Berlin Potsdamer Straße

Die Sackgasse des alten West-Berlin wird aufgebrezelt

Die Sackgasse des alten West-Berlin wird aufgebrezelt
Die Potsdamer Straße in Berlin.
Ein Stripklub, ein Fischlokal, viele Galerien, jeder Meter anders. Die Potsdamer Straße ist in ihrer Vielfalt einzigartig. Wer hier wohnt, sagt: Die "Potse" schmeckt nach Berliner Flair. Schwer zu sagen, ob diese Mischung so bleiben kann.

Berit Uhlhorn hat ein genaues Bild von ihrem Arbeitsumfeld. Die große schlanke Frau weist durch das Fenster ihres Ateliers hinaus auf die Potsdamer Straße. „Acht leere Gewerbelokale in Sichtweite“ gab es, als sie vor zehn Jahren das „Tatau obscur“ eröffnete. Inzwischen sei ihre „Tattooartgallery“, in der sie auch Kunstausstellungen macht, schon fast eine Luxuslage. Berit Uhlhorn, Tätowiererin, sitzt in engem lila Pullover und silbrig glänzender Hose auf dem Sofa in ihrem Ladenlokal, gegenüber hängen von ihr importierte japanische Kimonos. Die Potsdamer Straße mit ihrem dubiosen Charakter betrachtet sie mit Distanz und Interesse. Von Leerstand aus der Zeit, als kaum jemand hier ein Geschäft eröffnen wollte, ist fast nichts mehr zu sehen.

Ein „anderes Publikum“ komme jetzt in die Gegend, sagt Uhlhorn, eines mit Geld und Stil. Das sei nicht nur schön. Die Potsdamer Straße wird mal wieder eine andere. Sackgasse des alten West-Berlin ist sie gewesen: altmodischer Einzelhandel neben Lotto-Annahmestellen, geradewegs auf einer Brache an der Mauer endend, das tote Ende der halben Stadt. Nach dem Mauerfall dann Großstadtmeile: direkter Zugang zum Potsdamer Platz. Bloß dass vom Potsdamer Platz nichts Neu-Großstädtisches hinüberstrahlte auf die „Potse“. Seit ein paar Jahren: abermals Galerienstandort, wie schon damals, bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Doch auch und immer noch eine Straße mit fragwürdig-zweideutigem Charakter, nicht auf einen Begriff zu bringen, zu erkennen nur aus verschiedenen Perspektiven, durch die Augen von Alt-Anwohnern und jungen Gewerbetreibenden, eine Straße, deren Bild sich aus Fragmenten ergibt; eine, in deren Nachbarschaft jetzt rund 240 Eigentumswohnungen entstehen, gesäumt vom neuen Gleisdreieck-Park. Wird die Potse aufgebrezelt?

Schaufenster wie eine Dauerwerbung

Vincenz Sala steht noch immer in rundem, nach rechts geneigtem Schwung über dem Ladenlokal mit zwei großen Fenstern. Darin sitzt jetzt Alfons Klosterfelde, ein junger Mann mit Vollbart und Tweedjackett. Er verkauft Kunst, Drucke und kleine Objekte, von denen es nicht nur ein Original gibt, sondern eine Serie, „Editionen und Multiples“. Sie lagern in den Originalregalen von Salas Schreibwarenladen. Klosterfelde hat den Laden übernommen, wie er war. Das Interieur ist von 1938, als die „Bürowarenhandlung“ eröffnet wurde, wie Sibylle Nägele und Joy Markert in ihrem schönen Buch über die Potsdamer Straße schreiben.

„So tolle Räume wie diese gibt es hier noch“, sagt Alfons Klosterfelde. Er hat die Potsdamer Straße über seinen Bruder kennengelernt, der in der Nähe eine Galerie betrieb. In einem der hinteren Räume von Vincenz Salas ehemaligem Ladenlokal steht ein alter Panzerschrank. Man passiert einen Uralt-Heizkörper, dessen Warmwasserzufluss nicht per Drehventil geregelt wird, sondern durch einen länglichen Handhebel, links warm, rechts kalt. So fühlt sich Berliner Geschichte an. Die großen Schaufenster wirken wie eine Dauerwerbung für eine Beschäftigung mit Kunst. Täglich kämen 20 bis 30 Leute, sagt Klosterfelde. Bei einem Galeriebetrieb kann man da schon fast von Laufkundschaft sprechen. Eigentlich sei er ja in einer „unattraktiven Gegend“, sagt er. Aber „hier passiert einfach die ganze Zeit etwas“, man werde „angeregt durch die Energie, die hier fließt“.

