Unterwegs im Kiez

Rund um den Hohenzollernkanal

Rund um den Hohenzollernkanal
Eine grüne Lunge in Spandau: Der Hohenzollernkanal.
Haselhorst - Mitten in Spandau, gut behütet von Gewerbegebieten und Industrieanlagen, liegt ein Fleckchen Natur, das zur zweiten Heimat gestresster Großstädter geworden ist. QIEZ hat einen Bummel rund um den Hohenzollernkanal gemacht und ist dabei Menschen begegnet, die gelernt haben, sich mit 'Nebensächlichkeiten' wie Fluglärm zu arrangieren.

Eigentlich ist das Gebiet nördlich der Nonnendammallee in Spandau weniger für seine malerischen Ecken und idyllischen Grünflächen bekannt. Man findet vor allem Industrie, Gewerbe und klobige Wohnhäuser. Früher betrieb die Firma Siemens auf der Insel Gartenfeld ein Kabelwerk. Hier soll in den kommenden Jahren ein Gewerbepark für Jungunternehmer entstehen, eine Start-up-City, in der man sogar wohnen und einkaufen kann. Auch der Zugang zum Hohenzollernkanal als Naherholungsgebiet gab den Ausschlag für das Projekt. Ganz so trist und öde scheint es zwischen Haselhorst und Siemensstadt also doch nicht zu sein. Grund genug, die Gegend näher zu erkunden und einen kleinen Spaziergang zu machen.

Ein schmaler Weg, durch eine kleine Böschung vom Wasser getrennt, führt schnurgerade Richtung Havel. Rechts davon liegt die Schrebergartensiedlung „Am Hohenzollernkanal“, in der Deutschland- und Hertha-Fahnen im Wind flattern und hölzerne Wagenräder hutzelige Hütten schmücken. Es ist eine typische Berliner Laubenkolonie, die nicht weiß, dass sich bald etwas ändern wird an ihrem Kanal in Spandau. Als ich eine ältere Dame auf das Projekt „Inselstadt Gartenfeld“ anspreche, schaut sie mich ungläubig an und schüttelt den Kopf. „Davon habe ich noch nie etwas gehört. Gartenfeld? Das ist da drüben“, und sie deutet auf die ehemaligen Siemens-Gebäude auf der anderen Seite des Kanals, die schemenhaft zwischen Gestrüpp und Baumbestand erkennbar sind.

„Irgendwann hört man es nicht mehr“

Es ist ein sonniger Spätsommertag, ich bahne mir einen Weg durch das Uferdickicht und setze mich an die Wasserstraße, die als Teilabschnitt des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals die Spree mit der Havel verbindet. Es herrscht eine angenehme Ruhe, nur ein paar Kanuten paddeln vorbei und winken mir zu. Ich schließe die Augen und sauge dieses Stück Natur in mich auf, diese grüne Oase mitten im Spandauer Gewerbegebiet. Doch plötzlich liegt ein Dröhnen in der Luft, erst weit entfernt, dann unmittelbar über mir. Ein Blick nach oben verrät den Urheber dieses Krachs, der meine Pause am Hohenzollernkanal stört. Es ist eine Maschine von Air Berlin, im Landeanflug auf Tegel.

Als ich wenig später im urigen Biergarten des „Jägerhäuschen“ sitze und einen Leberkäse verspeise, donnern die nächsten Maschinen über meinen Kopf. Udo Binder, ein Koch aus Schwaben, der das kleine Gasthaus seit vier Jahren zusammen mit einem Freund betreibt, kann darüber nur müde lächeln: „Nach einiger Zeit filtert man es weg. Am Anfang habe ich mich schon erschreckt, weil die Flugzeuge so tief fliegen und so riesig sind, aber irgendwann nimmt man’s hin und hört es auch nicht mehr.“ Radovan, ein Stammkunde von Binder, der vor 20 Jahren aus Serbien nach Berlin gekommen ist und eine kleine Laube in der Nähe besitzt, schließt sich an: „Die Flugzeuge gehörten von Anfang an dazu, es ist eine Art Gesamtpaket.“

Nach meinem Mittagessen setze ich den Kanal-Spaziergang fort und stoße auf eine mir bis dato unbekannte Form des Wassersports. Junge Männer fahren in Kajaks zwischen zwei schwimmenden Toren hin und her und versuchen einen Ball per Paddel in die hoch über dem Wasser hängenden Kästen zu bugsieren. „Kanupolo“ hieße dieser neue Freizeitspaß, berichtet ein Junge, der seinen Freunden vom Ufer aus zusieht. „Es ist etwas für Verrückte, denen Fußball zu langweilig ist und die sich lieber auf dem Wasser betätigen.“

Park ohne Namen

Über eine schmale Brücke gelange ich auf die andere Seite des Hohenzollernkanals. Vor mir erstreckt sich ein Park mit großen Wiesen und kleinen Bauminseln, in dem Anwohner der anliegenden Laubenkolonien über schmale, gewundene Wege schlendern und Pärchen die Septembersonne genießen. Wie der Park heißt, das weiß keiner. „In seiner Mitte liegt der Rohrbruchteich, vielleicht heißt er ja Rohrbruchpark“ meint ein Angler, der gerade seinen Schwimmer herrichtet. Er möchte noch etwas hinzufügen, wird jedoch von einem weiteren Flieger unterbrochen, der wenig später über den Kanal rauscht. Als sich der Lärm legt, hat er vergessen, was er sagen wollte. Aber stören würden ihn die Flugzeuge eigentlich nicht.

Ich beende meinen Spaziergang am Rohrbruchteich, einem kleinen Weiher, eingeschlossen von weiteren Laubenkolonien und Kanuclubs, und komme mit Klaus ins Gespräch, einem älteren Herrn, der eigentlich in der Spandauer Innenstadt wohnt und seit 15 Jahren eine kleine Laube in der „Kolonie Salzhof“ besitzt. Ob er sich auf die Schließung des Flughafens freue, frage ich ihn und bekomme, mal wieder, eine eindeutige Antwort: „Nee, da müsst ick ja dann ‘ne Stunde zu dem neuen Ding fahren, wenn ick mal verreisen will. Dann lieber der Fluglärm, der stört mich auch nich wirklich. Eher meine Frau. Wenn die abends Fernseh kieken will, is öfters ma der Empfang weg.“

Ich begleite Klaus durch den Park und er zeigt mir seine Lieblingsecken. „Rohrbruchwiesen“ nennen die Bewohner der Schrebergärten die Grünanlage laut Klaus, einen offiziellen Namen habe sie nicht. Vor allem ihre reichhaltige Vegetation fällt auf. Zu den vielen Ahorn- und Lindenbäumen gesellen sich Rhododendren, Kiefern und Hopfenpflanzen. Als ein weiteres Flugzeug unser Gespräch unterbricht, muss Klaus schmunzeln und sagt: „Aber sonst is et doch schön hier. Kann mit meinem Hund laufen. Allet is jut.“

Jägerhäuschen, Im Saatwinkel 7, 13599 Berlin

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