Berlin
Resümee zum Theatertreffen

Im Durchschnitt durchschnittlich

Im Durchschnitt durchschnittlich
Die Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele. V. l n. r.: Michael Neuenschwander, Lorenz Nufer, Rene Dumont, Marion Breckwoldt und Matthias Bundschuh.
Sie waren ganz in Ordnung, die Leistungen auf dem diesjährigen Theatertreffen. Wirklich überzeugen konnten die wenigsten. Für "Kill your Darlings", "Platonov" und "Hate Radio" hat sich der Besuch gelohnt.

Man muss über das Zählen berichten, denn es war das Zählen, das eine ganze Zeitlang Gesprächsthema auf dem diesjährigen Theatertreffen war. Den Zähl-Anfang machten gleich zu Beginn die Münchner Kammerspiele in ihrem bedrohlich-düsteren Sarah-Kane-Trptychon. Da zählte eine der zu unendlicher Depressionsfolklore verurteilten Personen im Stück enervierend langsam bis fünfzig. Zählen als qualvolle und entspannende Beschäftigung im ortlosen Schmerzraum (wenn die Botschaft bei mir richtig angekommen ist).

Fünfzig? Da geht noch mehr! Das bringt einen Theaterexorzisten wie Vegard Vinge aus Norwegen nur zu einem kolossalen Lachen. Kurzerhand änderte er seine Ibsen-Saga im Prater der Volksbühne nach zwei Tagen und hieß einen kahlköpfigen Mann mit Maske, langen Spinnenfingern und elektronisch verzerrter Stimme zu Beginn des Zwölf-Stunden-Entgrenzungsmarathons bis 1150 (wenn meine Erinnerung stimmt) zählen.

Verwirrungshit war Venges „John Gabriel Borkman“

Das zog sich genauso lange hin, wie es klingt, ganze eineinhalb Stunden, war jedoch nicht nur Venges Übertrumpfungssucht (O-Ton: „Ich habe den größten Theaterschwanz!“) geschuldet, sondern förderte auch interessante Resultate zutage. Beachtlich, was mit dem Zuschauer bei einem so einfachen Vorgang passiert. Amüsement mischt sich mit Ungeduld, die bald zu Ärger, dann zu Desinteresse wird – aus dem man dann seltsamerweise in einen anderen Zustand versetzt wird, wach und schläfrig zugleich ideal vorbereitet auf das nahende Pappmaché-Kettensägen-Massaker.

Eine in Zeitlupentempo explodierende MickyMaus-Welt mit ironisch sprudelnder Urinfontäne des Regisseurs, zur Begleitung gibt es Wagner: Venges „John Gabriel Borkman“ war definitiv der Hit in Sachen Verwirrung und Aufwühlung beim Theatertreffen. Folgende Zählrituale waren hingegen nur noch Theaterei mitsamt Augenzwinkern, etwa in Herbert Fritschs Klamaukorgie „Die (s)panische Fliege“ oder billiges Zitieren wie in der lau kalauernden „Volksfeind“-Inszenierung aus Bonn, eine Enttäuschung, in der eine agitierende Sängerin das Publikum zum Singen nötigte, denn sie erpresste es: „Sonst fang’ ich an zu zählen!“

Genozid-Dokumentarstück „Hate Radio“ von beklemmender Kraft

Das Zählen war der etwas schläfrige Running Gag in jedem Foyer, denn in diesem Jahr präsentierte die Leistungsschau des Theaters zwar vielfältige Formen, doch nur ein Bruchteil davon war so zwingend wie das bedrückende Dokumentarstück „Hate Radio“ von Milo Rau. Überlebende des Genozids an den Tutsi stellten mit gesampelten, originalen Zitaten eine Sendung des Radiosenders RTLM nach, in der zur Zeit des Bürgerkriegs n Ruanda unverfroren zum Morden aufgehetzt wurde. Oder in seiner Reduktion so treffsicher und meisterlich wie „Kill your Darlings“ von René Pollesch aus der Berliner Volksbühne: Eineinhalb Stunden tigerte Fabian Hinrichs wie von der Welt getrennt über die Bühne und füllte den übergroßen Raum aus, wie es sonst kaum eine der Inszenierungen zustande brachte.

Mehr Regiekollektive (Gob Squad präsentierte einen kurzen Abend, in dem Kinder im Zeitraffer altern), mehr lange Abende (Nicolas Stemanns „Faust“ benötigte mehr als acht Stunden), so die Losung. Das bedeutete: Entweder Spektakel oder eingängige Idee. Der Verlierer dieses Mottos war das, was man vor einiger Zeit als klassisches Interpretationstheater bezeichnet hätte.

Zum Schluss doch noch Standing Ovations

Wie geht es weiter in der Theaterwelt? Möglicherweise mit noch vielen Abenden des Regisseurs Alvis Hermanis aus Lettland, man kann es nur hoffen. Er brachte zum Schluss des Festivals seinen „Platonov“ vom Wiener Burgtheater mit – eine Erinnerung daran, was Theater sein kann. Fünf Stunden, und jede Sekunde davon mit Puls, getrieben von Spannung im Untergrund.

Hermanis hat gemeinsam mit seiner Bühnenbilderin Monika Pormale ein verfallenes Landgut aus dem Ende des 19. Jahrhunderts so naturalistisch dargestellt – eine Raumstruktur aus Salon, Terrasse und Esszimmer – und lässt die großartigen Schauspieler oft gleichzeitig in Vordergrund- und Hintergrundsituationen auftreten, sprechen und gelegentlich auch zurückhaltend flüstern, dass der Eindruck des Lebensechten, des wimmeligen Realen entsteht und der Hyperrealismus das Bühnengeschehen im selben Moment ins Beispielhafte, kunstvoll Verdichtete entrückt. Platonov, der Gesellschaftssezierer und sarkastische Verführer, den in Tschechows frühem Stück gleich vier Frauen begehren, kommt auf eine Abendgesellschaft der Besitzerin des Guts, Anna Petrovna, und lässt die Dämonen durcheinanderwirbeln, bis Sofja ihn schließlich niederschießt.

Mit überwältigendem musikalischen Instinkt choreografiert Hermanis die Szenen, die Auf- und Abtritte, das Nebenhergeplänkel, das Duett von Anziehung und Abstoßung, so rhythmisch-organisch wie das Atmen. Kunst. Standing Ovations zum Schluss zweier Wochen.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, 10719 Berlin

Telefon 030 254890

Weitere Artikel zum Thema Theater

Kultur + Events | Theater

Gerlinde bei den Wühlmäusen

Gerlinde Jänicke ist Morgenmoderatorin bei 94,3 rs2. In ihrer Kolumne auf QIEZ verrät sie jede […]