Eine Straße als Kontrastprogramm

Energie, die fließt, teilweise aber auch stinkt und lärmt. Die Potsdamer Straße, verkehrsmäßig dauerüberlastet, ein dröhnender, nach Dieselabgasen riechender Fluss, ist auf eine seltsame Weise anziehend. Wie sie schon aussieht: Zweigeschosser neben gepflegten Altbauten mit den klassischen vier Etagen und Fassaden, die von vergangenem Wohlstand erzählen. Moderne Bürohäuser, das frühere Tagesspiegel-Redaktionsgebäude mit dem Zehngeschosser daneben, wo jetzt Galerien untergebracht sind. Gegenüber der weite Hof der Syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien in Berlin. Weiße Wände neben abgasgrau-geblichenem Putz, Glitzer neben Kreuzen, ein Bestattungsinstitut neben dem Devotionalienhandel „Ave Maria“, Automatenkasinos, ein Stripklub, ein Fischlokal, „Taxi-Bildungszentrum“ neben „Drucker-Oase“ neben „Berliner Bratwunder“, Neon und Schummerlicht, jeder Meter anders. Eine Straße als Kontrastprogramm.Gemocht wird sie trotzdem – oder deswegen. Die Potsdamer Straße habe „Charakter“, sagt Sibyll Klotz, grüne Stadträtin für Stadtentwicklung im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, als solche für einen Abschnitt der Straße zuständig, außerdem ehemalige Anwohnerin. Regine Wosnitza ist eine weitere Langstrecken-Kennerin. Sie wohnt in der Gegend seit den frühen 80ern, bloggt über die Potsdamer Straße, gehört zum Quartiersrat, in dem sich engagierte Bewohner der Gegend treffen. Regine Wosnitza findet die Potse „auf den zweiten Blick liebenswert“ und sagt: „In der Bergmannstraße krieg’ ich fast einen Kulturschock. Ein Restaurant neben dem andern, und alle sitzen draußen, als ob sie nichts zu tun hätten.“ Jörg Krohmer, Quartiersmanager am Magdeburger Platz, auch er viele Jahre Anwohner, schmeckt auf der Potsdamer Straße „Berliner Flair“. Noch.

Die Potse ist nicht schön, vor allem: nicht langweilig

Nur eine dezente Aufschrift weist in der Blumenthalstraße 8 auf die Galerie von Sassa Trülzsch hin. Vor acht Jahren hat sie hier, nur ein paar Meter von der Potsdamer Straße entfernt, ihre Galerie eröffnet. „Meine Idee war immer, dass ich nicht in Mitte sein wollte“, sagt die Galeristin. Mitte erinnere sie „an eine Vorabendserie“. Dass sie mit ihrer Galerie den Kiez verändern würde, wenn auch sachte, war ihr bewusst. „Die Kunst zieht ein anderes Publikum an. Man wird gesehen als jemand, der eine Entwicklung vorwegnimmt.“ Doch ist die Potsdamer Straße für sie das Gegenteil vom Mitte-Klischee geblieben: „Man kann sie nicht zuordnen.“ Deshalb war sie für Trülzsch die richtige – weil offene – Umgebung: „Ich will mit dem, was ich mache, einen Ort darstellen, ich will eine Durchmischung, die keine Szene ausmacht.“

Das passt. Gerade 800 Meter und eine Überquerung der Potsdamer Straße liegen zwischen Sassa Trülzsch in ihrer Galerie und der Zwölf-ApostelKirche von Pfarrer Burkhard Bornemann. Die Kirche steht mitten im Rotlichtmilieu an der Kurfürstenstraße. Bornemann sagt, hier könne man „im Fadenkreuz von Spannungen wohnen“.

