Bildung in Kreuzberg

Hoffen auf eine bessere Zukunft

Hoffen auf eine bessere Zukunft
Rayan von der Kreuzberger Jens-Nydahl-Grundschule. Sie darf bei einem Musikprojekt auf den Gong schlagen - etwas ganz Besonderes für sie.
Rayan darf bei einer Mini-Oper mitmachen. In dem Problemkiez von Kreuzberg, in dem die Zehnjährige aufwächst, ist so ein Musikprojekt etwas ganz Besonderes. Hier wird nicht jedes Talent gefördert.

Der kleinen Rayan fällt es schwer, auf den riesigen Gong zu schlagen. Die Jungen, die um sie herum stehen, würden gerne mit ihr tauschen. Aber dieser Gong in der Aula der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg gehört alleine Rayan, dem zarten, zehnjährigen Mädchen mit den großen braunen Augen und dem ernsten Blick. Das ist ihr Moment, ihre Chance. Die Kinder der Jens-Nydahl-Schule kriegen nicht oft Chancen.

Die Schule als Oase

Sie wachsen in der Gegend am Kottbusser Tor auf. Ein Gebiet, das der Sozialatlas seit vielen Jahren als „sehr niedrig entwickelt“ einstuft. In Torbögen liegen Spritzen, auf Bänken sitzen Trinker und Obdachlose. Die meisten Nydahl-Schüler kommen aus türkischen und arabischen Familien, drei haben deutsche Wurzeln. 92 Prozent leben von Hartz IV und dem, was sie dazuverdienen.

Die Schule ist ein Rückzugsort für die Schüler: ein moderner, heller Bau mit einem großen Schulhof mit Sportplatz, hohen Bäumen und Blumenbeeten. Es gibt Trommel- und Zirkus-AGs, es gibt die Stadtteilscouts und seit Januar arbeiten 48 Kinder an der Mini-Oper „Traumspiel“. Sie sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Viele von ihnen waren noch nie im Theater, hatten auch noch nie ein Instrument in der Hand.

Rayan darf als Einzige aus der 4c beim Opernprojekt mitmachen. Nur von ihr glauben die Lehrer, dass sie trotzdem weiterhin im Unterricht mitkommt, auch wenn sie wegen der Proben Stunden ausfallen lassen muss.

Scheitern ist normal

Sie wollte unbedingt mitmachen, schon in der zweiten und dritten Klasse konnte Rayan besser singen und musizieren als ihre Mitschüler. Sie weiß nicht, dass es in vielen Schulen ganz normal ist, dass Kinder Theater spielen. Für sie ist das Opernprojekt einmalig. Bei ihr zu Hause im Wohnzimmer steht kein Klavier. Es gibt neun Kinder und die Eltern. Sie hatten mal eine Trommel, meint Rayan. Die Brüder haben sie kaputt gemacht.

 „Ich erlebe Kinder in Musikhochschulen und Gymnasiasten, die haben auch kein anderes Talent als diese Kinder hier“, erklärt Dirigent Gerhard Scherer. „Aber dort gibt es mehr Geld und gezielte Förderung.“

Wenn hier mal eine Probe daneben geht, ist die Krise eine grundsätzliche. Viele Kinder geben gleich auf, wenn etwas schiefgeht. Scheitern ist für sie der Normalfall. Nicht, dass man die Zähne zusammenbeißt, bis sich Erfolg einstellt. „Ich habe Angst, dass mich Herr Scherer rauswirft, wenn ich es nicht schaffe“, meint Rayan nach einer Probe.

Sozialer Aufstieg hängt vom Status der Eltern ab

Rayan ist ein roher Diamant, der geschliffen werden müsste, meint die Klassenlehrerin. Das Mädchen sei neugierig und kreativ. In den meisten Fächern hat Rayan die Note 3 oder 2. Sie könnte aber noch viel besser sein. Wenn sie nur nicht so schlecht organisiert wäre, unaufgeräumt, flüchtig. Doch die Lehrer haben alle Hände voll zu tun, den schwächeren Kindern Lesen, Rechnen, Schreiben und Konzentration beizubringen und ihren Horizont etwas über Kreuzberg hinaus zu erweitern. Zu Hause bei Rayan, da sind acht Brüder. Vier ältere, vier jüngere, der älteste ist 15, der jüngste 3. Mit den Brüdern und Eltern lebt Rayan in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Vater und Mutter sind Palästinenser aus dem Libanon.

Der 40-jährige Vater lässt sich in der Schule blicken, wenn es etwas zu besprechen gibt, und er kommt zur Väter-Kind-Gruppe. Er wirkt müde vom Leben, von der Sorge um die Verwandten im Libanon und um die Kinder hier. Bis vor kurzem hat er in einer Pizzeria in der Küche gearbeitet. Dann hat sich das Bratfett auf seine Lunge gelegt. Die Mutter kennt keiner an der Schule.

Neun Kinder, drei Zimmer, Kreuzberg – wenn es nach der Statistik geht, kann das nichts werden mit der Bildung. In keinem anderen europäischen Land hängen der schulische Erfolg und der soziale Aufstieg so sehr vom Geld und Status der Eltern ab wie in Deutschland.

Ein voller Erfolg

Aber Rayan will ihr Abitur machen und Ärztin werden, das betont sie immer wieder. So wie ihr Bruder Isa, der es wohl aufs Gymnasium schaffen wird. Aber wie soll sie das erreichen, wenn sie nicht jetzt schon jede Minute lernt? Sie muss ihrer Mutter beim Kinderhüten, Einkaufen und Kochen helfen statt „Deutschland sucht den Superstar“ zu schauen wie andere Kinder. Vielleicht lernt sie dadurch etwas, das auch wichtig ist im Leben: solidarisch sein. Tatsächlich bemerken die Lehrer, wie liebevoll Rayan und ihre Brüder miteinander umgehen und wie gerne sie anderen helfen.

Am 30. März, dem Tag der Aufführung ihrer Mini-Oper, meint Rayan: „Ich bin so nervös, mein Puls ist bestimmt über 100.“ Aber das Mädchen ist konzentriert, die Einsätze klappen, und der große Gong lässt alle erschauern, die Spieler auf der Bühne, die Mitschüler im Zuschauerraum, Eltern, Lehrer, Freunde der Schule. „Zugabe“, rufen die Zuschauer am Ende der Aufführung und applaudieren enthusiastisch. Rayan verbeugt sich mit den anderen.

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