Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Barbie Breakout zeigt, wo es rougher zugeht

Barbie Breakout zeigt, wo es rougher zugeht
"New York lieb ich ja, aber finanziell ... Nein, Berlin ist die einzige Stadt weltweilt für mich ..." Zur Foto-Galerie
Hackescher Markt - Läuft man mit der Drag Queen, DJane und Buchautorin durch die Berliner Nacht, merkt man, wie klein die Stadt doch sein kann. Barbie Breakout dürfte vielen aus ihrem blutigem Protestvideo, in dem sie sich ihren Mund zugenäht hat, bekannt sein. Aber die Wahlberlinerin ist vor allem eine etablierte Königin im Kiez.

Da sitzt sie, groß und divaesk auf einem ledernen Barhocker. Sie zieht genüsslich am Wodka Soda und unterhält sich mit dem Bartender. Das wird sie im Laufe des Abends noch häufiger machen, sich mit den Bedienungen unterhalten. Barbie Breakout kennt sich aus in der Szene – gut genug, um manch einen Ort lieber zu meiden. „Betty F ist nicht so unsers, sorry“, winken sie und ihr Freund ab. Clubaffine Homosexuelle werden sie sowieso als die Resident-DJane des GMF kennen, Gegner der homophoben Gesetzesänderungen in Russland als Sinnbild der Unterdrückten. Barbie Breakout war es, die sich selbst im Frühsommer 2013 aus stillem Protest mit Nadel und Faden den Mund vernäht hat und das Video auf Youtube stellte. Jetzt sitzt sie in der Liberate Bar, absolut entspannt, die damaligen Schmerzen sind vergessen wie Blutabnehmen beim Arzt. Es ist Samstag nach Einbruch der Dunkelheit.

Den Spaziergang mit QIEZ durch die schwul-lesbische Szene am Hackeschen Markt hat sie perfekt platziert, nach einem anderen Interview, vor einem großangelegten Treffen mit „ein paar Jungtransen, denen ich die Berliner Nacht zeigen will“. Über deren jugendliches Drag-Revoluzzertum schmunzelt sie hinweg und lässt den Blick durch den Raum wandern. Es ist dunkel hier, die Sitzgelegenheiten edel mit Kunstleder überzogen. Die Lichtquellen scheinen in dezentem Gold-Gelb, auf einer Leinwand fügt sich stumm der Kinofilm „The Great Gatsby“ ins Interieur ein. Aus den Augenwinkeln hat man stets das Gefühl, irgendetwas im Hintergrund würde vorsichtig glitzern. The Liberate Bar ist genau ihr Ding, wie sie betont: „Ziemlich Tokyo 1992, stylish overdone, aber der perfekte Background“. Den Satz muss man erst einmal verdauen. Als sie später, Hand in Hand mit ihrem Freund, zur nächsten Location führt, wird klarer, was sie meint. Es geht nach Gegenüber, in die Sharon Stonewall Bar, „wo es rougher ist. Und’n bisschen mehr ghetto.“ Die Bar ist noch fast leer, es ist auch erst 20:30 Uhr. In pinkes Licht getaucht, schaut man hier auf gepflegtes Nichts, unbearbeitete Wände, minimalistische Ausstattung. Der Barmann freut sich sichtlich über Barbie, auch hier ist sie gern gesehener Gast.

„Die Platte hat so ihren eigenen smell.“

Der Hackesche Markt, das ist ihr Kiez, sie wohnt wenige Blocks weiter, in der Karl-Marx-Allee. Nach neun Jahren Gleimstraße wollte sie nur noch weg. Zu viel Bürgertum, zu langweilig. „War nicht mehr geil“, winkt sie mit ruhiger, tiefer Stimme ab. Aber „die Platte“, wie sie ihre Wohnung in der Karl-Marx-Allee liebevoll schimpft, „hat auch so ihren eigenen smell.“ Sie spricht vom Stahlbeton, dessen ausgiebige architektonische Nutzung zu DDR-Zeiten sich unweigerlich auf den Geruch der Wände ausgewirkt hat. Noch im Urlaub verfolgt sie dieser Duft: „Ich hab meine Wohnung gerochen aus den Taschen raus!“ Das reicht langsam. Mitsamt Freund und schwulen Katzen soll es woanders hingehen. „Ins Grüne. Nach Friedenau“, möglichst schon nächstes Jahr. Die beiden Kater brauchen mehr Auslauf, Barbie einen Szenenwechsel.