Ein Getöse von Impressionen

Kirche, Kunst und Huren. Das Dauerfeuer der Reize scheinen hier alle zu spüren. Ein Getöse von Impressionen. Die Potse ist nicht schön, vor allem: nicht langweilig. Bei „Kardesler“, einem Imbiss um die Ecke, direkt an der Potsdamer Straße, sitzen die ärmeren Alten, Frauen mit hochtoupierten Haaren und aus der Mode geratenen Brillen, schwerbäuchige Männer in Jogginghosen, den Rollator oder die Krücke neben dem Plastikstuhl geparkt, reden, rauchen, trinken noch ein „Kindl“ oder ein Sektchen, legen einen Kreis aus geleerten „Kleinen Feiglingen“.

Kardesler ist ihnen, was mal die Eckkneipe war. Sie haben sie zum Türken verlegt, bei Sonne auch auf den Gehweg. Gegenüber hat das „P103“ aufgemacht, bis auf die Backsteinmauern und Deckenmalereien restauriert und mit Geschichtsgefühl modernisiert. Hier trinken sie in Fünfziger-Jahre-Sesseln Kaffee – ein Laden für Leute aus der Umgebung, die es ein bisschen schöner und eleganter mögen, aber auf Mitte-Chic nichts geben. An der Potse geht alles. Sie bringt Lebensstile zusammen, indem sie sie nebeneinander und gegenüber sein lässt. Eine Existenzialistenstraße. Wer Drinks will, geht in die Viktoria-Bar.

Schwer zu sagen, ob die Mischung so bleibt. Im Kiez geht das böse G-Wort um: Gentrifizierung wird befürchtet. Was kommt, ist von anderem Kaliber als die schöne kleine Galerie von Sassa Trülzsch. Vom Rand her, von der Flottwellstraße aus, bauen sich im Namen von „Flottwell living“ und „Flottwellpromenade“ starke finanzielle Energien auf. Mit den Folgen, die es haben kann, wenn deutlich mehr Geld durch die Gegend fließt, Ansprüche steigen. Beide Investorenprojekte werden beworben mit dem „Grün“ des neuen Parks am Gleisdreieck.

Eigentumswohnungen, zum großen Teil bereits verkauft

Die „Flottwellpromenade“ besteht aus 91 Eigentumswohnungen, noch im Bau, zum großen Teil bereits verkauft, zu Quadratmeterpreisen zwischen 4000 und über 5000 Euro. „Flottwell living“ daneben besteht aus sechs Häusern mit 148 verschieden großen Wohnungen. Ebenfalls noch nicht fertig, doch laut Verkaufsberaterin im Büro gegenüber der Baustelle zu 70 Prozent verkauft. Auch hier kostet der Quadratmeter mehr als 4000 Euro. Gleich am Anfang der Flottwellstraße entsteht ein neues Hotel.

Gäbe es die Bauprojekte nicht – der neue Park wäre hier doppelt so breit. Von der Bahn-Brache mit alten Gleisen zum gestalteten, nach Zwecken unterteilten Groß-Raum für großstädtische Freiluft-Betätigung. Leute gehen, laufen, radeln, skaten, schieben Kinderwagen. Frauen mit Kopftuch und langen Mänteln sitzen neben einem Spielplatz und reden. An einem der Pfeiler machen zwei junge Männer Kraftsport: umgekehrte Schulterpresse im Handstand. Der eine passt auf, dass der andere nicht umfällt, der schafft immerhin fünf Wiederholungen. Abends, hört man, sei bei schönem Wetter Party angesagt, mit Musik aus dem Ghetto-Blaster hier und da und dort. Wenn es richtig warm ist, wäre mehr Park noch besser. Aber da, wo mehr Park hätte sein können, entstehen die neuen Siebengeschosser.

Das alte Berlin fürchtet, dem neuen Berlin nicht standhalten zu können

Die Politik rechnet mit tausend zusätzlichen Einwohnern, eher wohlhabenden, wie zu vermuten ist. Jene, die den Kiez noch prägen, machen sich Gedanken. Noch ist das hier eine Kleine-Leute-Gegend, Handwerker, Beamte und Angestellte, Studenten, Gewerbetreibende, viele Migranten, Türken, Araber. Reich sind die wenigsten. Noch gibt es in der Umgebung gleich zwei Quartiersmanagement-Projekte, eines an der Pallasstraße, das andere nennt sich „Magdeburger Platz“. In der Zwölf-Apostel-Kirche gibt es am Donnerstagnachmittag im Gemeindehaus eine Suppenküche. Die Quartiersmanager sprechen von Gewerben und kleinen Firmen: die Berliner Mischung, entstanden auf der Grundlage bezahlbarer Mieten. Wer politisch aktiv ist, kennt Leute, die weggezogen sind, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten.

