Rimini Protokoll: Staat 1-4

Theater 2.0: Werde selbst Bauchef oder reise ins Jahr 2048

Theater 2.0: Werde selbst Bauchef oder reise ins Jahr 2048
Hier siehst du das Kollektiv der träumenden Schafe - oder wachen sie doch noch auf? Zur Foto-Galerie
Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll zeigt mit Staat 1-4 das Theater als Forum der Gegenwart. Es geht um das Machtgefüge innerhalb eines Staates in Form von Überwachung, künstlicher Intelligenz, Eliten und Korruption.

„Ein Blick ins Gedärm der Demokratie – mit den Augen der ‚Experten des Alltags‘ von Rimini Protokoll“, so bezeichnet der österreichische Philosoph und Autor Boris Buden die Werke der postdramatischen Theatergruppe. Und in dieser Demokratie brodelt es ganz gewaltig – Spekulation und Korruption am Bau, der gläserne Mensch wird von einer künstlichen Intelligenz angeführt und bei Geheimtreffen der Eliten in Davos, wird das Weltgeschehen bestimmt. Die Mitglieder des Rimini Protokolls Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel schaffen es wieder einmal mit ihrer ganz eigenen Theaterdramatik das Publikum komplett in ihren Bann zu ziehen. Doch worin besteht der Zauber beim Kollektiv? Wir erleben es bei unserem Besuch.

Wie so oft beim Rimini Protokoll entsteht das komplette Theaterstück erst durch die aktive Teilnahme des Publikums. Bei dem Stück Staat 3: Träumende Kollektive, tastende Schafe gelangst du durch eine Zeitreise ins Jahr 2048. Die künstliche Intelligenz Iris und die Schauspieler Vassilis Koukalani und Kostis Kallivretakis führen dich mit Anekdoten und viel Humor durch den kuriosen Abend. Iris lenkt in diesem Zukunfts-Szenario das Weltgeschehen, andernfalls wäre die Menschheit durch Krieg und Umweltkatastrophen untergegangen – behauptet zumindest Iris. Nur eine künstliche Intelligenz kann uns retten – aber ist sie wirklich in der Lage, die Welt gerechter und besser zu machen? Und um welchen Preis? Da wir laut Stück 2048 in einer liquiden Demokratie leben, müssen die Zauschauer, also die „tastenden Schafe“, regelmäßig ihre Stimme auf der Smartphone-App abgeben. Jede Antwort generiert einen anderen Ton, gemeinsam wird so im Laufe des Abends eine elektronische Symphonie erschaffen, die wir am Ende hören.

Verhandlungstechniken auf einer Großbaustelle lernen wir durch Kampfsport. ©Benno Tobler

Segen und Fluch der digitalen Wolke

Was Zuschauer während des Stücks erschaffen, ist ein zweites Ich – das unsichtbare, digitale Selbst, das wir durch jede Antwort für Iris aufbauen. Sie kennt uns so gut, dass sie auch stellvertretend für uns abstimmt, wenn wir zu langsam sind beim Antworten. Und das kann leicht passieren: Die Fragen sind richtig knifflig und dazu kommt, dass die Farbe deines Geräts auch noch allen anderen anzeigt, wie du abgestimmt hast. Anonymität gibt es in dieser Gesellschaftsform nicht. Wie die Schafe in einer Herde werden wir zusammen- und auseinandergetrieben und verstehen oft nicht den Sinn einer Aktion oder Frage. Trotzdem folgen wir wie ein braves Herdentier – wie das genau geht, lernen wir per vorgeführtem Schafvideo.

Am Ende wechseln wir die Tierwelt. Je nach gegebener Antwort werden wir in fünf Vogel-Gruppen eingeteilt. Wir sind bei den vorsichtigen Papageien. Und jetzt merken wir, dass sich die Gruppen auch so verhalten wollen, wie man es ihr davor zugeschrieben hat: ein „Vielleicht“ gefällt besser als ein „Ja“ oder „Nein“, immerhin hat Iris uns ja als zögerlich kategorisiert. Der Raum ist nicht frei von Einflussnahme: Wir merken, dass bestimmte Geschichten oder humorige Kommentare der Schauspieler in unsere Entscheidungen mit einfließen. Was wir auch merken: Menschen verhalten sich widersprüchlich. Aber das ist ja nichts Neues.

Hier siehst du, wer hinter dem Theaterkollektiv Rimini Protokoll steckt. ©Daniel von Becker

Kosmos Großbaustelle

Das nächste Theaterstück Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2) ist gänzlich anders: Hier geht es mehr ums Anpacken und Entdecken als ums leise Nachdenken. In einem wuseligen Baustellenrundgang – natürlich tragen wir dafür ganz profesionelle Sicherheitshelme – blicken wir in acht Stationen aus unterschiedlichen Perspektiven auf das sichtbare und unsichtbare Geschehen einer Baustelle. Das gesamte Theaterstück findet auf mehreren Ebenen zeitgleich statt und greift perfekt ineinander. Die Szenen sind so perfekt choreographiert wie ein Orchester – Chapeau an die Macher dieses Gesamtkunstwerkes.

Nach diesem Rundgang wundert man sich nicht mehr, dass der BER nicht fertig wird: Architekt Alfredo Di Mauro gibt Einblicke in das abgekarterte Spiel der Politik in Baustellenprojekten, Fang-Yung Lo lässt uns das Leben der Wanderarbeiter tanzen und Jürgen Mintgens gibt uns einen Crash-Kurs im Baurecht am Beispiel von Kampfsport-Lektionen. Der Rechtsanwalt Andreas Riegel führt in den düsteren Korruptionssumpf auf Baustellen und Professor Rainer Pospischil erheitert das Publikum in der Station Schädlingsbekämpfung mit einem Vergleich zwischen einer Ameisenkolonie und einem Baustellen-Kosmos. Staat 2 ist also ein Spiel aus Schock und Belustigung.

Auch zu empfehlen sind die beiden anderen Veranstaltungen der Reihe Staat 1-4, so das Top Secret International (Staat 1) im Neuen Museum, bei dem du als geheimer Agent zwischen antiken Büsten durchs Museum schleichst und über die Kopfhörer Anweisungen bekommst, Entscheidungen treffen musst und nie weißt, wer dich gerade beobachtet. Beim Weltzustand Davos (Staat 4) waren wir zwar noch nicht, da der Start erst am 8. März ist,  aber auch dieses Thema hört sich sehr spannend an.

Staat 2 findet nur noch bis Sonntag den 4. März statt, Staat 3 und 4 kannst du im Zeitraum von 2. bis 11. März sehen und Staat 1 läuft noch bis 24. März. Restkarten an der Abendkasse. Mehr Infos findest du hier.

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