• Montag, 13. Februar 2012

Franzosen-Siedlungen in Reinickendorf

Angst vor der ruhigen Zukunft

  • Franzosen-Siedlungen am Flughafen Tegel
    Eigentümer der Siedlung Cité Pasteur ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die stellte klar, es gebe Bestandsschutz für die Siedlung. Doch von Sanierung oder Aufwertung war nicht die Rede. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Am 2. Juni 2012 gegen 22.50 Uhr wird das letzte Passagier-Flugzeug vom Flughafen Tegel aus abheben. Mit der Abgeschiedenheit der Franzosen-Siedlungen Cité Pasteur und Cité Guynemer, die direkt am Airport liegen, dürfte es damit auch vorbei sein.

Der Flug-Lärm ist nicht das Problem. Die Nachbarn von Otto Lilienthal sagen auch noch „Schön ruhig hier“, wenn hinter ihnen eine Boeing vollen Schub gibt. Manuel Schwarz, ein langer Dünner mit Bartstoppeln „hätte nix dagegen“, wenn der Flughafen Tegel einfach so bliebe, wie er mal gedacht war. Mit Lärm und Kerosingestank. In dieser Gegend ist Berlin am Ende. Die Rue Ambroise Paré führt direkt an die Lärmschutzwand, ein Bretterzaun, der vor rund drei Jahren installiert wurde, weil es mal wieder lauter geworden ist. Rechts davor steht ein großer rechteckiger Kasten mit verrammelten Fenstern, eine ehemalige Schulturnhalle.

Die Cité Pasteur

Am südöstlichen Flughafenrand liegt die Cité Pasteur, eine ehemalige Siedlung der französischen Streitkräfte, jetzt eine Zone der Ungewissheit. Unter den rund 600 Bewohnern gab es immer mal wieder Gerüchte über Abrisspläne. Viele Häuser müssten dringend saniert werden, einige stehen leer. Eigentümer ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die stellte klar, es gebe nach Stilllegung des Flughafens Bestandsschutz für die Siedlung. Von Sanierung und Aufwertung war nicht die Rede.

Das „schön ruhig“ der Bewohner bezieht sich vor allem auf die dörfliche Abgeschiedenheit ihrer Siedlung. Es gibt nur eine Zufahrt vom Kurt-Schumacher-Damm. „Keene Randale, jeder kennt jeden“, erzählt der 21-jährige Schwarz, dessen Familie vor allem wegen der günstigen Mieten zugezogen ist. Hier gibt es eine Vielzahl an leeren Parkplätzen und Garagen.

Wer in der Cité Pasteur wohnt, wollte dorthin, direkt an den Flughafen. Die Bewohner hat es eher verärgert, dass die Lärmschutzwand vor drei Jahren gezogen wurde – weil sie die Sicht versperrt. Genau wie ihre Besucher, die „Planespotter“, Flugzeugfreaks, die Fotos machten, wenn die dicken Jumbos krachend in den Himmel stiegen. Nebenan, im Fitness- und Squashcenter von Jeffrey Burton, haben die Planespotter Pause gemacht und was getrunken. Auch Burton wird den Flughafen vermissen.

Der ADAC betreibt nebenan sein Testgelände, hinten liegt „McParking“, der Billigparkplatz mit Shuttle-Service. Globeground, die Firma für den Flughafenservice, betreibt ein kleines Lagerhaus. Ohne den Flugbetrieb wird es hier noch stiller.

Die Cité Guynemer

Das nördliche Pendant zur Cité Pasteur ist die Cité Guynemer. Hier geht es beschaulicher zu, die Mietshäuser sind frisch gestrichen. Zwischendrin liegen Einfamilienhäuser mit Gärten. Hier können Spaziergänger mittig die Kopfsteinpflasterstraßen entlanglaufen. Die Einfahrt in die Siedlung ist nur Anwohnern erlaubt. Eine Polizeistreife beschützt die Ruhe der Menschen, denn gelegentlich rollt eine Limousinenkolonne durch die Stichstraße mit dem Ziel Regierungsflughafen. In einem der Autos sitzt dann Kanzlerin Merkel.

