Projekt im Kiez

Die Nachbarschaft vernetzen

So sieht der digitale Briefkasten aus.
So sieht der digitale Briefkasten aus.
Fischerinsel - Probleme im Kiez - etwa die steigenden Anonymität in der Hochhaussiedlung oder die Instandhaltung öffentlicher Sitzgelegenheiten - zu kommunizieren und dafür zu sorgen, dass es ein Miteinander der Anwohner gibt, das soll der digitale Briefkasten der "Vernetzten Nachbarschaft" auf der Fischerinsel übernehmen. Initiiert wurde das Projekt vom SeniorenComputerClub in Mitte und von Doktoranden der Universität der Künste. Wir haben mit Andreas Unteidig vom Design Research Lab der UdK gesprochen.

Warum habt ihr euer Projekt „Vernetzte Nachbarschaft“ ausgerechnet auf der Fischerinsel gestartet?

A. U: „Wir waren schon im Rahmen eines vorherigen Projektes mit dem SeniorenComputerClub (SCC) verbunden. Aus dieser Zusammenarbeit entstand der Gedanke, das Prinzip, welches im Clubleben für eine gemeinsame, soziale Grundlage sorgt, auf die Fischerinsel auszuweiten. Mit „Prinzip“ meine ich das gemeinsame Bearbeiten einer Frage, eines Interesses oder eines Problems – also etwas, das für alle Beteiligten relevant ist (wie im Falle des SCC: die Beschäftigung mit Computern und anderen Kommunikationstechnologien). Dieser gemeinsame Gegenstand kann Unterschiede überbrücken, welche ansonsten einer sozialen Interaktion dieser Personen im Wege stehen. Dadurch können soziale Beziehungen entstehen, die über ein anfängliches Projekt hinausreichen.

Die Fischerinsel erschien uns umso passender für diesen Versuch, da sich viele Bewohnerinnen über die steigende Anonymität in der Hochhaussiedlung beklagten. Gleichzeitig berichteten sie von vielen Problemen, an welchen sie gerne arbeiten wollen (z.B. die Instandsetzung der öffentlichen Sitzgelegenheiten).

Wir versuchen nun zusammen mit unserer „Vernetzte Nachbarbarschaft“-Gruppe, diese beiden Faktoren (Anonymität und Handlungsbedarf in der Nachbarschaft) zu verbinden, in der Annahme, dass das gemeinsame Bearbeiten dieser Projekte sich schlussendlich auch positiv auf das soziale Gefüge der Nachbarschaft selbst auswirken wird.“

 

Als Mittel für die Kommunikation dient ein sogenannter digitaler Briefkasten. Anwohner werfen ihre Anliegen auf Postkarten hinein und diese werden dann ins Internet „übertragen“. Wozu soll das dienen?

A. U: „Der analog-digitale Briefkasten ist ein erster Prototyp aus einer Reihe von verschiedenen Zugangspunkten, welche die digitale mit der analogen Welt verbinden sollen. Wir bewegen uns in Bereichen der politischen Partizipation und Bürgerbemächtigung, in welchen sich momentan sehr viel tut – jedoch beinahe ausnahmslos im Internet, denken wir an Stichworte wie e-participation, liquid democracy etc.

Das sind erfreuliche Tendenzen, die jedoch leider ein hohes Ausschlusspotenzial in sich bergen: Wenn all diese neuen Partizipationsmöglichkeiten ausschließlich online existieren, wie stellen wir sicher, dass Personen mit geringer oder keiner Internetaffinität – seien dies ältere, ärmere oder in irgendeiner betreffenden Weise benachteiligte Menschen – teilhaben können?

Der Briefkasten illustriert unsere Designstrategie, bekannte Kommunikationsrituale in das Digitale zu übersetzen: Sehr viele Menschen wissen, wie ein Brief einzuwerfen ist – unser Prototyp übernimmt die Digitalisierung und Verbreitung über das Internet und bietet damit niederschwellige Wege der Teilhabe an.“

Und woran haben die Leute im Kiez größtes Interesse? Wobei versprechen sie sich Hilfe?

A.U.: „Es gibt auf der Fischerinsel ein enormes Potenzial an sozialem Engagement. Dies lässt sich nicht zuletzt an der Vielfalt von Initiativen, Vereinen und sonstigen Zusammenschlüssen beobachten, wie sie beispielsweise mit dem SCC, dem Kreativhaus oder der Initiative „Rat und Tat“ auf der Insel bestehen.

All diesen ehrenamtlichen Kräften ist jedoch gemein, dass sie Schwierigkeiten in der Aktivierung und Organisierung von bisher Nicht-Aktiven wahrnehmen und sozusagen ‚unter sich‘ bleiben, zudem sind sie untereinander nur bedingt vernetzt, wodurch sie wenig von den Ressourcen des jeweils Anderen wissen bzw. profitieren können. Unsere Partner vor Ort nehmen sehr aufgeklärt zur Kenntnis, dass die „alten“ Formen der Organisierung, also die Bindung an einen Verein oder eine ähnlich strukturierte Gruppe, nur noch schlecht mit dem Leben heute vereinbar ist. Auf dieser Basis erkennen sie klar das Potenzial der ‚losen‘ Vernetzung über verschiedene Projekte, die aufgebaut und bearbeitet – aber auch wieder beendet werden können. Hierdurch versprechen sie sich eine größere Dynamik und  Reichweite des sozialen Engagements in der Nachbarschaft.“

Weitere Infos gibt’s hier.

Die Nachbarschaft vernetzen, Fischerinsel 10, 10179 Berlin

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