Deutsche Küche in Charlottenburg

Klassiker neu interpretiert

Klassiker neu interpretiert
Das Restaurant Weiss beweist, dass klassisch deutsche Gerichte die gegenwärtige Esskultur auch bereichern können.
Wenn wir den Titel „Reelles Restaurant des Jahres“ zu vergeben hätten, dann käme das „Weiss“ in der Leibnitzstraße ganz gewiss in die engere Auswahl. Es beweist, dass klassische deutsche Gerichte die gegenwärtige Esskultur bereichern können.

Der Küchenchef ist Ewald Weiss, der sich bereits im Restaurant „Am Fasanenplatz“ eine Fangemeinde erkocht hat. Sein neues Restaurant, im früheren „Europa“, ist stilvoll eingerichtet, aber ohne überflüssige Hemmschwellen. Gestärkte Tischwäsche, dezente Lampen, Tulpensträuße, kleine Windlichter, ein paar Freilufttische vor dem Fenster: Es ist alles da, was man braucht, um sich wohlzufühlen, aber nichts Überflüssiges oder Erdrückendes.

Die Patronne hat auf eine angenehm unaufdringliche und gleichzeitig tatkräftige Art alles fest im Griff. Sie ist freundlich und schnell und immer zur Stelle, wenn man sie braucht. Aber wenn man sie gerade mal gar nicht brauchen kann, merkt sie das dankenswerterweise auch.

Fast vergessene Spezialitäten stehen auf der Karte

Das Küchenprogramm ist zeitgemäß, deutsch mit schwäbischen Wurzeln. Umso mehr Touristen die Stadt bevölkern, desto mehr Restaurants bestehen auf moderne deutsche Küche. Beinahe könnte man sagen, die deutschen Tapas sind das neue Sushi. Eine nette Idee der Küche wäre es, das Programm nach dem spanischen Vorbild um kleines Naschwerk zu erweitern. Dazu müsste man lediglich die Vor- und Hauptspeisen im Probierformat anbieten. Dann könnte man vielleicht auch mehr Gäste für die exotischen Spezialitäten wie „Glaciertes Lammbries auf Balsamico-Linsen“ gewinnen. Nahezu in Vergessenheit geratene Spezialitäten wie Kalbsnierchen oder Lammzunge stehen hier ebenfalls auf der Karte.

Ein extratrockener Winzersekt war die Empfehlung der Patronne zum Auftakt, ein Trollinger Rosé von dem Weingut Christel Currle. Dazu aßen wir schönes Graubrot mit einer knusprigen Kruste und hausgemachtem Quark mit Meerrettich und Paprika. Die Kartoffel-Bärlauch-Suppe mit Speckstreifen war delikat. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Konsistenz der Kartoffel herausgearbeitet werden kann, zudem war die Suppe vergleichsweise leicht (6 Euro).

Deutsche Küche kann durchaus leicht sein

Was gesundes Naschen betrifft, so sind ganze Artischocken im Grunde die perfekte Alternative zu, sagen wir, Nachos. Leider bekommt man sie viel zu selten. Hier schon. Der Teller samt Artischocke war beim Auftragen so heiß, dass selbst der Boden noch warm war, als wir ihn nach langem Zupfen erreichten. Der Estragon-Dip der bereitstand, war sehr gut und verlieh den Blättern auch in geschmacklicher Hinsicht eine angenehme Farbe (7,50 Euro).

Die Entenleber, in zart gebratenen Stücken, war äußerst großzügig angerichtet, die fruchtigen Apfelscheiben ergänzten sie perfekt. Einem Gruß aus den achtziger Jahren glichen die wilden Salatblätter, sie waren jedoch nicht sandig und mit exzellentem Essig angemacht (9 Euro). Die Sülze vom Tafelspitz enthielt viel Gemüse und reichlich zartes Fleisch, es gab zwei große Scheiben zum Hauptgang und krosse, gar nicht fettige Bratkartoffeln dazu, außerdem eine vorzügliche Remoulade und eine schlankere Dip-Variante aus Tomaten und Balsamicoessig (13,50 Euro).

Grappa aufs Haus wie in früheren Zeiten

Der überbackene Ziegenkäse war ebenfalls gut, hätte eventuell aber noch ein wenig wärmer sein können. Uns gefiel der Sockel aus Süßkartoffel, der dazu sehr gut passte. Eine hübsche Abwechslung zu dem andernorts üblichen Crostiniprogramm (8 Euro). Der Botschaft – Deutsches muss nicht schwer sein – begegnet man zwar auch in anderen Lokalen immer häufiger, hier wird sie jedoch besonders gekonnt umgesetzt.

Die Weinkarte festigt den guten Eindruck sehr. Nach einem 2009er Grünen Veltliner von Stiegelmar (0,5 l für 10 Euro) gingen wir zu einem Pfälzer Riesling über (0,25 l für 5,50 Euro). Am Dessert mochten wir den neudeutschen Umgang mit Rhabarber am meisten. Große Stücke, nicht weich gekocht, sondern bissfest und säuerlich, vermischt mit Erdbeeren. Zum krönenden Abschluss gab’s noch wahlweise Mirabelle oder Grappa aufs Haus, Erinnerungen an alte Zeiten wurden wach. So ein kleiner Schuss Nostalgie schadet der Neuinterpretation klassischer Gerichte gar nicht. Bedauerlich bloß, dass es nicht sehr voll war.


Quelle: Der Tagesspiegel

Restaurant Weiss, Leibnizstraße 31, 10625 Berlin

Telefon 030-31804850

Webseite öffnen
E-Mail schreiben


Montag bis Samstag von 17.30 bis 24 Uhr

Weitere Artikel zum Thema Restaurants

Essen + Trinken | Restaurants

Top 10: Restaurants in Moabit

Moabit erfreut sich großer Beliebtheit. Auch kulinarisch hat der Stadtteil einiges zu bieten. Ob rustikale […]
Essen + Trinken | Restaurants

Top 10: Restaurants in Kreuzberg

Sich einmal rund um die Welt futtern, das geht wahrscheinlich nur in Kreuzberg. In wenigen […]