Durch den Kiez

Raúl Krauthausen über Barrieren, die uns behindern

Raúl Krauthausen über Barrieren, die uns behindern
Der Autor, Moderator, Medienmacher und Aktivist Raúl Krauthausen am Landwehrkanal.
Raúl Krauthausen kennt man. Sei es aus dem Fernsehen, als Blogger oder als Nachbar in Kreuzberg. Bei unserem Spaziergang sprechen wir mit Raúl über Barrieren im Kiez und wie sie überwunden werden können.

Dienstagnachmittag in Kreuzberg: Ein lautes Hupen ertönt. Mitten auf der Admiralstraße bleibt ein schwarzes Auto stehen und blockiert die Straße. Der Fahrer kurbelt die Scheibe runter und ruft empört etwas Unverständliches aus dem Wagen. Ein zweites Auto rollt an und beginnt ebenfalls kräftig zu hupen. Währenddessen sitzt Raúl Krauthausen auf der Terrasse des türkischen Imbisses Doyum und guckt sich das Verkehrsspektakel an. Es ist laut, denn nicht weit von uns fährt alle paar Minuten die Hochbahn in den Bahnhof ein. „Autos sollten raus aus der Stadt“, sagt er kopfschüttelnd und kippt sich Zucker in seinen Chai. Er trägt Streetwear: weiße Sneaker, eine Wolfskin-Jacke und dazu wie immer die graue Schiebermütze, sein Markenzeichen.

Raúl kennt man vor allem aus der Internet- und Medienwelt. Er bloggt über Inklusion und Barrierefreiheit, postet Dinge, die ihn bewegen und versucht, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Wie beispielsweise das Konzept der autofreien Stadt: „In Berlin braucht man das Auto nicht. Viele meiner Freunde haben nicht mal einen Führerschein. Das gehört einfach zum Zeitgeist der Berliner,“ sagt er, während die Autos weiterhin die Straße versperren.

Raúl studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK, danach arbeitete er vier Jahre bei Radio Fritz.

Wenn Raúl allerdings nicht im Internet unterwegs ist, dann trifft man ihn wie heute irgendwo in Kreuzberg. Seit 2012 lebt der 38-Jährige in einer Wohngemeinschaft nahe dem Graefekiez. Wenn er abends von seiner Arbeit nach Hause fährt, holt er sich hier bei Doyum gerne noch eine Dürüm-Rolle zum Mitnehmen. „Die sind super lecker und der Laden ist zum Glück noch keine überlaufene Touri-Bude“, was in dieser Gegend rund um den Kotti vielleicht wirklich etwas Besonderes ist. Schließlich sind die Entwicklung im Kiez und die damit einhergehenden Probleme bekannt: Touristenmassen, Lärm und steigende Mieten. Aber Raúl findet nicht alle Veränderungen im Kiez schlecht.

Kreuzberg, eine selbsterfüllende Prophezeiung

„Mit englisch kommt man hier wahrscheinlich weiter als mit deutsch. Das ist doch eigentlich ganz witzig“, sagt er, als wir den Imbiss verlassen und Richtung Admiralbrücke laufen. Seitdem die Brücke in mehreren Reiseführern erwähnt wurde, wird hier meist bis spät in die Nacht getrunken, gesungen und musiziert. „Ich glaube, die Leute hängen hier nur noch ab, weil das eben dieser gehypte Treffpunkt ist: eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.“

Raúl auf der Admiralbrücke, wo ein Klavierspiele auf einem mobilen Klavier spielt.

Ein Klavierspieler gibt ein kostenloses Konzert auf der Admiralbrücke.

Geboren wurde Raúl in Lima. Als Berliner würde er sich daher nicht bezeichnen. „Die Originalberliner sagen ja, man kann nie Berliner oder Berlinerin werden, wenn man hier nicht geboren ist. Eine harte Theorie, aber ich würde schon sagen, dass ich Berlin-sozialisiert bin.“ Raúl war ein Jahr alt, als seine Eltern herkamen. Eine rationale Entscheidung, wie er glaubt: „Wenn dein Kind eine Behinderung hat, ist es mit Sicherheit einfacher in Deutschland als in Südamerika zu leben.“ Aufgrund seiner Glasknochen ist Raúl seit seiner Geburt auf den Rollstuhl angewiesen. Im Alter von drei Jahren kam er in einen Integrationskindergarten, später dann auf eine der ersten integrativen Schulen in Deutschland. Was Inklusion bedeutet, hatten weder er noch seine Eltern damals auf dem Schirm. „Als Schüler habe ich nie in Frage gestellt, ob das nun eine integrative Schule ist oder nicht“, erinnert er sich. Eine ziemlich gute Kindheit sei das gewesen. „Das klingt kitschig, aber ich hatte immer das Gefühl dazuzugehören.“ Und diese Akzeptanz wünsche er sich für jedes Kind.

„Kein barrierefreier Übergang“

Von der Admiralbrücke aus laufen wir am Ufer des Landwehrkanals entlang in Richtung Böcklerpark. Spaziergänger kommen uns entgegen. Einige setzen sich an den Kanal und freuen sich über heranschwimmende Schwäne. Ein Teil des Ufers ist hier bereits zu einem gepflasterten Weg umgebaut worden. Auch Raúl ist hier öfter unterwegs, trifft sich mit Freunden, manchmal auch bloß zum Telefonieren: „Ziemlich schön hier“, sagt er als wir ans Ende des Weges gelangen. „Nur dummerweise hat man dort hinten, wo die Treppe steht, vergessen, eine Rampe zu bauen.“ Raúl ist verständnislos. Statt einer Rampe hat man sich aber die Mühe gemacht, ein großes Schild vor die mehrstufige Treppe zu bauen. „Kein barrierefreier Übergang“ ist darauf zu lesen. „Das Schild war wahrscheinlich genauso teuer wie eine Rampe“, stellt er zynisch fest.

