• Montag, 02. September 2013
  • von Kevin Grünstein

Der strassenfeger wird obdachlos

Wortmonster frisst Straßenzeitung

  • strassenfeger
    Kurz nachschlagen, kurz innehalten: Was ist Aufwertung und wer hat dazu beigetragen? Foto: dpa - ©picture alliance / dpa

Prenzlauer Allee - Gentrifizierung ist: die "Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird". Die Definition des Wortmonsters passt gleichsam exakt und überhaupt nicht zur Räumungsklage des mob e.V. und seiner diversen Hilfsprojekte.

Der Name mob dürfte nur wenigen etwas sagen, zumeist denen, die sich mit den ehrenamtlichen Projekten in Berlin auskennen. Was aber jeder kennen dürfte: den strassenfeger. Die Zeitung, die obdachlose und spendenbedürftige Menschen mit lässigen Monologen in den U-Bahnen verteilen, wird vom Verein mob produziert. "Obdachlose machen mobil", wie sich der Vereinstitel ausschreibt, ist volles Programm. Im Vereinsheim in der Prenzlauer Straße 87 gibt es eine Art Sozialwarenkaufhaus, den Trödelpoint, und eine Notübernachtungsstätte. Noch dazu betreiben die Bildungsschichten-übergreifenden Ehrenamtlichen das Kaffee Bankrott; Treffpunkt der strassenfeger-Verteiler und Obdachlosen, Tafel, Café und Unterkunft in einem.

Der Prenzlauer Berg wird schicker - ohne Obdachlose

Mit der am Freitag eingetroffenen gerichtlichen Räumungsklage ist das alles jetzt vorbei. Die Zeitung der Obdachlosen wird selbst obdachlos, bis Ende des Jahres muss der Sitz geräumt werden. Das Aus der Obdachlosenhilfe geht zurück auf das fristlose Kündigungsschreiben der Vermieterin. "Sie passen nicht mehr hierher, der Kiez ist eben schicker geworden", war eine ihrer Begründungen laut strassenfeger. Gentrifizierung, der Begriff drängt sich auf: Der Prenzlauer Berg ist im Wandel, klar. Er werde wohlhabender, gutbürgerlicher. Damit gehen aber mehr als neue Soja-Macchiato-Cafés und Fairtrade-Bioläden einher.

Nicht nur wollen solche Geschäftsideen eine Bleibe finden, mit ihnen schwingt anscheinend auch gehobeneres Stadtgefühl, das man vom Bezirk und seinen Anwohnern erwartet. Wer im Idealbild eines sonnendurchfluteten Szenekiezes flaniert, kann man sich ausmalen. Ebenso, wer nicht dazugehört. Obdachlose Osteuropäer zum Beispiel, die für 1,50 Euro in der Prenzlauer Allee eines Schlafplatzes sicher sein können. Dabei ist der mob e.V seit Jahren eine Institution und bietet ein vitales Auffang- und Hilfsangebot im Kiez - sich irgendwo am Stadtrand niederzulassen macht organisatorisch und ideologisch keinen Sinn und hinterließe eine völlig falsche Botschaft; als könne man mit den Schwächeren alles machen.

Zumindest der Fortbestand des strassenfegers scheint gesichert, er bleibt in Prenzl' Berg, sogar an der Ringbahn. Aber die neue Heimat in der Storkower Straße wird weniger Zuflucht sein können als die Prenzlauer Allee - zumindest für die bisherigen Nutzer der Notübernachtung. Die zehn Betten für Frauen und sieben für Männer haben dort keinen Platz. Per definitionem geht das doch nicht, Prekariat und Bürgertum zusammen, siehe oben. Will der Kiez saniert, umgebaut, aufgewertet werden, muss damit wohl oder übel die ansässige Bevölkerung verdrängt werden - so die mitschwingende Aussage der Definition "Gentrifizierung". Dabei wohnt dieser traurigen Kausalität ein logischer Kurzschluss inne, wie der strassenfeger und sein Verein beweisen.

"Aufwertung", eine Sache der Perspektive

Stadtführungen von Obdachlosen in Berlin

Unterwegs auf der Schattenseite

Charlottenburg, Schöneberg
Die Sanierung und den Umbau hat ja keinesfalls die vermietende Partei durchgeführt. Mit Hilfe von Freiwilligen und Spenden wurde das Gebäude des mob vor nunmehr zwanzig Jahren vom Asbest freigeschlagen, grundsaniert, umgebaut und wohnbar gemacht. Auch die "Aufwertung" ist eine Sache der Perspektive, beim Schlagwort "Gentrifizierung" grotesk verzogen: Was kann denn aufwertender, sozial verträglicher, moralischer und das Stadtleben fördernder sein, als das soziale Engagement für die schwächsten Schichten? Da ist die Anteilnahme von Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) genauso dankenswert wie kurzsichtig. Durch potente politische Interessenvertreter wie sie müssten Einzelbeispiele wie die Vertreibung des mob in höhere politische Sphären getragen werden.

Denn erstens wird die Summe solcher Einzelfälle in den Kiezen ein Berlinerisches Gesamtbild über die Arm-Reich-Scheren in der Immobilienbranche aufzeigen. Und zweitens ist bereits das Bezirksdrama der Kündigung in der Prenzlauer Allee ein für ganz Berlin manifestes Problem: Den strassenfeger kann jeder lesen, wirklich jeder. Er wird verteilt über den Kiez hinaus und bietet Inhalte von der Straße bis zur Kunstausstellung. Seine Verteiler sind wahrnehmbare Repräsentanten einer aktiven und selbstbestimmten Unterschicht. Berlin nennt sich heterogen, arm aber sexy, multi-kulti. Worthülsen für Investoren, denn während der mob mit seiner Eigensanierung und seinem Engagement den positiven Teil zur Gentrifizierung beigetraten hat, kommt die Verdrängung per juristischem Bescheid, als wären es die Vermieter, die den Kiez lebenswert gemacht haben.

mob e.V. - obdachlose machen mobil - Kaffee Bankrott

Prenzlauer Allee 87
10405 Berlin

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Quelle: QIEZ
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