Bakterienbefall in Wohnsiedlung

Gropiusstädter vertrauen dem Wasser nicht

Nur 20 Ersatzduschen für 400 Wohnungen in der Gropiusstadt und doch sind alle leer.
Nur 20 Ersatzduschen für 400 Wohnungen in der Gropiusstadt und doch sind alle leer.
Das Trinkwasser in einer Siedlung der Gropiusstadt ist mit Bakterien verseucht und wird wohl erst im November wieder sauber sein. Die bereitgestellten Duschcontainer wirken auch nicht vertrauenserweckend auf die Bewohner der rund 400 Wohnungen.

Seit in der Gropiusstadt Keime in den Leitungen auffällig wurden, bemüht sich die Hausverwaltung, die Mieter zu beruhigen. Aber die vertrauen nicht mal mehr auf gereinigte Duschcontainer.

Es ist acht Uhr morgens und der Container ist leer. Die Ahornbäume an der Fritz-Erler-Allee werfen ihre Schatten auf die vier weißen Stahlcontainer, die den Platz vor der Hochhaussiedlung füllen. Die großen Quader beherbergen je fünf Duschkabinen, fünf Waschbecken und eine Toilette. Für die betroffenen Anwohner der fast 400 Wohnungen stehen somit insgesamt 20 Duschen, 20 Waschbecken und vier Toiletten zur Verfügung. Bei der knappen Berechnung müsste hier eigentlich gerade eine Schlange vor jedem der Eingänge stehen. Doch es regt sich nichts in den Containern.

Das saubere, frische Trinkwasser steht bereit. Die Container sind sauber. Warum will sie keiner nutzen?

Ordentliche Warnung und ein Ersatzangebot

Knapp einen Monat ist es her, dass das Gesundheitsamt den Keim Pseudomonas aeruginosa in den Leitungen der Siedlung vorfand. Durch das Trinkwasser kann der Keim in den Körper gelangen und zu Entzündungen führen. Die 140 Anwohner des betroffenen Hauses wurden dazu angehalten, Wasser vor dem Zähneputzen abzukochen.

Nachdem andere Häuser untersucht wurden, stellte sich heraus, dass die Verschmutzung kein Einzelfall war. 400 Wohnungen wurden als gefährdet eingestuft. Deshalb stellte die Hausverwaltung vor zwei Wochen die mobilen Waschstationen auf den Platz vor den neunstöckigen Häusern. Die Zufuhr von Trinkwasser wird durch dicke Rohre gewährleistet. An den Türen wird „sauberes“ Wasser angepriesen.

Kein Vertrauen bei den Anwohnern

„Angeblich!“, ruft eine ältere Dame. Sie trägt ihren Einkauf an den Containern vorbei. Anfänglich hat sie ihr Wasser von hier geholt. Bis gestern, meint sie. Nachdem sie verfolgte, wie Arbeiter minutenlang Wasser auf den Asphalt laufen ließen, verlor auch das Wasser in den Containern ihr Vertrauen. Die 79-Jährige besorgt ihr Wasser nun im Supermarkt, kauft fünf Liter auf einmal. Und duschen? „Tu ich bei meinem Sohn.“

Nach der Untersuchung hängte die Hausverwaltung Warnungen in die Treppenhäuser. Das Gesundheitsamt informierte die Anwohner über Flyer in den Briefkästen: Auch Duschen wäre nur mit abgekochtem Wasser sicher. „Ick dachte erst, dit is Werbung“, sagt ein dünner Mann, der sich vor dem Haus eine Zigarette ansteckt.

Die Ursache bleibt wahrscheinlich ungeklärt

Die Ursache der Bakterienverseuchung sind der Hausverwaltung sowie dem Gesundheitsamt bis heute nicht ganz klar. Möglicherweise bei Bauarbeiten oder über die „unzulässigen Sanitärbauten“, die der Hausverwaltung in manchen Wohnungen auffielen. „Abschließend“, erklärt die Verwaltung bereits jetzt, werde die Ursache „wahrscheinlich nicht geklärt werden können“. Es klingt nach einer vorgezogenen Entschuldigung.

Diese Offenheit mag aufrichtig und gründlich sein – die Anwohner in der Fritz-Erler-Allee werden dadurch zusätzlich verunsichert. Immer wieder finden sich Nachbarn in kleinen Grüppchen, die auf dem Weg vom Supermarkt sind und Wasserflaschen tragen oder am Container mit den leeren Kanistern stehen, um Wasser zu holen. Sie stehen beisammen und klagen ihr Leid. „Ich dusche hier nicht. Will mir ja nicht die Krätze holen.“ – „Das Wasser hat doch einen Gelbstich!“ – „Auf die Miete können die lange warten, das sage ich euch.“

Bis November kein sauberes Wasser

Um die Mittagszeit herum läuft ein älterer Mann über den Hof. Er holt sich Wasser für seinen Fünfliterkanister und platziert diesen in dem Trolley, den er mitgebracht hat. Seine Frau, erzählt er, sitzt im Rollstuhl. „Die kann unmöglich hier unten duschen.“ Die Reinigung der Wasserleitungen wird nicht vor November beendet sein. Bis dahin werden die beiden in einem Pflegeheim wohnen. „Immerhin“, sagt er, käme die Hausverwaltung für einen Teil der Kosten auf. Er zuckt die Schultern. „Das ist höhere Gewalt.“ Das Wasser vom Hof wird er trotzdem erst für den Abwasch benutzen, wenn er es abgekocht hat.

Zur gleichen Zeit geht im Container nebenan ein Mann mit Mopp und Desinfektionsmittel durch. Obwohl noch immer niemand die Duschen verwendet hat.

 


Quelle: Der Tagesspiegel

Gropiusstädter vertrauen dem Wasser nicht, Fritz-Erler-Allee , 12351 Berlin

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