Siedlung in Schlachtensee

Studenten, Seerosen und ein Rathaus

Im Studentendorf Schlachtensee wurde lange um den Erhalt der historischen Anlage gekämpft. Die ersten Ergebnisse der Sanierung sind nicht zu übersehen.

Das behagliche Gemeinschaftsempfinden und eine eigene Identität hat sich dieses Dorf ohne Zweifel bewahrt. Was daran liegt, dass die Gebäude durch ihre Anordnung und Architektur echtes Campus-Gefühl verbreiten. Es gibt einen Dorfplatz im Zentrum, sogar einen Teich. Allerdings keinen klassischen Dorfteich, wie man ihn vom Lande kennt. Den Architekten Peter Pfankuch, Hermann Fehling und Daniel Gogel sowie dem Gartengestalter Hermann Mattern ging es darum, einen „Spiegel der Demokratie“ zu schaffen, mit Seerosen und Goldfischen. Mitte der fünfziger Jahre war das Studentendorf ein Vorzeigeprojekt der Freien Universität, die mit dem Bau ihren Studierenden ein Quartier in Uninähe zur Verfügung stellen konnte.

In Berlin mangelte es ein gutes Jahrzehnt nach Kriegsende nach wie vor an Wohnraum. Die Finanzierung des Dorfs übernahm das Außenministerium der Vereinigten Staaten. Es wollte dazu beitragen, den künftigen Entscheidungsträgern des jungen Staates freiheitliche Werte, Demokratie und Internationalität beizubringen. Der Gründungsgedanke schwebte von Anfang an über dem 5,3 Hektar großen Gelände. Architektonisch lässt er sich am kleinen Campus ablesen, um den die einzelnen Wohnheime und das Gemeinschaftshaus terrassenförmig gruppiert sind, 28 Gebäude insgesamt. Im zentralen Gebäude am Teich – dem „Rathaus“ – befindet sich der Arbeitsplatz von Jan-Uwe Köhler. Der ehemalige Bewohner ist inzwischen Finanzvorstand der Genossenschaft, in deren Besitz das Studentendorf heute ist. Aus seinem Büro überblickt Köhler das Kommen und Gehen der Studenten, knapp 900 aus 30 verschiedenen Nationen leben hier. Die Auslastung beträgt 97 Prozent.

Wie die wackeren Gallier

Aus einer anderen Ecke des Zimmers kann der studierte Germanist auch Haus 4 sehen, das aus der Gründerzeit stammt – neben dem ebenfalls sanierten Haus 8 ist es das Aushängeschild der Siedlung. Nicht nur diese Häuser, sondern das gesamte Dorf würde nicht mehr existieren, wenn sich 2002 die letzten 20 hier lebenden Studenten nicht gewehrt hätten. Einer von ihnen war Jan-Uwe Köhler. Wie das berühmte gallische Dorf mussten sie sich gegen eine Übermacht behaupten. Bedrängt wurden sie im Berlin der Gegenwart mit Kosten-Nutzen-Rechnungen. Dem Studentendorf fehlten damals Mieter. Die Rolle der Römer übernahm der Berliner Senat, vor allem in Person des Kultur- und Wissenschaftssenators Peter Radunski.

Beinahe wäre das Studentendorf Schlachtensee beim Immobilien-Monopoly im Tausch gegen die Schultheiss-Brauerei am Kreuzberg in Investorenhand gelandet (die Brauerei war von der Stadt damals noch für die Berlinische Galerie vorgesehen). Doch 2003 entschieden sich die Studenten, die inzwischen eine Genossenschaft gegründet hatten, selbst zum Erwerb der Siedlung. Es waren spannende Zeiten, denn den Kaufpreis von fünf Millionen Euro konnten sie nur durch den Verkauf der beiden Parkplätze aufbringen. Für die Sanierung sind über 20 Millionen Euro eingeplant. Sie soll  im Jahr 2017 abgeschlossen sein.

Haus 4 ist somit ein Vorbild für die anderen Gebäude. Der Würfel leuchtet in hellem Weiß, das schwarze Fensterband bildet einen schönen Kontrast. Die Gemeinschaftsküchen wirken mit ihren Glaswänden einladend. Auch die alte Farbe darf nicht fehlen. Sie wurde ebenso erneuert wie der Abdruck eines Fußballs, der kurz nach dem Bau im noch feuchten Deckenlack gelandet war. Durch die Sanierung wird manches vom Bauhaus-Erbe der Gebäude wieder sichtbar.

Pfusch am Bau

Das Studentendorf sollte zwar fortschrittlich sein, doch die moderne Nachkriegsarchitektur hatte ihre Mängel und das Baumaterial war qualitativ minderwertig. Feuchtigkeit und Rost wurden nach wenigen Jahren zum Problem, schon 1961 war die Mängelliste 20 Seiten lang. Immer wieder in der Geschichte des Studentendorfs wurde daher der Ruf nach dem Abriss laut. Das lag auch daran, dass die kleinen Zimmer mit gemeinschaftlichen Küchen und Bädern nicht mehr zeitgemäß erschienen. Die neuerliche Wohnungsnot rettete in den achtziger Jahren das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Dorf. Wohnungen in Berlin wurden knapp – daher ließ sich der Senat schon damals von den Bewohnern umstimmen.

Bei der aktuellen Sanierung gibt es vorsichtige Änderungen an den Grundrissen. Hier wird aus zwei kleinen Zimmern ein größeres, dort ein Gemeinschaftsraum neu genutzt. Die schmalen Unterkünfte sind aufgrund der steigenden Mieten ohnehin wieder stark gefragt. Für manchen Studenten ist das Wohnheim auch die passende Zwischenlösung, um in der Fremde schnell Anschluss zu finden.

Während die meisten Bewohner nach ein, zwei Jahren in klassisch studentische Kieze wie Friedrichshain oder Kreuzkölln ziehen, lebte Diana Schenk sechs Jahre im ‚Dorf‘. Erst vor kurzem packte die Sozialpädagogin ihre Sachen. Dass es in Schlachtensee gewöhnlich etwas lauter ist, machte ihr nichts aus. Nur als sich die hölzerne Zwischenwand zum nächsten Zimmer einmal unter dem Druck mehrerer Gäste ihres Nachbarn gefährlich bog, beschwerte sie sich. Schenk mochte die Nähe: neue Freunde kennenlernen, gemeinsam kochen und Partys feiern. Wären da nicht die Seminare, Referate und Klausuren, könnte man sich in einem Dorf auf dem Land wähnen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Studenten, Seerosen und ein Rathaus, Wasgenstraße 75, 14129 Berlin

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