Der Versammlungsraum im Stadtteilzentrum „Pallast“ ist voll, als der „Präventionsrat Schöneberger Norden“ zur Diskussion über die Mietenentwicklung lädt. 120 Anwohner sind da, die meisten sorgen sich, dass die Neubauprojekte die Mieten in die Höhe treiben. Da gerät man als Politiker in die Defensive: „Es ist nicht möglich, die Veränderungen, die stattfinden, aufzuhalten“, sagt Stadträtin Sibyll Klotz an diesem Abend in Varianten gleich mehrfach. „Man kann mit dem Baurecht die Eigentumsform nicht beeinflussen“, sagt sie auf die Kritik an den vielen neuen, genehmigten Eigentumswohnungen. Doch die Leute sind aufgebracht.

„Der Gleisdreieckpark, der gentrifiziert!“

Das alte Berlin fürchtet, dem neuen Berlin nicht standhalten zu können. „Der Gleisdreieckpark, der gentrifiziert!“, sagt ein Mann. Und dann, ein bisschen bitter: Er habe sich lange für diesen Park eingesetzt. Doch hätte er gewusst, wie der jetzt genutzt wird – als Werbeträger für den Verkauf von Eigentumswohnungen – dann hätte er das nicht gemacht. Der Mann heißt Matthias Bauer und ist, wie Regine Wosnitza, als Hausbesetzer Anfang der 80er Jahre in die Gegend gezogen.

Noch etwas Straßen-Geschichte: Nicht weit entfernt vom „Pallast“, an der Potsdamer Ecke Bülowstraße, starb 1981, während einer Kundgebung, der Hausbesetzer Hans Jürgen Rattay unter den Rädern eines BVG-Busses. Ein Stein mit einem Kreuz, eingelassen in den Boden, erinnert daran. Matthias Bauer und Regine Wosnitza gehören zu denen, die der Gegend seit damals treu geblieben sind. Bauer hat eine These dazu: „Es hat ja auch einen Grund, warum manche Leute hier hängen geblieben sind“, sagt er. „Jemand, der sich ein bisschen anders definiert hat, konnte sich hier wohlfühlen.“

Die Besetzer sind bürgerlicher geworden

Die Reste der 80er Jahre, die linken Projekte, Alternativkneipen, sind noch zu finden in dieser Gegend, genauso wie Polit-Kunstprojekte. Die Besetzer sind bürgerlicher geworden, manche haben, wie Bauer, Kinder groß gezogen und engagieren sich noch immer politisch. Auch wenn sie in Anbetracht der Kräfte, die auf die Potsdamer Straße und ihre Umgebung neuerdings wirken, einen Hauch von Resignation zu spüren scheinen. Bauer, von Beruf Webdesigner, arbeitet zusätzlich in Spandau im Quartiersmanagement. Er weiß: „Die Leute, die hier verdrängt werden, die landen dort“ – in den Hochhaussiedlungen am westlichen Stadtrand. Seine Kinder könnten sich Wohnungen in der Gegend von Bülow- und Potsdamer Straße nicht leisten.Werden die Neuen, die mal direkt am Park wohnen werden, die Potse verändern? Latte macchiato statt Kleiner Feigling? Biomarkt statt Stripklub? Verändert vielleicht die Potsdamer Straße mit ihrem verlebten Charme und ihrer Beharrlichkeit die Erwartungen der Neuen? Jörg Krohmer, der Quartiersmanager vom Magdeburger Platz, hat 14 Jahre im Kiez gewohnt und subkutane Veränderungen längst wahrgenommen. „Wir waren bis vor vier, fünf Jahren noch im Dornröschenschlaf“, sagt er. „Früher haben bei Rewe die Rollatoren den Weg versperrt – heute sind es die Kinderwagen.“ Wahrscheinlich sind das alles Pseudogegensätze. Diese Straße wird schon alles zusammenbringen, nebeneinander, das passt schon. Wie bisher.


Quelle: Der Tagesspiegel

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