• Montag, 06. Februar 2012

Pflegeheim Domicil in Reinickendorf

Fürsorge erleben

  • Pflegeheim Domicil Berlin Reinickendorf
    Das Pflegeheim Domicil in Reinickendorf Berlin: Kommunikation gehört hier zum Konzept. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Warm und friedlich sterben - im Pflegeheim Domicil in Reinickendorf wird Wert darauf gelegt, die Kultur der Palliativmedizin zu verbessern. Deshalb hat sich die Einrichtung mit 20 weiteren zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.

Viele ihrer Altersgenossen haben ganz jung im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren. Sie selbst haben in Berlin alle Etappen von Teilung und Wiedervereinigung miterlebt und leben meist schon seit Jahren im verdienten Ruhestand. Die Menschen, die das Seniorenpflegeheim Domicil in der Residenzstraße am idyllischen Schäfersee in Reinickendorf bewohnen, sind Kriegsgeneration. "Doch sie haben die Chance, bewusst alt zu werden und friedlich zu sterben", sagt Katrin Sieg, die Leiterin der Einrichtung. Der typische Bewohner hier ist eine Bewohnerin, hat die 80 schon überschritten, leidet an mehreren Grunderkrankungen und an einer leichten oder schwereren Demenz.

Hospizkultur umsetzen

"Gestorben wird in allen Heimen. Es macht allerdings einen Unterschied, ob wir das auch thematisieren und uns der Herausforderung stellen", betont Sieg. Deshalb hat sie sich im Sommer 2011 dem Netzwerk Palliative Geriatrie angeschlossen, dem in Berlin 20 Einrichtungen angehören. Dieser Zusammenschluss, den die Robert Bosch Stiftung fördert, wird wiederum vom "Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie" organisiert und moderiert. Im März 2011 hat das Zentrum 305 Berliner Pflegeheime aufgerufen, sich am Netzwerk zu beteiligen. Knapp zehn Prozent haben reagiert, 20 wurden zur Mitarbeit ausgewählt. Zusammengenommen leben in diesen 20 Heimen rund 3000 alte Menschen, 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten dort. Wer an dem Netzwerk teilnimmt, verpflichtet sich zur Weiterentwicklung des eigenen Konzepts und der Organisationsstrukturen. In einem ihrer programmatischen Texte wird es auf den Punkt gebracht: "Ziel ist die differenzierte und nachhaltige Umsetzung von Hospizkultur in Berliner Pflegeheimen."

Erleichterung schaffen

Das Wort "palliativ" suggeriert Klarheit und Wärme, beides strahlt Katrin Sieg aus. In Medizin und Pflege hat sich der Begriff eingebürgert, er bezeichnet die Behandlung und Betreuung von Patienten, deren Krankheiten nicht mehr geheilt werden können. Für das also, was Pflegekräfte und Ärzte tun, wenn in einem bestimmten und sehr eingeschränkten Sinn "nichts mehr zu machen" ist. Das können durchaus anspruchsvolle Anwendungen modernster medizinischer Methoden sein – allerdings nicht im Dienst der Heilung, sondern der Linderung und Erleichterung. "Pallium" ist das lateinische Wort für den wärmenden Mantel, den man einem Menschen umlegen kann.

Gemeinsame Unternehmungen

Kein Zweifel: Das ist die letzte Phase des Lebens. Doch auch sie gehört dazu. "Wir möchten möglichst viel Wohlbefinden verschaffen, wenigstens für bestimmte Augenblicke", sagt Tino Knauer, der sich zusammen mit seiner Kollegin Ulrike Voßberg die Leitung des Pflegedienstes teilt. Angebote wie Gymnastik im Sitzen, gemeinsames Singen, Handarbeiten oder weihnachtliches Basteln, Kartenspielen, eine Philosophierunde, Feste oder eine elektrische Eisenbahn. Schön ist auch, dass Betreuungsassistenten Spaziergänge an den nahen See oder in die Einkaufsstraßen ermöglichen. "Es gibt auch Bewohner, die solche Angebote nicht annehmen und sich lieber ganz in ihr Zimmer zurückziehen. Auch das ist in Ordnung, wenn es freiwillig geschieht", sagt Ulrike Voßberg.

Offenheit gehört zum Konzept

Und dann gibt es den endgültigen Rückzug, der den Tod bedeutet. "Zur Kultur unserer Einrichtung gehört, über dieses Thema offen und möglichst angstfrei zu sprechen", sagt Katrin Sieg. Miteinander reden gehört fest zum Konzept: Einen Monat nach dem Einzug wird mit jedem Bewohner ein ausführliches Gespräch geführt, einmal alle drei Monate mit den Angehörigen. Wenn einer der Bewohner des Domicils verstirbt, wird auch das nicht verschwiegen. Kein Hinausschleichen mit dem Sarg durch die Hintertür. "Der Mensch kommt durch die Vordertür zu uns ins Haus, und er möchte es auch durch die Vordertür verlassen", so Sieg. Im Durchschnitt haben die Bewohner dann zweieinhalb Jahre hier gelebt. Vier von fünf Pflegebedürftigen, die im Haus leben, sterben auch hier.

Gesprächskultur pflegen

Die Mitarbeiter brauchen zudem auch selbst untereinander reichlich Gelegenheit zum Austausch. In Gesprächskreisen unterhalten sie sich nicht zuletzt darüber, wie es ihnen selbst bei der Arbeit mit schwierigen Pflegebedürftigen, mit Todkranken und Sterbenden geht. "Da können wir dann auch heikle Fragen stellen wie: Warum bin ich gerade so aggressiv geworden? Darf ich überhaupt so fühlen?", erzählt Tino Knauer. Klar wird dabei vor allem eins: Einen Mantel des Schweigens gibt es im Domicil nicht.

Pflegeheim Domicil in Reinickendorf

Thaterstraße 18
13407 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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