Stolpersteine in Reinickendorf

In Memoriam

Der Erfinder der Stolpersteine bei der Arbeit: Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Reinickendorf.
Der Erfinder der Stolpersteine bei der Arbeit: Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Reinickendorf.
Im Bezirk Reinickendorf gibt es 127 Stolpersteine, sie sollen an jüdische und Euthanasieopfer des NS-Regimes erinnern. Sieben von ihnen wurden am Montag neu verlegt.

„HIER WOHNTE“ ist auf der kleinen Messingplatte zu lesen, die vor einem Häuschen in Heiligensee in den Boden eingearbeitet ist. Das Metall bildet die Oberfläche eines Betonwürfels von zehn Zentimetern Länge. Weil es kein Gehsteigpflaster gibt, das den Würfel umschließen könnte, bettet der agierende Künstler sein Objekt, gerahmt von vier grauen Betonsteinen, in den Rasenstreifen. Fugen werden mit Sand, Erde und Wasser aufgefüllt. Karsten Baum von der Reinickendorfer AG Stolpersteine trägt einen Text über Anna Rosalie Rochwitz vor, von der nur ihr Geburtstag bekannt ist, dass sie hier wohnte und wann sie 56-jährig in der Heilanstalt Obrawalde ermordet wurde. Name und Daten sind auf der Messingplatte zu lesen.

Für sieben zwischen 1942 und 1944 ermordete Berliner sollen in Heiligensee und Reinickendorf  Plaketten verlegt werden. Den Maschinenschlosser und Kommunisten Rudolf Grieb hatte der Volksgerichtshof verurteilt. Er wohnte zuletzt wie das jüdische Paar Frieda und Walter Antonius – sie arbeitete bei den Siemens-Schuckert-Werken, er war Autoschlosser – am Eichborndamm. Walter Antonius konnte sich, nachdem man seine Frau verhaftetet hatte, 18 Monate lang verstecken; dann wurde er gefasst, nach Auschwitz und anschließend nach Buchenwald transportiert. Wann er umgebracht wurde, ist nicht bekannt. Das Paar Max und Anna Hornik – er Kaufmann, sie Damenschneiderin – lebte mit Sohn Heinz in Frohnau. Den behinderten Sohn brachte die Gestapo in eine unbekannte „zentrale Pflegeanstalt“. Seine Eltern kamen in ein „Judenhaus“, seit ihrer Deportation fehlt von ihnen, wie auch von Frieda Antonius, jede Spur.

35.000 Stolpersteine in ganz Europa

127 Stolpersteine gibt es jetzt im Bezirk Reinickendorf; über 3000 sind es in Berlin, europaweit über 35.000. Ehrenamtliche Mitarbeiter der lokalen Stolperstein-AG spüren Biografien der NS-Opfer nach, sorgen über Gemeindekollekten und private Sammlungen für die Finanzierung (120 Euro kostet ein Stein). In 769 deutschen Kommunen konnte Gunter Demnig, der Erfinder des unterirdischen Gedenk-Würfels, bislang sein Basis-Projekt umsetzen.

1996 hatte er illegal in Kreuzberg damit begonnen; seit 2000 arbeitet er offiziell anerkannt. Sogar in München lehne man sich nicht mehr so dagegen auf, sagt er: Dort zitierte Charlotte Knobloch gegen Stolpersteine die jüdische Tradition, nach der man auf Grabsteine nicht treten darf, OB Ude unterstützte sie. Demnigs Ansicht, hier gehe es um etwas anderes, sieht der Künstler von Talmud-Experten attestiert. Auch sein Disput mit dem Finanzamt Köln, das von „Hinweisschildern aus unedlem Metall“ und „Massenprodukten“ redete und darum die verminderte Umsatzsteuer für kreative Werke nicht zuließ, ist vor einem Jahr zu seinen Gunsten ausgefallen – durch ein Votum des Bundesfinanzministers.

Am heutigen Dienstag, den 24. Juli 2012 werden im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf 22 neue Stolpersteine verlegt.


Quelle: Der Tagesspiegel

In Memoriam, Eichborndamm, Berlin

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