Berliner Kleinbrauer im Portrait

Die Schaumkronen der Schöpfung

Die Schaumkronen der Schöpfung
Biermanufakturen in Berlin. Ein Kulturführer von Peter Korneffel.

Pale Ale, Thirsty Lady oder Grosse Freiheit No. 114: Diese Namen sind nicht nur klang-, sondern auch geschmackvoll. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Das malzige Ale oder das süffige Helle gehören zu den neuesten Berliner Biersorten und sind damit so etwas wie die hippen Youngster in der recht vielfältigen Brauszene der Hauptstadt.

Und was für die Biere gilt, trifft auch auf ihre Macher – die Brauer der Generation Yolo – zu. Einer von ihnen ist Johannes Heidenpeter, der mit seiner Mikrobrauerei seit 2012 im Keller der Markthalle Neun mitten in Kreuzberg sitzt. Eigentlich gehört sein Herz der Kunst, den Siebdruck lernte er bei einem Schüler von Joseph Beuys. Doch als er seine Werke in der Markthalle ausstellte und nebenbei von seinem privat gebrauten Bier erzählte, kam eines zum anderen. Seit drei Jahren ist er nun schon hauptberuflicher „Bierkünstler“.

Nachzulesen ist das in dem Buch „Biermanufakturen in Berlin“. In 22 Portraits stellt Autor Peter Korneffel die Mikrobrauereien der Stadt vor – also alles abseits von Kindl, Schultheiss und Co. Die Biermanufakturen, die BrewBaker, Vagabund Brauerei oder Hops & Barley heißen, kommen im Buch wie trendige Startups daher: Ausgediente Brauanlagen werden günstig im Internet geschossen und aufpoliert, die Biere tragen schicke Namen und werden im hauseigenen Schankraum oder in den Szenekiezen ausgeschenkt.

Bock auf Bier

Auf der anderen Seite des Spektrums stellt das Buch aber auch Brauer wie Michael Metscher vor. Der Diplom-Brauingenieur – ja, diesen Beruf gibt es wirklich – ist „der älteste aktive Braumeister Berlins.“ Im Westen der Stadt stellt er seit 1994 sein Spandauer Havelbräu her. Der gebürtige Neuköllner verkauft seine untergärigen Biere in seinem zünftigen Gasthaus, in dem noch Currywurst, Kassler und Klöße auf der Karte stehen. Auch das wird deutlich: Nicht alle Manufakturbrauer sind zwangsläufig so unkonventionell wie ihre Biere.

Gemeinsam haben alle Biermacher aber die Hingabe, mit der sie ihren Beruf ausüben. „Biertrinken mit Johannes Heidenpeter ist wie eine Galeriebesuch im Land der Gaumenfarben“, heißt es zu dem Bierfachmann aus der Markthalle Neun. Und nebenan, im nächsten Szenekiez, prüft Nils Heins von der Privatbrauerei am Rollberg in Neukölln die Bio-Qualität seiner Zutaten ganz genau: „Ich muss zum Test immer wieder Körner kauen, quasi eine Maische im Mund vollführen.“ Jeder einzelne, so legt es Autor Korneffel nahe, wähnt die eigene Herzblut-Kreation als Schaumkrone der Schöpfung.

Nun ahnt man auch, weshalb das Buch lieber ein Kultur- denn ein Bierführer sein möchte: Es macht sich nicht auf die Suche nach dem besten Gerstensaft oder dem talentiertesten Brauer der Stadt. Es widmet sich vielmehr dem Unerwartbaren, dem Speziellen und beleuchtet ein Deutsches Kulturgut von einer bisher kaum gekannten Seite. Exkursionen in die Berliner Braugeschichte, Hintergründe zur weltweit expandierenden Craft Beer-Szene und ein Interview mit der Bier-Sommelière – ja, auch diesen Beruf gibt es wirklich – Sylvia Kopp, liefern spannendes Expertenwissen.

Das breit recherchierte, en Detail beobachtende Buch ist für Bier-Auskenner genau so ein Schätzchen wie für unverbesserliche Sterni-Trinker. Nicht zuletzt auf die Weisheit „Freibier ist das beste Bier“ werden sich Verfechter aus beiden Lagern einigen können können. Und wer nach der Lektüre wider Erwarten noch immer keinen Bock auf ein frisch gezapftes Pale Ale oder eine Thirsty Lady hat, der soll mal schön bei seinem Grauburgunder bleiben. Denn dann hat er auch nichts besseres verdient.

Biermanufakturen in Berlin – Ein Kulturführer durch Berlins Biermanufakturen, Peter Korneffel, Nicolai-Verlag, 208 Seiten, mit 90 farbigen Abbildungen. 18,95 Euro.

Hops & Barley Hausbrauerei, Wühlischstraße 22, 10245 Berlin

Telefon 0176 29367534

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