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Sprechstunde: Kann man alles, wenn man will?

Sprechstunde: Kann man alles, wenn man will?
Görlitzer Bahnhof - "Wenn man morgens aufsteht und nichts mehr spürt, keine Motivation, keine Freude, und das über mehrere Wochen, dann weiß man, es stimmt irgendwas nicht mehr." Die Lilies Diary-Bloggerin Christine Neder sitzt diesmal für ihre wöchentliche Sprechstunde nicht in ihrem Stammcafé, sondern ist nach Kreuzberg gefahren ... 

Ich frage mich oft, was man denkt und fühlt, wenn man an dem Punkt angekommen ist, an dem man weiß, dass man sein Leben ändern muss. Oder sein Ändern lebt. Seit ich den Artikel über Julia Engelmann geschrieben habe, denke ich sehr viel darüber nach. Was verändert uns, wann erkennt man den richtigen Weg und wie schafft man es, sich zu trauen. Ich sitze für meine wöchentliche Sprechstunde nicht in meinen Stammcafés, sondern bin nach Kreuzberg gefahren, um mich in der Mittagspause mit Bianca zu treffen.

1. Name, Alter, Beruf: Bianca, 24 Jahre alt, in der Schwebephase
2. Wie kam die Person zu mir: Über Twitter. Ich habe geschrieben, dass ich jemanden für meine Sprechstunde suche. Ich habe sie vorher einmal auf einer Party gesehen.
3. Was trinkt die Person: Minztee

„Die Zeit mit den Kindern war sehr schön, aber sie war viel zu kurz und die ganzen Rahmenbedingungen stimmten einfach nicht“, Bianca hält sich an ihrem Glas fest. Als ich ein Foto von ihren Händen mit ihrem Getränk machen wollte, hat sie scherzhaft bemängelt, dass sie sich die Nägel nicht gemacht hat, aber da schaut sowieso keiner hin. Ich bleib in ihren Augen hängen und an dem kleinen Tattoo an ihrem linken Handgelenk, ein Anker. Ich habe mir bis jetzt nie Gedanken darüber gemacht, wie das Leben einer Erzieherin aussieht. Weder kannte ich eine, noch habe ich Kinder. Aber es war immer einer dieser Berufe, die ich mir manchmal heimlich wünschte, weil sie mir so „leicht“ vorkamen. Ein bisschen vorlesen, Mittagessen zubereiten und abends nach Hause kommen und Feierabend haben. Außerdem den ganzen Tag etwas Gutes und Sinnvolles tun. Kein Facebook-Like-Gehetze, kein Textdruck, keine Bild-Abmahnungen …

Bianca ist 24 Jahre alt. In Augsburg hat sie fünf Jahre lang eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Warum? Weil sie eben etwas Gutes tun wollte, wie die meisten, die einen Beruf in diesem Bereich wählen. Nach fünf Jahren Ausbildung und zwei Jahren Kindergarten ist sie in die Behindertenhilfe gewechselt. Dort verbrachte sie den Tag oft alleine mit sieben behinderten und psychisch erkrankten Menschen, wenn ihre Kollegin mal wieder „krank“ war. Der eine hatte Demenz und 1000 Fragen, zwei waren Autisten, ein Anderer musste gewickelt werden. Am schlimmsten war ein Betreuter, der immer aggressiv wurde und sie öfters gepackt hat, so dass sie Narben und Quetschungen am Arm bekommen hat. Den Raum verlassen können, war nicht drin, aufs Klo gehen nur möglich, wenn ein anderer Kollege vorbei gekommen ist. Alles in allem zu viel Verantwortung für eine 20-Jährige, die gerade erst mit der Ausbildung fertig war.
Nach den zwei Jahren in der Förderstätte für Menschen mit Behinderung zog sie nach Berlin und ging zurück in den Kindergarten. „Ich habe erst einmal eine Auszeit von dem heftigen Psychozeug gebraucht und musste wieder was mit kleinen, süßen Kindern machen“, gibt sie mir als Begründung. Der normale Personalschlüssel in diesem Beruf – ein Erzieher für drei Kinder. In Berlin waren sie zu zweit für 18 Kinder im Alter von 1 bis 6 Jahren. Wenn die Kollegin krank war, hatte Bianca 18 Kinder und man ist oft krank in diesem Beruf. Nicht nur wegen der Viren und Bakterien, die jedes einzelne Kind mitbringt, sondern auch wegen des Lärms, der einem zu schaffen macht.
„Im Durchschnitt ist man jeden Tag 100 Dezibel ausgesetzt.“ Ich habe einmal mit der Dezibel-App gemessen, wie laut ich rülpsen kann. Es waren 80 Dezibel. Wenn ich mir vorstelle, dass es genauso laut ist, wie wenn ich den ganzen Tag rülpsen würde, wird mir schlecht.

Bianca möchte reden. Das gefällt mir. Sie möchte sich nicht beschweren oder jammern, sie möchte einfach Sachen einmal sagen, klarstellen, wie es ist und das als Erzieherin immer mehr von einem verlangt wird: Protokolle über die Entwicklung, Beobachtungen, Elterngespräche halten, mehr Anforderungen von den Eltern. Die Zeit am Kind wird zunehmend weniger, weil man schlichtweg keine Zeit hat, weil man keine Zeit hat, da die Erzieherin nur noch am Planen und Schreiben ist und wenn sie sich hinsetzt und etwas vorliest, dann beschweren sich die Eltern am Abend. „Wenn kein Bild am Ende des Tages an der Wand hängt, dann fragen sie mich, was wir denn den ganzen Tag gemacht haben“, erzählt mir Bianca.

