• Freitag, 04. August 2017
  • von Julia Stürzl

Berliner Urgestein

Zeitzeuge Musikbrauerei: Goebbels, Bier und Handgranaten

  • Die Musikbrauerei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg
    Der Sound der Vergangenheit: Heute beherbergt die ehemalige Schneiderbrauerei ein Tonstudio und dient als Eventlocation. Foto: QIEZ - ©Julia Stürzl

Versteckt hinter einer Häuserreihe an der Greifswalder Straße liegt das große Backsteingebäude der Musikbrauerei. In seiner 125-jährigen Geschichte hat es viel erlebt und hätte bestimmt so einiges zu erzählen. Gut, dass es Jens Reule gibt, der das stattdessen tun kann.

Hin und wieder halten Stadtrundfahrten mit dem Rad außerhalb des Geländes und die Berlin-Besucher erfahren etwas über die Musikbrauerei, während wir mit dem Besitzer Jens Reule vor dem alten Gemäuer stehen. Wir zweifeln daran, dass die Guides so viel wissen wie Reule, denn der Wahlberliner ist ein Geschichts-Experte für den Kiez : Er zeigt uns die Einschusslöcher der im Zweiten Weltkrieg heranrückenden Russen und lässt geheime Schriftzüge wie  "Reule ist doof" im Phosphorlicht an der Kellerwand aufleuchten. "Die langwierigen Auseinandersetzungen mit der Denkmalschutzbehörde sind mit der Grund dafür, warum ich so viel über die Brauerei weiß", sagt der gebürtige Schwabe lachend. "Schließlich musste ich die Beamten überzeugen, dass das Gebäude bleiben muss."

Die Musikbrauerei hat schon 125 Jahre Berliner Geschichte erlebt. ©Julia Stürzl Die Musikbrauerei hat schon 125 Jahre Berliner Geschichte erlebt. ©Julia Stürzl

Im Jahr 1888 kaufte die Familie Schneider das Gelände der heutigen Musikbrauerei und baute die Schneiderbrauerei, die ihr Bier nur für den benachbarten Biergarten Schweizer Garten und nahegelegene Kneipen braute – somit war das Schneiderbier sozusagen das erste Craft Beer Berlins. In den 20er Jahren kam noch unterhalb der Brauerei der Vergnügungspark Märchengartenetablissment hinzu, mitsamt Trinkhalle, Kegelbahn, Lichtspielhaus, Konzert- und Tanzlokal und Boxarena.

Geschichten und Mythos einer Brauerei

Wie viele Brauereien in Berlin ging jedoch auch die C. Schneider Brauerei im Ersten Weltkrieg bankrott. Nach 1945 wurden Teile der Ruine durch eine Autowerkstatt, von einer Kohlenhandlung für Lagerzwecke und als Heizzentrale genutzt. In der DDR dienten die großen Hallen als Reparaturwerkstatt für Trabis, die weiteren Gebäudeteile als Abhörstation der Stasi und als Lagerstätte für Militärausrüstung während des Kalten Krieges – schließlich fand Reule hier alte Gasmasken und –anzüge.

Über Jahre hinweg hat der Besitzer Jens Reule die Antiquitäten gesammelt. ©Julia Stürzl Über Jahre hinweg hat der Besitzer Jens Reule die Antiquitäten gesammelt. ©Julia Stürzl

Das ist nicht der einzige Mythos, der sich um das Gebäude rankt: Auf dem Gelände der Brauerei, im Saalbau Friedrichshain, lieferte sich 1931 der spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels während der Zeit der Saalschlachten ein berühmtes Rededuell mit dem KPD-Leiter Walter Ulbricht, das in gewalttätigen Ausschreitungen endete – Mythos ist, dass Goebbels anschließend sogar durchs Fenster fliehen musste. Auch über den Tunnel, der früher vom Bunker mindestens bis zum Huss-Media Verlag reichte, wie uns Reule erzählt, wird spekuliert: Wie weit und wohin reichte er ursprünglich? Und welchen Zweck hatte er? 

Achtung, hier wird Musik gebraut!

Heute beherbergt die ehemalige Brauerei die Ufo Sound Studios und ist gleichzeitig Ort für Kulturevents – daher kommt auch der Name Musikbrauerei. Im sechs Meter tiefen, zum Luftschutzbunker umgebauten Kellergewölbe, früher Lagerkeller und zu DDR-Zeiten Champignonzuchtanlage, liegen heute die Garderobe, Bunkertoiletten und – weiter hinten in der Dunkelheit versteckt – ein riesiger Fundus historischer Schätze. Diese hat Reule im Laufe der Zeit von Berliner Baustellen, zum Beispiel am Potsdamer Platz, gerettet und hier gesammelt. Auch alte Türen aus dem Reichsverkehrsministerium sowie historische Bunkerbetten, Gasmasken, verrostete Schreibmaschinen und Fernmelder finden wir in dem Sammelsurium an Geräten.

Was auf den ersten Blick nur nach Schrott aussieht, ist historisch wertvoll. ©Julia Stürzl Was auf den ersten Blick nur nach Schrott aussieht, ist historisch wertvoll. ©Julia Stürzl

"Durch die Realität dieser Funde wird man Teil der Geschichte , weil man merkt, dass sie wirklich stattgefunden hat. Sonst liest man ja nur davon", sagt Reule. Die Musikbrauerei, das merken wir, ist Reules Lebenswerk. Im Jahr 2006 kaufte der heute 46-Jährige die ehemalige Brauerei und musste lange mit den Investoren, sowie Planungs- und Denkmalbehörden streiten, damit die Brauerei nicht von einem fünfstöckigen Haus verdeckt wurde. "Der Denkmalschutz bevorteilt die Investoren", sagt Reule. "Denn die müssen im Gegensatz zu uns keinerlei Auflagen erfüllen." Damit gehen viele wertvolle gewachsene Orte verloren, die das Gesicht von Berlin lange Zeit prägten. Ausschlaggebend für den Erfolg seines Anliegens war am Ende auch der historische Eiskeller auf dem Gelände – immerhin der letzte im Stadtinnenbereich.

Berliner Geschichte zum Anfassen

Jetzt, wo die Musikbrauerei bleiben darf, gibt es viele Pläne für die Zukunft: An die Schankhalle soll ein Café angebaut werden und später vielleicht auch wieder eine Brauerei frisches Bier herstellen. Eines Tages will Reule außerdem ein Museum aus seiner Sammlung machen – eines zum Anfassen. Vielleicht findet er jetzt, wo er vorerst nicht mehr mit Behörden und Investoren streiten muss, endlich Zeit dafür.

Kommende Veranstaltungen in der Musikbrauerei sind – neben der regelmäßigen Musikreihe Kiezsalon.

Musikbrauerei

Greifswalder Straße 23a
10405 Berlin

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Quelle: QIEZ
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