Schüler in der ehemaligen Stasi-Zentrale

Schnitzeljagd auf den Spuren der Staatssicherheit

Schnitzeljagd auf den Spuren der Staatssicherheit
Frankfurter Allee Ecke Ruschestraße in Berlin-Lichtenberg. Adresse für Schrecken und Überwachung. Damals.
Wo ist die Kirche hin? Und wo war das Stasi-Kaufhaus? Mit GPS erkunden Schüler die ehemalige Zentrale der DDR-Geheimpolizei. Am 17. Januar sind die Bürger eingeladen.

29 Häuser, elf Höfe, tausende Quadratmeter. Das Ministerium für Staatssicherheit in Lichtenberg war nie ein Ort, an dem man sich leicht zurechtfinden konnte. 25 Jahre nach der Erstürmung der Stasizentrale ist das Gelände zwar etwas geschrumpft, aber verlaufen kann man sich noch immer. Gut, wenn man ein GPS-Gerät bei sich hat. Und das haben die Schüler der Schulfarm Insel Scharfenberg, die sich an einem kalten Wintertag warm angezogen haben, um die Gegend rund um Erich Mielkes Büro zu erkunden. In ihren Händen halten sie Navigationsgerät, Fotoapparat und Papiere mit Fragen, die es zu beantworten gilt. Also die geografischen Koordinaten eingeben und los!

Auf zum Geocaching!

Marvin, Isabella, Sarah und Emily sind dem „Störfaktor Kirche“ auf der Spur, aber was sie mithilfe der Koordinaten finden, sieht gar nicht aus wie ein Gotteshaus. Eher wie ein Nutzbau aus den achtziger Jahren, der leer und abweisend 20 Meter neben dem Hauptgebäude zwischen Rusche- und Normannenstraße steht. Jetzt kann nur ein Blick in die Unterlagen helfen, die den Zehntklässlern vom „Bildungsteam“ der Stasi-Unterlagenbehörde mitgegeben wurden. Aus ihnen geht hervor, dass die neuapostolische Kirche, die hier gestanden hatte, 1979 gesprengt worden war, um einem Stasi-Kino und einem Stasi-Kaufhaus Platz zu machen. Aber warum hatten die Kirchenvertreter der Räumung zunächst zugestimmt, dann aber ihre Einwilligung zurückgezogen?

Auch auf diese Frage gibt es Antworten in den Papieren. Denn der Geheimdienst hat den gesamten Schriftwechsel aufbewahrt: Marvin, Isabella, Sarah und Emily erfahren, das den Gläubigen zunächst weit reichende Zugeständnisse für einen Ersatzbau gemacht worden waren, die dann aber im Laufe der Jahre immer mehr eingeschränkt wurden. All das wird von den Schülern notiert, bevor sie versuchen, ein altes Foto zuzuordnen. Die Aufgabe lautet, dasselbe Motiv erneut zu fotografieren. Bald stellt sich heraus: Den rätselhaften Verbindungsbau vom Foto gibt es gar nicht mehr, was aber angesichts des labyrinthischen Geländes nicht sofort festzustellen ist.

„Geocaching“ oder auch „GPS-Schnitzeljagd“ nennt sich das, was den Schülern die Bekanntschaft mit dem Stasigelände erleichtern soll. Manche kennen diese elektronische Schatzsuche schon als Hobby älterer Geschwister oder Freunde; auf jeden Fall scheint es zu funktionieren, denn die Schüler sind allesamt bei der Sache. „Es ist gut, das Ganze hautnah zu erleben, und Geocaching macht mehr Spaß als herumzusitzen“, lautet denn auch das Urteil des 15-jährigen Jona, der zusammen mit Alexander ebenfalls per GPS das Gelände erkundet und dabei die ehemalige Stasikantine und Stasi-Poliklinik entdeckt, während sich die andere Hälfte der Scharfenberg-Gruppe in der multimedialen Projektwerkstatt umsieht und mithilfe des Archivmaterials den Stasimethoden nachgeht.

Lernen in anderer Form

Das Angebot der Stasi-Unterlagenbehörde passt gut ins Konzept der Schulfarm Scharfenberg, denn mehrmals im Jahr steht hier „Lernen in anderer Form“ auf dem Programm. Dann verlassen die Schüler mit ihren Lehrern die Insel, um sich andernorts Themen zu erarbeiten. Diesmal ist Linda Boginski dabei, Referendarin für Deutsch und Geschichte. Sie war drei Jahre alt, als die Mauer fiel, kennt die DDR deshalb nicht mehr aus eigenem Erleben. Umso mehr weiß sie die Angebote der Stasi-Unterlagenbehörde zu schätzen: Neben dem Geocaching auf dem Gelände gibt es Unmengen von Heften, Filmen und Ausstellungsmaterialien, die im Unterricht herangezogen werden können.