Berlin gibt einem alles, was man braucht.

Sie wollte, aber sie konnte nicht mehr. Letztes Jahr im Mai hat sie festgestellt, dass das Gefühl der Demotivation nicht mehr weggeht. Die Freude war weg. Wir reden kurz über unsere Eltern, die Generation, die seit 30 Jahren in einer Firma arbeiten, jeden Tag schimpfen, aber es trotzdem weiter durchziehen. Die Generation, die Arbeit und Spaß trennt. „Einerseits bewundere ich es“, sagt Bianca, „wie sie jeden Morgen da hingehen und Schichtdienste machen können, andererseits tut es mir aber auch leid. Ich halte schon viel aus, aber irgendwo habe ich eine Grenze, an der ich weiß, jetzt brauche ich was anderes sonst gehe ich kaputt.“
Sie hat ihren Sommerurlaub damit verbracht, ein Praktikum in einer Werbeagentur zu machen. Nach dem Schnupperpraktikum hat die Agentur ihr ein weiteres sechsmonatiges Praktikum angeboten. Ich kenne eigentlich niemanden, der diesen Weg eingeschlagen hat, von der Erzieherin zur Medienfrau. Normalerweise ist er umgedreht. Die Menschen kehren der Medienwelt den Rücken zu und möchten etwas „Gutes tun“. Ich stelle die Frage dreimal in unserem Gespräch: Was fasziniert dich an dieser Onlinewelt? Eine richtig einleuchtende Antwort bekomme ich nicht. „Ich bin so eine Tippse. Das macht mir Spaß. Ich bekomme direktes Feedback, das ist auch schön.“ Klar, sie bringt viele nützliche Eigenschaften mit, ist teamfähig, einfühlsam, kommunikativ, aber was genau fasziniert sie? „Es ist was ganz anderes als die sozialen Berufe.“ Ja, ich würde es manchmal sogar asozial nennen, aber egal. Für manche Sachen braucht man keine Erklärung, ich muss mich mal davon verabschieden, immer alles zu analysieren und ganz ehrlich, wenn man 15 Kinder bespaßen und gut mit Behinderten umgehen kann, dann hat man die besten Vorraussetzungen eine Online-Community zu betreuen.
Seit Kurzem weiß Bianca, dass sie von der Agentur übernommen wird. Die Bezahlung ist schlechter als bei ihrem Beruf als Erzieherin, aber das ist ihr egal. Bianca war mutig. Das Arbeitsamt wollte sie nicht unterstützen. Erzieherinnen werden händeringend gesucht, die lässt man nicht aus dem Beruf gehen. Ob sie dabei noch Spaß haben, ist dem Amt egal. Bianca hat gezeigt, dass es einen Weg gibt, wenn der Wille da ist. Berlin hat immer den Ruf, dass man hier herkommt und versinkt. Völliger Schwachsinn. Berlin gibt einem alles, was man braucht. Man muss nur klug genug sein und zugreifen. Daran scheitert es eben bei den meisten.

Was mich besonders an unserem Gespräch interessiert und worüber ich lange danach noch nachdenke, wie Menschen unser Leben beeinflussen, vor allem die Partner. Ich kenne so ein paar männliche Individuen, auf die ich gut hätte verzichten können in meinem Leben, doch im Grunde muss ich dankbar sein, dass ich sie getroffen habe. Ich muss dankbar dafür sein, dass sie mich angelogen, enttäuscht und sich von mir getrennt haben, denn ohne sie würde ich nie so da sitzen, wo ich jetzt bin, im Café Görlitzer Bahnhof mit Bianca. Und ohne ihren Freund, von dem sich Bianca in Augsburg getrennt hat, wäre sie vielleicht nie nach Berlin gezogen und hätte sie hier nicht einen neuen Freund gefunden, der in der Medienbranche arbeitet, wäre ihr Leben auch ganz anders verlaufen und sie würde heute nicht hier sitzen, um mir das alles zu erzählen.

Auf unsere Generation wird oft viel geschimpft, die Orientierungslosen, die Faulen, die Angsthasen … Ich bin ziemlich stolz auf uns, denn wir haben eine Fähigkeit, die viel zu vielen Menschen fehlt. Wir können auf unser Herz hören.

Bianca trinkt einen Schluck von ihrem Tee. Ich schaue wieder auf den Anker. Wir haben nicht über die Bedeutung gesprochen, aber passender hätte das Symbol nicht sein können. Ein Anker, den man immer wieder einholen und neu auswerfen kann. Manchmal kostet es sehr viel Kraft, ihn vom Meeresboden hochzuholen, aber die Anstrengung wird mit der neuen Aussicht und einem anderen Standpunkt entlohnt. Ja, so ist das Leben.

Weitere Sprechstunden-Artikel gibt’s zum Beispiel zu den Themen Angst im Alltag oder Das Dating ist eine Riesenbühne geworden.

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von: www.lilies-diary.com.



Quelle: QIEZ / externe Quelle

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