Tyrann aus der Kreidezeit

Schädel eines T. Rex in Berlin eingetroffen

Schädel eines T. Rex in Berlin eingetroffen
Herr der Knochen. Johannes Vogel, Chef des Berliner Naturkundemuseums, präsentiert Knochen des T. Rex. In den nächsten Wochen werden sie untersucht und zusammengefügt. Ab Dezember ist das Tier für Besucher zu sehen - oder das, was von ihm übrig geblieben ist.
Mitte - Das Naturkundemuseum bekommt einen T. Rex aus Montana. Jetzt wurden die ersten Knochen vorgestellt. Sie sollen eingehend erforscht werden, denn bis heute wissen die Experten erstaunlich wenig über diese Tiere.

Es ist ein Anruf, von dem wohl viele Forscher – und Dinofans – träumen dürften: „Willste ’n Tyrannosaurus Rex haben?“ Mit diesen Worten meldete sich Johannes Vogel, Direktor des Berliner Naturkundemuseums, bei seinem Mitarbeiter und Paläontologen Uwe Moldrzyk. „Echt? Einen T. rex? Was soll der denn kosten?“ „Nichts“, antwortete Vogel, „der Besitzer will nur, dass wir ihn ausstellen und daran forschen.“

Drei Jahre lang soll das Fossil in Berlin bleiben

Noch immer kann Moldrzyk kaum glauben, dass der „surreale“ Anruf kurz nach Weihnachten tatsächlich stattgefunden hat. Spätestens seit heute kann er sich aber jeden Tag rückversichern. Denn am Donnerstag trafen am Naturkundemuseum die ersten fossilen Knochen von „Tristan Otto“ ein und wurden jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt. Nun sollen sie in Kooperation mit Bildgebungsexperten des Universitätsklinikums Charité, der Firma Toshiba Medical Systems und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Friedrichsfelde erforscht werden. Außerdem wird das etwa zwölf Meter lange Fossil bis Dezember so zusammengesetzt, dass jeder Museumsbesucher künftig von einem in Jagdpose erstarrten Tyrannosaurus Rex begrüßt werden wird. Drei Jahre lang soll das Exponat in der Stadt bleiben.

Das schätzungsweise 66 Millionen Jahre alte Exemplar wurde 2012 im US-Bundesstaat Montana gefunden. Dort gehören Fossilien nicht wie in Deutschland automatisch dem Staat sondern dem Finder oder dem Eigentümer des Fundortes und können verkauft werden. In diesem Fall gingen die mehrere Millionen Dollar teuren Knochen an den Londoner Geschäftsmann und passionierten Fossiliensammler Niels Nielsen. Als dieser dann nach einem geeigneten Ort zur Ausstellung und Erforschung des Raubsauriers suchte, rieten ihm Paläontologen aus Manchester, sich an das Berliner Naturkundemuseum zu wenden, erzählt Vogel, der lange Jahre in England geforscht hat. „Der Grund dafür ist, dass wir die Einzigen sind, die seit Jahrzehnten Originalfossilien ausstellen, und eben keine Abgüsse oder Plastikdinos, die wackeln und brüllen“, sagt Moldrzyk, der das T. Rex-Projekt leitet.

Schädel von Tristan zu 98 Prozent erhalten

Das Besondere an Tristan sei nicht nur, dass es das einzige originale Tyrannosaurus-Fossil sein wird, dass in Europa zu besichtigen sein wird, sagt der Paläontologe. Die Fossilien seien so gut erhalten, dass neue Erkenntnisse über die Lebensweise zu erwarten sind. „Allein die 50 Knochen des Schädels sind mit 98 Prozent fast vollständig erhalten“, sagt Moldrzyk. Nicht nur die Beißkraft, auch die Größe des Gehirns lasse sich dadurch besser als bisher abschätzen. „Jeder Fund, jeder Knochen erweitert unser Wissen über diese Tiere.“ Nach den ersten Funden habe man die Skelett der Tiere noch in einer Pose aufgestellt, die anatomisch völlig falsch gewesen sei. „Erst als wir federartige Abdrücke an Raubsaurierfossilien gefunden haben, wissen wir, dass wir uns Dinosaurier nicht einfach mit grünen Reptilienschuppenvorstellen dürfen“, sagt Moldrzyk.

Ob auch Tristan Federn hatte, wie viele Raubsaurier, kann der Paläontologe allerdings nicht sagen. „Das Gestein, in dem Tristan gefunden wurde, ist zu hart, als dass Abdrücke von Federn erhalten geblieben wären.“ Und auch bei anderen T.-Rex-Exemplaren wurden bisher keine Federabdrücke gefunden. Insofern ist bis heute unklar, wie die Jäger nun wirklich ausgesehen haben.

Zeugen Rippenbrüche von besonderem Brunft-Verhalten?

Patrick Asbach von der Klinik für Radiologie der Charité soll jeden Knochen Tristans per Computertomograph (CT) untersuchen. „Zwar sind die Knochen im Zuge der Fossilierung längst durch Mineralien ersetzt worden, aber dennoch bleibt die Struktur erhalten“, sagt Asbach. So lässt sich der Zustand des Skeletts des Tieres, das zum Todeszeitpunkt wohl noch nicht ganz ausgewachsen war, dokumentieren. Außerdem soll bei der Untersuchung das Geschlecht von Tristan ermittelt werden, denn das ist trotz des Spitznamens für das Fossil (nach den Söhnen von Niels Nielsen und dessen Kompagnon Jens Peter Jensen) noch nicht bekannt.

Die CT-Aufnahmen der Einzelknochen werden dann im Computer zu einem virtuellen Skelett zusammengesetzt. „So können wir Bewegungsabläufe simulieren“, sagt Asbach. Vor allem aber will der Arzt, der die Dinoforschung nur im Nebenjob betreibt, krankhafte Veränderungen an den Knochen untersuchen, die Rückschlüsse über die Lebensweise des Dinos zulässt. „Viele T. Rex haben Rippenbrüche“, sagt der Forscher. Ob das auf ein besonderes Jagdverhalten oder verletzungsreiche Kämpfe mit Artgenossen während der Brunft zurückzuführen ist, wissen die Forscher nicht. Vielleicht können Tristans Rippen das Rätsel lösen.

Daumengroße Zähne

Besonderes Augenmerk wollen die Forscher auch den daumengroßen Zähnen widmen, an deren Wurzeln sie Besonderheiten festgestellt haben, die vielleicht auf die Ernährung hinweisen könnten. Außerdem haben sie bei Tristan Knochenkrebs im Kiefer entdeckt. Doch die Berliner Forscher werden nicht nur Knochenschau betreiben. Nächste Woche fliegt eine Delegation zur Fundstelle in Montana, um dort nach Spuren im Geröll zu suchen, die Rückschlüsse auf den Lebensraum zu Lebzeiten Tristans geben sollen. „Bisher gibt es erst ein Unterkieferfragment von einem Krokodil und eine Fischschuppe“, sagt Moldrzyk. Das Bild, das sich aus solchen Indizien über T. Rex und dessen Leben ergibt, soll auch in der Museumsausstellung dokumentiert werden. Um die Besucher für die Natur zu begeistern, sagt Johannes Vogel. „Damit wir alle nicht so enden, wie diese Dinoskelette hier.“


Quelle: Der Tagesspiegel

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Illustre Gesellschaft: Im Naturkundemuseum kann man nicht nur staunen, sondern auch im Beisein riesiger Dinoskelette dinnieren.

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