Berliner Straßen: Schillerpromenade

Die Bürde, Zeit zu haben

Schillerpromenade: Treffpunkt der Milieus
Schillerpromenade: Treffpunkt der Milieus Zur Foto-Galerie
Die Schillerpromenade in Neukölln ist Wohnort vieler Menschen aus unterschiedlichen Milieus: Künstler leben neben Handwerkern, Studenten neben Alkoholikern.

Das Viertel begeistert mich auf den ersten Blick. Ich fahre mit dem Taxi durch die Schillerpromenade, um mir eine Wohnung anzuschauen. Schöne Altbauten ringsum, Bäume, Parkbänke, alles ist breit und grün. „Ist das schön hier, so italienisch!“, sage ich zum Taxifahrer. Der dreht sich zwar um, bleibt jedoch stumm. Wir schreiben das Jahr 1996 und ich bin seit einem halben Jahr in Berlin. Die frisch renovierte Wohnung bekommt viel Licht und ist für eine Studentin, die Hamburger und Heidelberger Mietpreise gewohnt ist, ein Traum. Der Schreck folgt in der Morgenstunde: ich werde durch lautes Dröhnen geweckt, bevor ein Flugzeug einen Schatten auf mein Wohnzimmerfenster wirft.

Seit der Flughafen Tempelhof geschlossen wurde, ist die Schillerpromenade ein Ort der Ruhe. Die Parkbänke werden von ein paar Männern zum Bier trinken genutzt. Hin und wieder rollt ein Auto durch die Pflasterstraße. Es sind nur wenige Fußgänger zu sehen und die Kneipen heißen hier noch „Bierbaum“ oder „Promenadeneck“. Geschäfte, die Kunden von außerhalb des Kiezes anziehen könnten, gibt es kaum. Der „Edeka“ am Herrfurthplatz ist immer gut besucht, denn er hat beinahe eine Monopolstellung. Die Alternative sind die zahllosen Discounter und Ein-Euro-Shops an der nahen Hermannstraße.

Ein Neuköllner Original

Für meine Nachbarin lagen sie jedoch außer Reichweite. Frau Grimm konnte gerade noch die Post holen. Ich lernte sie kennen, als sie 75 war. Sie sah nur noch wenig und hatte schwarze Haarspitzen, weil sie beim Anfachen des Feuers ihrem Kohleofen zu nah kam. Ende der fünfziger Jahre war sie frisch vermählt ins Hinterhaus, Parterre links, gezogen. Frau Grimm war viele Jahre Hauswartsfrau und hatte auch als Rentnerin noch alles im Blick. Sie lehnte an ihrem Fensterbrett, rauchte und hatte stets Schokolade und Billigzigaretten griffbereit, um die Bewohner zu einem Plausch zu verführen.

So wusste Frau Grimm über vieles Bescheid und brachte die anderen Hausbewohner miteinander ins Gespräch, die sich sonst womöglich nie kennengelernt hätten: Motorradfan Bodo, häufig im „Bierbaum“ anzutreffen, reparierte meine Nähmaschine. Steffen war ein Jungautor mit Baskenmütze und schwarzem Anzug. Und die Rumänin Zsazsa Regentrup, Ende vierzig, baute als Schichtarbeiterin Lippenstifte zusammen. Bei Frau Grimms Beerdigung waren wir alle dabei. Erst nach ihrem Tod bemerkten wir, dass sie mit ihren von der Kohle grauen Händen eine Spur im Treppenhaus hinterlassen hatte, dort, wo sie sich abstützte.

Die Häuser im Kiez wurden Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Lange Zeit wohnten vor allem Arbeiter dort, da der Fluglärm aus Tempelhof seit 1923 die Mieten drückte. In den letzten zwanzig Jahren stieg die Arbeitslosigkeit und das Geld verschwand aus dem Kiez. Geschäfte und Kneipen schlossen, selbst tagsüber wirkte die Schillerpromenade oft wie ausgestorben. Die Spielplätze waren leer, der Wochenmarkt am Herrfurthplatz wurde abgeschafft, selbst für Straßencafés fehlte die Kundschaft. Mich störten Armut, Müll und Trinker nicht, eher gaben sie meinem Studentenleben zusätzliche Würze. Selbst im Jogginganzug kam ich mir vor wie eine Göttin. In den wenigen Cafés der Gegend traf ich sympathische Leute, die unendlich viel Zeit zu haben schienen. Stress und Ehrgeiz gab es anderswo, Neukölln war mein Erholungsgebiet.

Was sich ändert und was bleibt

Doch so sollte es nicht blieben. Der Schillerkiez bekommt ein Quartiersmanagement, das ab 2000 erste Veränderungen anstößt. In einem Gebäude der Genezarethkirche am Herrfurthplatz eröffnet das Café Selig. Dort trifft man die anderen Bewohner des Schillerkiezes beim Milchkaffee in der Sonne: Alternative mit Dreadlocks, gut aussehende Künstler, Kopftuchträgerinnen und die Tattoo-Fraktion. Ihre Kinder machen unterdessen die neu gestalteten Spielplätze unsicher.

Mein Mann und ich ziehen in eine größere Wohnung. Technomusik wummert durch die Wände, ich bin hochschwanger und kann nicht schlafen. Mein Mann läutet bei unserem Nachbarn, der macht die Tür auf und sagt: „Du bist Künstler, oder? Das seh ich an der Brille! Was willst du eigentlich hier? Ich wohne seit zwanzig Jahren in Neukölln. Und ich bin Gerüstbauer!“ Dann schlägt er die Tür zu. Die Musik wird nicht leiser. Wir behelfen uns mit Ohropax und sprechen ihn nie wieder darauf an.

Als unser Sohn geboren wird, ändert sich mein Verhältnis zur Schillerpromenade. Der Dreck beginnt zu stören, ich vermisse große Bio-Läden und Cafés mit Kinderecken. Mittlerweile verbringe ich den ganzen Tag im Schillerkiez und muss mich der sozialen Realität stellen. Das Tempelhofer Feld ist inzwischen ein Park, man trifft Studenten beim Edeka und hippe Amerikaner im Café Xenzi. Kleine Mode- und Kunstläden eröffnen. Doch nach wie vor umfahre ich mit dem Kinderwagen die Alkoholiker am Kiosk und sehe mich auf dem Spielplatz pöbelnden Jugendlichen gegenüber. Die Gegend wird zwar lebendiger, doch dadurch entstehen kaum Jobs für die Langzeitarbeitslosen und ihre Kinder. Möglicherweise werden die Alteingesessenen irgendwann von den steigenden Mieten verdrängt.

Uns schrecken die Wachmänner vor der Schule ab. Wahrscheinlich machen wir uns zu viele Gedanken, aber wir befürchten, dass sich die meisten Eltern zu wenige machen. Wir ziehen weg. Beim Abschied von Neukölln steigen wir ins Auto und fahren wieder die Schillerpromenade entlang, ich mit verweinten Augen, die Jungs abgelenkt von ihren Abschiedsgeschenken. Durch das Autofenster zieht der Keksgeruch vom Bahlsen-Werk, vor einem Kiosk streiten sich lautstark zwei Frauen. Ich gebe Gas.

Foto Galerie


Quelle: Der Tagesspiegel

Die Bürde, Zeit zu haben, Schillerpromenade, 12049 Berlin

Weitere Artikel zum Thema