• Montag, 16. April 2012

Vivantes-Humboldt-Klinikum in Reinickendorf

Gesund werden mit Komfort

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  • Vivantes Komfortklinik Spandau
    Seit März 2011 ist dem Vivantes Klinikum Spandau ein Komfortbereich mit gehobenem Standard angeschlossen. In Reinickendorf funktioniert das Konzept schon seit Juni 2010. Foto: dapd - ©Axel Schmidt/dapd
  • Vivantes Komfortklinik Spandau
    Ein Service, der gerne von ausländischen, speziell von arabischen und russischen Patienten genutzt wird. Foto: dapd - ©Axel Schmidt/dapd

Der Berliner Marktführer unter den Kliniken, Vivantes, will mit Komfortstationen zahlungskräftige Klienten locken. Nicht nur reiche Ausländer, auch Kassenversicherte nutzen das Angebot und profitieren von der medizinischen Versorgung im Hotelambiente, das es bisher in Reinickendorf und in Spandau gibt.

Durch die hohen Fenster fällt viel Licht in den großen Speisesaal. Es gibt breite Sessel und auf den Tischen liegen arabische Zeitungen. Bald ist Mittag, zwischen zehn Menüs kann ausgewählt werden. In den Zimmern gehört Internet und Satellitenfernsehen zur Grundausstattung. Wer gebügelte Hemden oder einen Übersetzer braucht, muss nur danach fragen.

Auf der Komfortstation des Vivantes-Humboldt-Klinikums in Reinickendorf sind neben rund 100 Schwestern und Pflegern auch 25 Serviceangestellte beschäftigt. Fakt ist: Vivantes will mehr Wohlfühlmedizin anbieten. Im März 2011 hat der landeseigene Konzern auch in seinem Spandauer Haus eine Komfortstation eröffnet, bald kommen weitere Abteilungen im Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikum und im Krankenhaus Neukölln hinzu.

Zahlungskräftige Patienten gesucht

Das frühere Image der städtischen Krankenhäuser als Sanierungsfälle ist Schnee von gestern. Der landeseigene Klinikkonzern wirbt um wellnessbewusste Zusatzversicherte und zahlungskräftige Patienten aus dem Ausland. Außerdem will Berlin, das sich als Gesundheitsmetropole vermarktet, den Medizintourismus fördern. Jährlich kommen 3500 Patienten aus anderen Ländern in die Kliniken der Stadt. 1500 davon wollen zum Berliner Marktführer Vivantes, nicht mitgezählt sind in dieser Statistik Patienten aus der Europäischen Union, die nicht als Ausländer geführt werden.

 "Wir suchen uns anspruchsvolle Patienten und kaufen sie her!", erklärt Andreas Schmitt, Arzt, aber vor allem Manager für die Komfortkliniken. Allein für die 2011 eröffnete Spandauer Komfortstation mit ihren 53 Betten hat der Konzern 1,5 Millionen Euro ausgegeben. Bisher suchten Sultane eher in Zürich, Wien oder München Genesung. In Bayern werden immer noch fünfmal mehr Patienten aus dem Ausland behandelt als in Berlin. Die Klinikbetreiber in der Hauptstadt stört das nicht. Schließlich gibt es auch Patienten wie Christian Dittrich. Der 56-Jährige ist kein Scheich aus Dubai, sondern Hausmeister aus Dessau. Wegen Herzrhythmusstörungen hat er eine Klinik gesucht. Bekannte haben ihm die Komfortstation empfohlen. Seine Privatversicherung kommt für den Aufenthalt auf. "Das Personal ist nett, das Essen gut", sagt Dittrich. Wäre er nicht so gut versichert, hätte er zuzahlen müssen: "Das würde ich mir gönnen."

Bis zu 145 Euro am Tag für ein Einzelzimmer

Gesetzlich Versicherte, rund 90 Prozent der Berliner, müssen zuzahlen, wenn sie eine Komfortbehandlung möchten. Viele schreckt auch das nicht. Von den rund 100 Krankenbetten der Reinickendorfer Komfortstation ist die Hälfte für gesetzlich Versicherte reserviert. Sie zahlen bis zu 145 Euro pro Tag für ein Einzelzimmer zu, 70 Euro für ein Zweibettzimmer. Die Versicherungen wiederum registrieren immer mehr Kassenpatienten, die eine Zusatzpolice abschließen wollen, um den Komfort ohne Extrakosten genießen zu können.

Auch für die Mitarbeiter sind die Komfortstationen angenehme Arbeitsplätze, berichten einige. Vom Pflegepersonal werden gute Englischkenntnisse erwartet. Stefanie Schlosser, seit 1994 Krankenschwester und nun auf der Reinickendorfer Komfortstation, erweitert gerade ihren Sprachschatz: "Aus Interesse lerne ich derzeit Arabisch."

Kritik am Konzept

Doch manche kritisieren auch den Hotelstandard für zahlungskräftige Patienten. "Die Komfortstationen profitieren eher von den Kassenpatienten, nicht umgekehrt", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die Beiträge der gesetzlich Versicherten decken einen Großteil der Infrastruktur der Kliniken. Nur so seien die Ressourcen zu schaffen, mit denen Krankenhäuser ein Segment für zahlungskräftige Kundschaft ausgliedern können. "Reine Privatkliniken haben sich hierzulande bislang nämlich kaum rentiert", sagt Lauterbach. Und obwohl die Masse an Kassenpatienten die Komfortstationen erst möglich mache, sei die Wahrscheinlichkeit, von einem Spezialisten versorgt zu werden, für zahlungskräftige Patienten größer. Davor warnt auch Berlins Patientenbeauftragte Karin Stötzner: "Solche Stationen dürfen nicht von denjenigen mitfinanziert werden, die ein Bett dort gar nicht bezahlen könnten."

Auch Vivantes-Manager Schmitt räumt ein, dass sich 90 Prozent der Kassenpatienten die Komfortbetten wohl nicht leisten können. Dennoch würden sie keine schlechtere Behandlung bekommen. Abgesehen von der in der Komfortstation üblichen Chefarztbehandlung, sei die Versorgung in der gesamten Klinik auf gleichem Niveau – auch wenn das einige bezweifeln. In der Branche beobachtet man gespannt die Entwicklung: "Die gesamte Klinikkette kann vom guten Ruf der Stationen profitieren", sagt ein Chefarzt. Vor allem wohlhabende Russen würden sich in Berlin häufig nach guten Krankenhäusern umsehen.

Wie viel Geld die Komfortpatienten der Klinikkette bisher eingebracht haben, will Vivantes demnächst publizieren. Die Einkünfte pro Bett seien jedenfalls höher als in anderen Stationen. Viele ausländische Patienten bleiben rund um eine OP insgesamt zehn Tage auf der Komfortstation. Schätzungen zufolge fallen inklusive Übersetzer und Sondereinkäufen bis zu 20 000 Euro für ein Komplettpaket an, also 2000 Euro pro Tag.

Dennoch ziehen andere Kliniken nicht nach. Für die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes, die in Berlin fünf Häuser am Laufen hält, sei es keine "vordringliche Aufgabe", ausgewählte Patienten aus der Ferne anzuwerben, sondern die Menschen in der Region zu versorgen.

Vivantes Humboldt-Klinikum

Am Nordgraben 2
13509 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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