Auch hier hört man die Flugzeuge aufsteigen, aber hier ist der Lärm nicht ohrenbetäubend. „Sehr gute Nachbarschaft“, findet Sabine, die mit ihrem Partner vor drei Jahren zugezogen ist. „Einige WGs mit Pflegebedürftigen gibt es hier.“ Einen schönen Blick hat Sabine von ihrem Balkon auf den Flughafen. Der Freund der Tochter schätzt den Ausblick ganz besonders. Und nur ein paar hundert Meter entfernt befindet sich der Flughafensee, mit Badestrand. Perfekt im Sommer.

Das Gebiet zwischen den Cités

Dazwischen – direkt unter der Einflugschneise, zwischen Scharnweberstraße und Autobahnzubringer – liegt eine merkwürdige Siedlung, sie ist eine Mixtur aus Gewerbegebiet und Datschenidyll. Wenn gerade kein Flugzeug startet, wirkt Tegel hier im Gegenlicht der untergehenden Sonne wie die afrikanische Savanne. „Mein ganzes Haus zittert, wenn da so eine große Maschine drübergeht“, sagt eine ältere Frau am Gartentor. 1927 wurde ihr Häuschen gebaut, da dachte noch niemand an einen Flughafen. „Früher war das mal eine richtig schöne Siedlung.“ Ihre Nachbarn haben längst aufgegeben und sind weggezogen. Die Grundstücke übernahm der Senat und verkaufte sie an Unternehmer.

Zukunftspläne für die Siedlungen

Insgesamt ist das Flughafengebiet 460 Hektar groß. Künftig sollen dort fünf Prozent der gesamtstädtischen Gewerbeflächen Berlins entstehen. Die Cités sind aber als Standorte zum Wohnen gesichert. Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU) erhofft sich auch für die Nachbarn, die weiter weg wohnen, an Schäfersee und Residenzstraße, eine deutliche Steigerung der Lebensqualität. „Dort hatten wir 20 Jahre lang keine Nachfrage.“ 2010 gab es erstmals wieder Anfragen zum Bau von Mietshäusern. Auch für das Einkaufszentrum am Kurt-Schumacher-Platz hofft Lambert auf eine Belebung. „Höher bauen ging dort bisher nicht.“

Adresse

Rue Ambroise Pare
13405 Berlin

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Wohnen & Leben"

Wohnen & Leben

Darum ist der Teutekiez am schönsten

Darum ist der Teutekiez am schönsten

Oderberger Straße, Kastanienallee und Weinbergspark kennt doch eigentlich … mehr Mitte, Prenzlauer Berg

Grünes Berlin

Diese Insel ist noch lange nicht out!

Diese Insel ist noch lange nicht out!

Die Pfaueninsel hat Besucher verloren. Viele Besucher. Wir konnten uns … mehr Zehlendorf

Wohnen & Leben

Geniale Arbeitserfahrungen im Ausland

Geniale Arbeitserfahrungen im Ausland

Jeden Tag werden zwei Start-ups in Berlin gegründet. Damit du die … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Urban Gardening in Berlin

Urban Gardening in Berlin

Mit den ersten Sonnenstrahlen startet endlich die Gartensaison. Auch wer … mehr Berlin

Wohnen & Leben

Sex-Boxen und Dixis statt Sperrbezirk: ein Anfang?

Sex-Boxen und Dixis statt Sperrbezirk: ein Anfang?

Der Senat will keinen Sperrbezirk, der Bezirksbürgermeister Stephan von … mehr Schöneberg

Wohnen & Leben

Darum ist es in der Rosenthaler Vorstadt am schönsten

Darum ist es in der Rosenthaler Vorstadt am schönsten

Wenn wir von unserem Lieblingskiez erzählen, der den historischen Namen … mehr Mitte

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen