Projekte gegen Jugendarmut

Quäntchen Glück

Das Jugendzentrum Steinhaus steht für offene Jugendarbeit. Zu den vielen Freizeitangeboten gehört auch das Motocrossfahren.
Das Jugendzentrum Steinhaus steht für offene Jugendarbeit. Zu den vielen Freizeitangeboten gehört auch das Motocrossfahren. Zur Foto-Galerie
Um Jugendarmut in Lichtenberg zu bekämpfen, unterstützt ein christlicher Verein dort die Kinder- und Jugendeinrichtungen Steinhaus und Haus Magdalena.

Als Daniels Eltern sich vor einigen Jahren trennten, wollte das Sandwich-Kind mit jemandem reden. Er ging in seinen Jugendclub, ohne seine vier Geschwister, und fand offene Ohren. Zum Glück, wie der heute 17-Jährige sagt: „Wenn ich nicht hierher kommen würde, ich wäre direkt in eine andere Schiene gedriftet.“ Zur selben Zeit hatte ein anderer Daniel, ebenfalls in Lichtenberg, quasi das umgekehrte Problem: Mit seinen Eltern konnte er reden. Sonst mit kaum jemandem. Denn der heute 14-Jährige war neu in der Stadt, und er sprach kein Deutsch.

Armut: nicht nur ein materieller Mangel

Für den Pfarrer Simon Rapp sind junge Menschen wie die beiden Daniels arm. Zwar spiele finanzielle Bedürftigkeit in den oft bildungsfernen Herkunftsfamilien meist eine Rolle. Wer etwa das Geld für Kinobesuche und andere Vergnügungen nicht aufbringen könne, stehe schnell im Abseits. Doch sei Jugendarmut keine rein materielle Armut. „Jugend ist in unseren katholischen Augen auch dann arm, wenn sie sozial oder emotional bedürftig ist“, so der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V.

Die „Initiative gegen Jugendarmut“ der BAG KJS hat sich auf die Fahnen geschrieben, betroffene junge Menschen zu begleiten und zu fördern. In Lichtenberg zum Beispiel, indem sie die Einrichtungen Steinhaus und Haus Magdalena unterstützt. Damit will sie den Jugendlichen aus dem Bezirk den Weg in eine lebenswerte Zukunft zeigen. Mit einem Quäntchen Glück gehen sie ihn.

Das Steinhaus: junge Menschen motivieren und individuell fördern

Beide Einrichtungen dienen der Jugendsozialarbeit. Die Betreuer wollen junge Menschen mit schwierigen Lebensumständen bedingungslos auffangen, ihnen eine Stütze sein, ein stabiler Anlaufpunkt im Alltag. Individuelle Förderung wird großgeschrieben. Johannes Falk, Sozialpädagoge und Leiter des Steinhauses, sagt: „Uns ist wichtig, Freizeitangebote zu bieten, die sich die Kinder und Jugendlichen bei ihrem Background sonst nicht leisten könnten.“ Etwa 40 bis 60 Lichtenberger im Alter von 8 bis 25 schauen pro Tag vorbei. Freiwillig. Offene Jugendarbeit ist hier Programm.

Das Steinhaus in der Schulze-Boysen-Straße

Daniel, der 17-Jährige, kommt bereits seit seinem elften Lebensjahr ins Steinhaus. Die Freunde, die der Schüler in der Caritas-Einrichtung gefunden hat, trifft er täglich. „Wir chillen und quatschen hier“, sagt der geborene Berliner mit kongolesischen Eltern. Wer mag, kann seinen kreativen Neigungen folgen. Bei Tanz- und Theaterprojekten zum Beispiel oder im Gitarren-, Schlagzeug- und Bassunterricht.

Daniels ältere Kumpels Ramon, Stefan und Tim haben dank des Steinhauses sogar Motocross fahren gelernt. Dazu das Schrauben, und, was noch viel wichtiger ist: dass sie etwas schaffen können, dass sie sich Ziele stecken und sie erreichen können. Ramon will jetzt sogar studieren, Business Administration an der HWR, der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Daniel hat noch keine genaue Vorstellung von der Zukunft. Dafür ein Vorbild, den Steinhaus-Erzieher Marcel Krüger: „Er hat es auch gepackt“, sagt Daniel.

Das Haus Magdalena: dafür sorgen, dass Jugendliche wieder zur Schule gehen wollen

Während die Motivation bei einigen Steinhäuslern über einen langen Zeitraum eher unterbewusst wächst, erkämpfen sie die Betreuer im Haus Magdalena mit systematischen Fördermodellen. Die Jugendlichen, um die es hier geht, sind Migranten mit Schulproblemen, Dauerschwänzer und Schulabgänger ohne Abschluss. Die Magdalena-Leiterin Annette Sailer erklärt: „Wir arbeiten daran, dass die Jugendlichen überhaupt einen Schulabschluss machen wollen.“

Das Haus Magdalena in der Buchberger Straße

Dass das funktionieren kann, auch vor einem Migrationshintergrund, zeigt das Beispiel des 14-jährigen Daniel. Als Sohn einer russischen Immigrantenfamilie startete er in Berlin-Lichtenberg ausgerechnet in einer Gegend, in der besonders viele russische Familien leben. So lernte er kaum Deutsch. Deshalb wurde er in eine Förderklasse gesteckt. Er war drei bis vier Jahre älter als alle seine Mitschüler. Kein Wunder, dass der Junge sich zurückzog. „Am Anfang war ich sehr verschlossen“, sagt er. Er sprach selbst mit Bekannten kaum ein Wort.

Geholfen hat Daniel der niedrige Betreuungsschlüssel im Haus Magdalena: Zum Sozialpädagogen Andreas Niggestich konnte er stückweise Vertrauen aufbauen. Mit der emotionalen Bildung reifte auch die Persönlichkeit des Teenagers. Er unterstützte Niggestich bei der Erarbeitung einer Fotoausstellung – hoch motiviert. Inzwischen unterhält sich Daniel komplett auf Deutsch, selbst mit Fremden. Und der Wechsel in eine passendere Schule hat auch geklappt. 

Foto Galerie

Magdalena Caritas Kinder- und Jugendzentrum, Buchberger Straße 4-12, Haus 8A, 10365 Berlin

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