimstraße und leckt an einer Kugel Schokoladeneis. Das stammt direkt von der kleinen Eisdiele gleich nebenan: "Das Eis ist natürlich aus eigener Herstellung. In Prenzlauer Berg findet sozusagen das ganze Leben in eigener Herstellung statt. Die Leute stellen alle selbst etwas her, weil es keine großen Firmen als Arbeitgeber gibt."

Der Schriftsteller muss es wissen: Er verdient sein Geld damit, selbst etwas zu herzustellen: lustige Bücher. Darin kommt immer wieder sein Lieblingsthema vor - der Alltag in Prenzlauer Berg: Mit "Russendisko" und "Schönhauser Allee" wurde Kaminer bekannt. Auch in seinem Werk "Liebesgrüße aus Deutschland" erzählt er Geschichten aus "seinem" Stadtteil: Der 44-Jährige mit deutschem Pass und russischem Akzent gehört hier fast schon zu den Ureinwohnern.

Seit er 1990 aus Moskau nach Berlin kam, lebt er "immer im selben Quadratkilometer": Anfangs an der Schönhauser Allee, später an der Dunckerstraße und seit sechs Jahren an der Gleimstraße. "Hier ist es besser als überall anders. Man hat von allem etwas: Großstadt, Natur und sogar Kurse für musikalische Früherziehung."

Wohnen in Prenzlauer Berg - Einkaufen in Wedding

Der Familienvater steht an der Kreuzung Ystaderstraße Ecke Gleimstraße und zeigt auf mehrere leerstehende Geschäfte: Die Apotheke sei weg, weil keiner mehr krank wird, sagt er. "Auch der Friseur, die kleine Kneipe und der Burger-Laden haben kürzlich zugemacht." Seine aus Bayern stammenden Webdesigner-Nachbarn sagten, das seien die Folgen der Gentrifizierung. "Überall hört man davon – aber meistens von denen, die selbst die Gentrifizierer sind." Als die Nachbarn mitbekamen, dass die alte Dame aus dem kleinen Supermarkt gegenüber kapitulieren will, seien sie sofort zu ihr gelaufen, um zu fragen, ob sie ein Biogeschäft daraus machen könnten.

Kaminer deutet auf eine rote Markise: In Prenzlauer Berg gebe es nicht nur viele Bioläden, sondern auch so viele vietnamesische Restaurants wie noch nie. "Die überleben, weil da nur Familienmitglieder arbeiten, und zwar ohne Gehalt“, weiß Kaminer. Eine Entwicklung, die er nicht schlimm findet: "Das ist multikulti. Und nur, wenn sich eine Gegend verändert, bleibt sie lebendig." Dennoch kauft er lieber in Wedding ein, bei den türkischen Läden. "Da ist das Fleisch viel billiger und die Gurken mit Gänsehaut, die Russen so gern essen, auch."

Wladimir Kaminer nimmt die Entwicklung gelassen und regt sich selten auf. Höchstens die Sache mit den Bäumen, das ging ihm ganz schön nahe. In seiner Straße wurden viele "sozialistische Bäume" aus DDR-Zeiten gefällt. Die wären fast auf die "kapitalistischen Autos" gefallen. Zusammen mit anderen Anwohnern versuchte Kaminer die Politiker davon zu überzeugen, "kapitalistische Bäume" zu pflanzen. Wie er sagt, wurde nichts erreicht, nur viel geredet. "Deshalb haben wir Geld gesammelt und selbst Bäume gepflanzt." Denn Bäume mag er viel lieber als "kapitalistische Autos": "Ich würde alle Autos in unterirdische Parkhäuser verbannen", meint er, obgleich er selbst einen Wagen hat und auch einen Anwohnerparkausweis.

Und wie so oft weiß man nicht genau, ob Herr Kaminer das ernst meint. 2006 hatte er verkündet, er wolle bei der nächsten Wahl gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit antreten. Das hat sich auch als Scherz herausgestellt.

Prenzlauer Berg

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Quelle: Der Tagesspiegel
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