Über das Kopfsteinpflaster und die Straßenbahnschienen des Hackeschen Marktes geht es weiter, vorbei an betrunkenen Teenie-Gruppen und den halb abgebauten Marktständen, vorbei am Barist, dem Steakhaus Maredo und den Hackeschen Höfen. Mit 1,86 Meter, ohne Heels, überstrahlt sie die meisten Passanten, ihre perfekt sitzende goldene Lockenperücke wippt auf den breiten Schultern. Ihre High Heels sind laut, an einer roten Ampel lacht sie über die Prostituierten auf der Oranienburger und deren Revierstreitigkeiten. „Manchmal zicken die. Denken, ich wär eine von denen.“ Bis Barbie Barbie ist, rasiert und fest in die Korsage geschnürt, vergehen bis zu drei Stunden. Es ist ein Luxus, sich so viel Zeit für sich gönnen zu können, sie ist ziemlich stolz auf den ansehnlichen Aufwand. Und auf ihre Klamotten! Kein Zara, kein H&M. Maßgeschneidert. Auch wenn ihr ihre Designerin leid tut. Denn mit den meisten Ideen und Looks kommt sie schon fertig an und verbittet sich manchmal dezidiert „zuviel Kreativität“. Friedenaus erstklassige Designerin Isabelle Seidler wird bei Barbie Breakout fast zur dienstleistenden Leibschneiderin.

Köln? Zu schwul.

Wandern die beiden – also Barbie und ihr Freund – über das Kopfsteinpflaster, klammert sie sich ein wenig an seinen Arm, aber eher aus Prophylaxe. Und aus Zuneigung. Die beiden sind seit einem Jahr zusammen, wohnen zusammen, wollen heiraten. Barbie führt ihn am Central Kino vorbei in einen Hinterhof. Das Pan Asia residiert hier – und auch hier wird sie mit Küsschen begrüßt, auch aus der Küche eilt Personal. Welcome Drinks für alle.

Als ihr Freund draußen eine raucht, bekommt er den Gossip mit. Nichts schlimmes, nur Talk: „Barbie Breakout sitzt drinnen. Wow. Krass. Ja!“ Ob Barbie genervt ist oder diese unaufdringliche Aufmerksamkeit genießt, ist ihr schwer anzusehen. Im Vergleich zur Jugend in Hessen ist sie jedenfalls ein Witz. Mit zwölf Jahren, in Hofheim, noch hinter Frankfurt am Main, war sie/er „bunt, hip, punk, alles was aus dem gängigen Schema der Männlichkeit rausfällt. Hab ständig aufs Maul bekommen.“ Auch hier erzählt sie absolut gelassen, blickt immer wieder in die Ferne. Erst mit dem Wechsel an die sonst so verrufene Odenwaldschule und dem Umzug nach Berlin, konnte sie ihr Coming-Out langsam genießen. Auch in Köln war sie mal, ein dreiviertel Jahr, „aber da hab ichs nicht ausgehalten. War mir zu schwul.“ In Berlin könne man einfach man selbst sein, einfach in irgendeine Bar gehen. Oder auf dem Sofa liegenbleiben. „Die einzige Stadt weltweit, die für mich lebenswert erscheint. Auch weil ich mich mal langweilen kann“, sagt sie, und langweilt sich trotzdem nicht. Stattdessen hält sie ein Taxi an, um nach Schöneberg zu kommen. Der Abend ist noch jung, die nächste Location ruft: Das La Cocotte im Akazienkiez.

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Pan Asia Restaurant, Rosenthaler Straße 38, 10178 Berlin

Telefon 030 27908811

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