Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Jan Henrik Stahlberg: Filmen ohne Geld in Kreuzberg

Jan Henrik Stahlberg: Filmen ohne Geld in Kreuzberg
Filmen ohne große Kompromisse: Jan Henrik Stahlberg ist das Projekt Fikkefuchs zusammen mit Saralisa Volm ohne finanzielle Unterstützung angegangen.
Graefekiez - Der Schauspieler und Drehbuchautor ist Spezialist für ungewöhnliche Filme ohne Kompromisse, die mit geringem Budget und nicht selten in Berlin gedreht werden. Derzeit arbeitet Stahlberg mit seinem Team am "Fikkefuchs", einem Werk über die Untiefen männlicher Sexualität.

Meine erste Begegnung mit Jan Henrik Stahlberg auf der Kinoleinwand liegt mittlerweile über zehn Jahre zurück. In „Muxmäuschenstill“ verkörperte der Wahl-Berliner einen Ordnungsfanatiker, der das Gesetz in die eigenen Hände nahm und die Regelverstöße seiner Mitbürger auf unkonventionelle wie drakonische Weise ahndete. Es war ein Film, der gekonnt mit den Grenzen des Humors spielte und gleichzeitig Fragen zum menschlichen Zusammenleben stellte.

Ähnlich lässt sich auch Stahlbergs „Fikkefuchs“ beschreiben, den der Schauspieler gerade zusammen mit Produzentin Saralisa Volm realisiert. Der Trailer verspricht erneut einen provokanten Film zwischen schwarzem Humor und (zwischen-)menschlicher Tragik. Stahlberg verkörpert Rocky, der sich ohne Vorwarnung mit seinem ihm nicht bekannten 25-jährigen Sohn Thorben konfrontiert sieht. Dieser ist eigens nach Berlin gekommen, um vom Vater – einst „der größte Stecher von Wuppertal“ – zu lernen, wie man Frauen ins Bett bekommt. Dabei kann der Erzeuger schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so wie in der goldenen Vergangenheit.

Es geht um Sex, nicht um Moral

Zusammen mit Wolfram Fleischhauer hat Stahlberg das Drehbuch entwickelt und beschreibt das Szenario so: „Es geht um männliche Bedürfnisse, um männliche Sexualität, über die Männer per se sehr wenig ehrlich reden.“ So wie sich die Problematik im Film darstellt, sei sie in ihrer „ganzen Komik auch sehr traurig“, findet der Autor und Hauptdarsteller. Dabei geht es Stahlberg in seinen Filmen nie um eine allgemeingültige Moral oder gar einen erhobenen Zeigefinger. Er steht auf Ambivalenz: „Mich interessiert, wenn ich selber eine Haltung zu einem Film finden muss.“

Um „Fikkefuchs“ ohne Kompromisse umsetzen zu können, haben Stahlberg und Volm auf die oft zermürbende Vorabsuche nach Finanzierungs- und Kooperationspartnern verzichtet. „Der deutsche Film steckt bis zur Halskrause in Angst“, sagt der Schauspieler und Regisseur. Provokante oder abseitige Projekte haben es nach wie vor schwer. Bis Anfang Mai lief für den „Fikkefuchs“ eine Crowdfunding-Kampagne, die gut 70.000 Euro einbrachte – weniger als das anvisierte Ziel, aber genug, um das Finale des Films wie geplant in Griechenland zu drehen. Dabei kommt das Werk ohnehin ohne teure Technik und Spezialeffekte aus: „Fikkefuchs lebt von seiner Authentizität. Ich würde den Film auch mit einer Million Euro vom Look her nicht anders drehen wollen. Hätte ich Geld, würde ich die Leute bezahlen“, so Stahlberg.

Gedreht wurde bisher vor allem im Bergmannkiez – kein weiter Weg für den Hauptdarsteller, der seit 2007 im benachbarten Graefekiez lebt. Die Veränderungen in seinem Viertel registriert Stahlberg, hat aber noch keine Angst deswegen. „Ich glaube, dass Kreuzberg nie wie Prenzl’berg wird“, meint er und verweist auf die anderen Strukturen. „Ich finde, es ist noch immer ein toller Ort zum Wohnen.“

Ein Fußballfan, der auf schicke Restaurants verzichten kann

Stahlberg mag die Kneipen in der Gegend und hat auch kein Problem mit Touristen. Im Gegenteil, das positive Berlin-Bild, das die Gäste mit nach Hause nehmen, sei „für Berlin so eine Chance“. Der Filmemacher geht selber gerne ins Café Rizz, in dem auch wir uns treffen. Neben der netten Chefin mag er die Fußballübertragungen in der Kneipe in der Grimmstraße. Wenn sein Lieblingsverein Borussia Dortmund kickt, zieht es Stahlberg aber häufig in die Manteuffelstraße: „Das Intertank ist eine Super-Location wenn man Fußball schauen möchte“, sagt er über die dortige Fankneipe. Angenehm findet er auch Devil’s Kitchen, ein Lokal in der Graefestraße, das von vielen gebürtigen Israelis frequentiert wird.

Geht es um Gastronomie, legt Stahlberg keinen gesteigerten Wert auf schickes Ambiente und Haute Cuisine: „Ich bin kein großer Freund vom fein essen gehen, wenn du 50 Euro für einen Fisch zahlst.“ Sein Tipp in der Gegend: das italienische Restaurant Salumeria & Bruschetta mit angeschlossenem Feinkostgeschäft.

Und wie lange müssen wir noch auf den „Fikkefuchs“ warten? Die Suche nach einem Verleih hat bereits begonnen. Nach dem absehbaren Drehende folgt der Schnitt, bei dem Stahlberg nach eigenen Angaben immer sehr gründlich ist. Derzeit gehen die Filmemacher von einem Kinostart Mitte nächsten Jahres aus.

Weitere Informationen zum Stand des Filmprojekts findet ihr auf dessen Facebook-Seite.

Café Rizz, Grimmstr. 21, 10967 Berlin

Telefon 030 6939171

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