Raúl Krauthausen vor einem Schild, auf dem "Kein barrierefreier Übergang" steht.

Raúl findet, man müsse die Privatwirtschaft verpflichten, barrierefrei zu bauen.

Wir kehren wieder um und laufen in Richtung Graefestraße. Nicht sein Rollstuhl, sondern Barrieren wie diese sind es, die Raúl im Alltag behindern. Und davon gibt es viele, auch hier in Kreuzberg. Zwischen Planufer und Dieffenbachstraße reiht sich in hübschen Altbaustraßen ein hippes Café neben das andere. An jeder Ecke wird hier ausgeschenkt, ein schöner Ort für einen Kaffee oder ein Bierchen zum Feierabend. Doch in die meisten Kneipen und Cafés im Kiez kommt Raúl nicht, eben weil er die Stufen vor den Eingangstüren mit seinem Rollstuhl nicht überwinden kann. Dabei seien leichte Aluminium-Rampen für die wenigen Stufen am Eingang weder teuer noch aufwendig anzubringen.

Um auf diese Art von sozialen Problemen hinzuweisen und vor allem Unternehmen dafür zu sensibilisieren, Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe wahrzunehmen, gründete Raúl 2004 den Verein Sozialhelden. Gemeinsam mit mittlerweile 16 Mitarbeitern haben die Sozialhelden einige Projekte entwickelt, die die Stadt inklusiver machen. Eines davon ist die Wheelmap, eine Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte. „Wenn du hier in Berlin einen Kaffee trinken gehen willst, dann kannst du dich als Rollstuhlfahrer vorher informieren, in welches Café du denn überhaupt reinkommst.“ Eines der wenigen barrierefreien Cafés im Kiez sei zum Beispiels das Atlas. Raúl nennt die App daher auch Google-Maps für Menschen im Rollstuhl. Dabei ist Barrierefreiheit nicht nur für die 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer*innen in Deutschland wichtig. Wer mit einem Kinderwagen unterwegs ist oder einen Rollator benötigt, kann mit Treppen ebenso wenig anfangen.

Raúl vor der verschlossenen Parteizentrale der Partei "Die Partei".

Vor der Zentrale der Partei "Die Partei" traf Raúl mal Martin Sonneborn.

Mit seiner Arbeit will Raúl Ausschlusskriterien wie diese sichtbar machen und Menschen dazu bringen, über Behinderung nachzudenken. Neben der Arbeit für die Sozialhelden ist seine Talkshow „Krauthausen – face to face“ eine Möglichkeit, über das Thema Inklusion in der Öffentlichkeit zu sprechen. Raúl lädt dazu Menschen mit und ohne Behinderungen ein, gedreht wird die Show in der Blogfabrik in Kreuzberg. Zu seinen Gästen zählten unter anderem Laura Gelhaar, Christian Ulmen und Samuel Koch. „Im Vordergrund steht dabei das künstlerische Schaffen unserer Gäste. Das Thema Behinderung erzählt sich meistens doch von selbst“, so Raúl. Mal geht es dabei ernst zu, mal aber auch weniger ernst. Denn Raúl ist selbstironisch und lockert seine Show mit Witzen auf, manchmal sogar mit Witzen über Behinderte. Zurzeit arbeitet er bereits an der dritten Staffel der Talk-Show.

Bis 2023 sollen alle U-Bahnhöfe einen Aufzug haben

Als Inklusionsaktivist tritt Raúl bereits seit einigen Jahren in die Öffentlichkeit. Doch wie freiwillig diese Entscheidung war, weiß er manchmal selber nicht: „Hätte ich keine Behinderung, würde ich die Arbeit garantiert nicht machen. Ich wäre wahrscheinlich gar nicht sensibel genug“, erzählt er, als wir an seiner Lieblingspizzeria Sala7 in der Grimmstraße vorbeilaufen. Direkt daneben befindet sich Grimme Bike, ein Fahrradladen. Wenn Raúls Rollstuhl einen Platten hat, kommt er manchmal hier vorbei. Doch bei vielen Fahrradläden wie diesen stößt er erst einmal auf Ablehnung: „Die sagen erstmal immer ‚geht nicht‘, dabei ist das auch nur ein Schlauch.“ Er müsse dann erstmal diskutieren bis sie irgendwann den Reifen doch flicken.

Raúl Krauthausen mit schwarzer Jacke vor dem Kühlschrank eines Spätis.

Er nennt sich selbst "einen Verpeilo" und freut sich, dass die Berliner Spätis rund um die Uhr geöffnet haben.

Während sich unser Spaziergang dem Ende zuneigt, fährt neben uns ein schwarzer Wagen mit gelbem BVG-Logo vorbei: Der BerlKönig, einer der wenigen rollstuhlgerechten Fahrdienste in Berlin. Wenn Raúl ein herkömmliches Taxi bestellt, muss er seiner Erfahrung nach mindestens drei Tage vorher anrufen, um ein rollstuhlgerechtes Auto zu bekommen. „Das ist echt ein Witz. Da ist Berlin wirklich keine Vorzeigestadt“, findet Raúl. Der BerlKönig sei da um einiges schneller und einfacher: Per App kann ein rollstuhlgerechter Wagen mit Rampe geordert werden. Nicht so schnell ist die BVG allerdings, wenn es um die Barrierefreiheit der Bahnhöfe geht: Die letzten U- und S-Bahnhöfe sollen erst im Jahr 2023 einen Aufzug bekommen. Aber was erwartet man schon von einer Stadt, in der über 2500 Tage seit Nicht-Eröffnung des BER vergangen sind?

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