Schienenersatzverkehr S1

Gedränge, Schweiß, Gemotze

Gedränge, Schweiß, Gemotze
Wer den Schienenersatzverkehr von Frohnau nach Wittenau nutzt, darf sich auf Gedränge, Schweiß und Gemotze einstellen. Zur Foto-Galerie
Seit heute werden die Berliner (insbesondere die Reinickendorfer) in Sachen Geduld mal wieder auf die Probe gestellt. Mit Beginn der Sommerferien ist die Strecke zwischen Hohen Neuendorf und Wittenau voraussichtlich bis Ende Juli gesperrt. Was auch bedeutet, dass sich die Fahrzeit um mindestens eine halbe Stunde verlängert. Ein Stimmungsbericht vom ersten Tag.
Als ich kurz vor 8 Uhr am S-Bahnhof Frohnau ankomme, steht bereits der halbe Kiez Schlange. Heftiges Gedränge, als der Bus vorfährt. Für meine Begriffe schaut der ziemlich klein aus, bedenkt man, dass noch zwei Stationen (Hermsdorf und Waidmannslust) folgen und gerade mal die Frohnauer darin Platz finden. Die Busfahrerin ist erstaunlich freundlich und wartet auf hektisch herbeilaufende Fahrgäste. Noch dreimal öffnet und schließt sich die Tür. Was einen Mann auf dem Sitz vor mir zum Rasen bringt. Wann es denn endlich losginge, fragt er und mauzt „ich muss zur Arbeit“ nach vorn. Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet. Trotz Regenvorhersage meint es die Sonne gut und ballert gegen die Fensterscheiben. 
 
Die Luft wird nicht besser, als sich in Hermsdorf noch mehr Leute in den Bus quetschen. „Wir haben nur noch Liegeplätze“, scherzt die Busfahrerin und ruft die Leute auf, ihre Ventilatoren aus den Taschen zu holen – wieder ein kleiner Scherz, den keiner kapiert. Alle schauen nur angestrengt auf ihre Uhren und sehen sich zu spät zur Arbeit kommen. 
 

Die S-Bahn informiert einen Tag vorher

Einige von ihnen hat es an diesem Morgen nämlich eiskalt erwischt. Ein Mann erzählt, dass er von der Sperrung nichts wusste. Eine ältere Dame schimpft, dass die S-Bahn erst einen Tag zuvor auf den Bahnhöfen entsprechende Tafeln aufgestellt habe. „Da kann man sich heute nur massiv beschweren“, merkt die Frau neben ihr an. „Nur weil heute Ferien sind, glauben die, dass keiner mehr zur Arbeit muss. Unglaublich.“
 
Inzwischen quält sich der Bus durch den morgendlichen Verkehr. In Waidmannslust hört man eine Stimme nach hinten rufen: „Will hier jemand raus?“. „Nein, weiterfahren“, rufen alle im Chor. Augenblicklich ist die Stimmung etwas entspannter. Drei Herren in gestärkten Hemden (wahrscheinlich nicht ortskundige Geschäftsmänner) wollen wissen, wie es in Wittenau weitergeht. „Zum Alexanderplatz am besten die U8 nehmen“, schlägt ein Fahrgast  vor. Das sei auch die allgemeine Empfehlung der Verkehrsbetriebe, lieber mit der U- statt mit der S-Bahn zu fahren. Denn zwischen Wittenau und Schönholz fährt die S1 unregelmäßig und mit Unterbrechungen. „Tja, so hat man sich das ausgedacht“, schmunzelt ein älterer Herr. „Nur doof, dass es keine Alternative gibt“, so die Frau neben ihm.
 

Verlängerte Fahrzeiten

Als der Bus endlich am U-Bahnhof Wittenau vorfährt, klatschen die Fahrgäste. Alle sind froh, endlich aus dem Brutkasten aussteigen zu können. Nur der Mann vor mir verzieht noch immer das Gesicht. Für eine Strecke, die mit der Bahn in etwa acht Minuten bewältigt werden kann, haben wir rund 40 gebraucht. Die Busfahrerin nimmt es gelassen. Es war wahrscheinlich nicht ihre erste Ersatzverkehr-Tour. Zum Abschied ruft sie den Gästen hinterher, sie sollen doch bitte ihre persönlichen Sachen nicht vergessen: „Davon haben wir genug“, lacht sie. Mal schauen, ob ihr heute Mittag auch noch zum Scherzen zumute ist. 

Foto Galerie

S-Bahnhof Frohnau, Frohnauer Brücke, 13465 Berlin

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Mode | Shopping + Mode | Wohnen + Leben

Diese Kapuzen setzen ein Zeichen

Berlin trägt Kippa – diesmal auf dem Hoodie. Der Berliner Galerist Johann König der bekannten […]
Service | Wohnen + Leben

Top 5: Berliner Kurierdienste

Du möchtest deiner Oma einen Kuchen schicken? Brauchst heute Abend dringend eine schicke Tasche? Oder […]
Familie | Wohnen + Leben

Diese App ist ein wahrer Held

Ganze 100 „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ wurden dieses Jahr prämiert. Mit dabei auch […]