Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Inez Bjørg David: "Wir sind Neuspießer"

Im gemütlichen Café Suicide Sue in der Dunckerstraße.
Im gemütlichen Café Suicide Sue in der Dunckerstraße.
Winskiez – Die Schauspielerin ("Doc meets Dorf") lebt mit ihrem Freund Mirko Lang und ihren beiden Kindern mitten in – wo sonst – Prenzlauer Berg. Aber auch auf dem Land hat sie mit ihrer Familie ein Refugium. Warum David mit Spielplätzen eine Hassliebe verbindet und wofür sie ihren Beruf an den Nagel hängen möchte, das hat sie uns im Interview verraten.

Im August hat Inez Bjørg David ein Souterrain gegenüber der Kulturbrauerei bezogen, um von hier aus die Arbeit für ihren neuen Online-Shop miwai.de zu erledigen. Dort empfängt sie mich – so zierlich, klein und offenkundig herzlich habe ich sie mir nicht vorgestellt. Eher als blonden Vamp. Ein Vorurteil, das sie so gar nicht mag. „Nach meiner Rolle in ‚Verbotene Liebe‘ (Anm. d. Red.:  als Vanessa von Beyenbach von 2003 bis 2006) fingen so ziemlich alle Anfragen an mit ‚die sexy blablabla'“, erzählt sie lächelnd. „Das möchte ich echt nicht mehr spielen!“ Wir nehmen Platz auf zwei Omi-Sesseln und trinken, umgeben von biologisch einwandfreien Klamotten und allerlei halb ausgepackten Paketen Hari Tee. Miwai ist ein Online-Shop für schöne, nicht nach Öko aussehende Klamotten und Accessoires.  Rund 20 Bestellungen sind in den ersten drei Wochen nach dem Launch bei ihr eingegangen, die Pakete schnürt die Schauspielerin noch selbst.

 

Die Serie „Doc meets Dorf“, in der sie die Hauptrolle spielt, hat gerade Drehpause; ob es eine zweite Staffel gibt, ist ungewiss. „Ich habe für diesen Herbst sehr viele Anfragen abgesagt. Ich habe für zwei Monate noch nie so viele Anfragen bekommen wie jetzt, wo ich mich rausnehmen möchte, um meinen Shop voranzubringen“, lächelt sie. Allerdings sind die Tage ihrer Schauspielerei sowieso gezählt. „Ich möchte in fünf Jahren keine Schauspielerin mehr sein!“, betont David. „Du stehst früh um fünf Uhr auf, wenn du einen Dreh hast und bist oft bis 22 Uhr am Set. Als ich meine beiden Kinder drei bis vier Tage am Stück nicht mehr wach gesehen habe, habe ich mich schon gefragt: Was machst du hier eigentlich?“ Ihr zweites Standbein ermöglicht ihr dagegen, etwas Kleines in der Welt zu verändern. Etwas, das sie so auch ihren Kindern (2 und 3 Jahre alt) gern mit auf den Weg geben möchte.

Zwischen Kollwitzplatz und Winskiez

Ihren Kiez sieht sie von vier großen Straßen eingegrenzt: der Greifswalder Straße und der Schönhauser Allee östlich und westlich sowie der Torstraße und der Danziger Straße. „In dem Viertel bewegen wir uns“, sagt sie. „Manchmal gehen wir noch hoch in den Mauerpark oder in den Volkspark Friedrichshain, das war’s aber auch schon. Emotional gesehen ist ein Kiez dringend nötig, weil Berlin so monströs groß ist. Als ich 2001 in die Stadt gekommen bin, hat mich die Stadt erschlagen.“ Schön am Kiez findet David, dass er einem ein heimeliges Gefühl gibt. Der Nachteil: Du musst nicht raus, alles ist da. Freunde in anderen Bezirken sieht man eher selten. „Meine Schwester lebt in Dahlem, die habe ich schon zwei Monate nicht getroffen“, so die Schauspielerin.

Gefragt nach ihren Lieblingsorten redet sich David in Rage. Thema: Hassliebe Kollwitzspielplatz. „Meine Kinder lieben den, es ist schön da  – aber ich bin kein Fan wegen der Eltern“, sagt David. „Da sind die Prenzl‘ Berger schon besonders. Neulich meinte eine Mama zu mir: Ist das deins? Kannst du’s mal wegnehmen? So etwas geht gar nicht! Gekonntes Weg- oder gezieltes Hinschauen von Eltern ist häufig zu beobachten – das nervt mich total!“ Gern mag sie es, mit ihrem Freund Mirko Lang, ebenfalls Schauspieler, ins Kino zu gehen, entweder in die Kulturbrauerei oder ins Filmtheater am Friedrichshain. Zum Wochenmarkt am Kollwitzplatz geht’s mit der ganzen Familie, z.B. zum Pommes essen. „Ich finde die Sachen aber überteuert“, sagt sie. „Der Markt hat für mich eher einen kulturellen Wert.“ Die Veganerin geht auch gern ins Restaurant Lucky Leek oder zum kleinen Mexikaner Maria Bonita. „Was mir im Kiez fehlt: etwas, das nicht ganz so perfekt ist!“, meint sie. „Es ist hier zu schick, zu glatt geworden. Mir fehlt häufig das Gefühl, dass man merkt, wer dahinter steckt.“

Raus aufs Land Richtung Dänemark

Mit ihrer Familie wohnt sie seit vier Jahren in einer Altbauwohnung mit Balkon im 3. Stock; bei einer Warmmiete von 760 Euro für 123 Quadratmeter noch ein echtes Schnäppchen. Jetzt wurde das Haus aber verkauft und der Käufer möchte natürlich sanieren. Noch wissen die Mieter nicht, wie es weitergeht. „Einerseits ist das gut, weil es wirklich dringend nötig ist, das Gebäude zu renovieren“, meint David. „Andererseits kann man eben keine 1500 Euro Miete zahlen. Das ist auch ein Zwiespalt, den ich im Kiez sehe: Man möchte, dass das Flair bleibt, findet es aber auch gut, wenn das eigene Haus saniert ist. Wir sind selber echt Neuspießer – eigentlich die, die wir selber beschimpfen. Voll im Trend: vegan lebend und einen Bio-Shop betreibend. Allerdings ist das für mich ein Trend, der wichtig und auch gut ist.“

An den Wochenenden sieht man David eher selten in Prenzlauer Berg, denn da fährt sie mit ihrer Familie raus aufs Land. Bei Neuruppin haben sie sich vor zwei Jahren ein Haus gekauft. „Quasi Richtung Dänemark“, schmunzelt die gebürtige Dänin. „Es ist ein altes, Kohle fressendes Haus. Vor allem wegen des Riesengartens für die Kinder haben wir uns aber sofort verliebt.“ Hört sich sehr romantisch … „Nein, es ist eher dreckig und bodenständig!“, lacht sie. „Ich mag es aber total gern, auch mal mit den Händen im Dreck zu wühlen und wir kommen dort alle schön runter.“

Kulturbrauerei, Knaackstr. 97, 10435 Berlin

Zum Gelände der Kulturbrauerei gehört auch der populäre Frannz Club.

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