Die große Auswahl ist kein Zufall: „Marianne Birthler hatte gegen Widerstände durchgesetzt, dass es ein eigenes Referat für Lehrerbildung gibt“, berichtet der Sachgebietsleiter, der Historiker Axel Janowitz über die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. So wie Linda Boginski gebe es inzwischen viele Lehrer, für die die DDR nicht mehr Teil ihres Lebens war. Diesem generationsbedingten „massiven Wandel“ wolle die Behörde Rechnung tragen: „Wir müssen darauf mit unseren Angeboten reagieren“, umschreibt Janowitz seine aktuelle Aufgabe. Auch Birthlers Nachfolger Roland Jahn räume der Arbeit mit Schülern „einen großen Stellenwert ein“.

Janowitz sieht die Lehrer in einem Konflikt angesichts des Zeitdrucks, den der dichte Rahmenplan mit sich bringt. Gerade deshalb komme es darauf an, die vielen Quellen so aufzubereiten, dass sie sich im Unterricht schnell erschließen lassen. „Die Stasiakten sind ein Schatz. Das muss man sich klarmachen“, fügt Janowitz hinzu.

Stasi ist nicht gleich NSA

Was er damit meint, wird schnell deutlich, wenn man in den Materialien blättert. Da gibt es zum Beispiel das Heft über den „Schülerprotest 1961. Wie die Stasi gegen eine Abiturklasse in Anklam vorging“. Vom Vernehmungsprotokoll bis zu den Urteilen reichen die Unterlagen, die zusammengetragen wurde. So erfahren die heutigen Schüler, was dem 17-jährigen Rainer Penzel und seinen Klassenkameraden widerfuhr: Dass sie, anstatt das Abitur ablegen zu können, mehrjährig in Haft kamen. Ihr „Verbrechen“: Sie waren aus Protest gegen die drohende Einziehung zur Nationalen Volksarmee in schwarzer Kleidung zur Schule gekommen.

Noch jünger waren Tom Meier und Olli Rübner, als sie 1979 an der Staatsmacht scheiterten: Mit 15 Jahren hatten sie im Kreis Wernigerode versucht zu fliehen. Tom starb von Kugeln durchsiebt noch auf dem Grenzstreifen. Olli kam in Haft. Das Heft „Flucht aus der DDR. Versuchter Grenzdurchbruch zweier Schüler“, enthält vom „Vermerk über Maßnahmen mit der Leiche“ bis hin zum „Maßnahmeplan“ zur Unterrichtung der Mutter aller Bemühungen der Stasi, die wahre Todesursache geheim zu halten.

Trotz dieser erdrückenden Materialien und historischen Tatsachen, trotz der Tatsache, dass es über 90 000 hauptamtliche Stasimitarbeiter gab, die alle Lebensbereiche durchschnüffelten und kritische Bürger durch „Zersetzung“ zermürbten, gebe es bei manchen Schülern eine „Gleichsetzung“ des US-Geheimdienstes NSA mit der Stasi, berichtet Janowitz aus Gesprächen mit Schülern. Deshalb sieht Janowitz es als seine Aufgabe an, den Schülern „klarzumachen, dass die Stasi etwas anderes war. Eine Geheimpolizei mit eigenen Untersuchungs- und Ermittlungsorganen, mit polizeilichen Kompetenzen, die ständig gegen Gesetze verstoßen hat“.

Bürgertag zum Jubiläum

Vor 25 Jahren erstürmten und besetzten Demonstranten die Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Sie retteten tausende Akten vor der Vernichtung. Zum Jubiläum dieses historischen Ereignisses lädt die Stasi-Unterlagenbehörde zum Bürgertag am 17. Januar von 11 bis 19 Uhr in der ehemaligen Stasi-Zentrale ein (Ruschestraße 103, Lichtenberg). Auf dem Programm stehen Vorträge, Diskussionen und die Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Staatssicherheit in der SED-Diktatur“. Außerdem kann man einen Rundgang durch das Archiv machen und einen Antrag auf Akteneinsicht stellen (Personalausweis mitbringen). Um 14.30 Uhr gibt es eine Führung über das Gelände speziell für Jugendliche, der Titel „Mielkes Revier“. Mehr zum Bürgertag unter www.bstu.bund.de.

Die Behörde bietet zudem vielfältige Unterrichtsmaterialern und spezielle Angebote für Schulklassen an: www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Bildung/Materialien/_node.html. svo


Quelle: Der Tagesspiegel

Stasi Museum im Haus 1 des Ministeriums für Staatssicherheit, Ruschestraße 103, 10365 Berlin

Telefon 030 5536854

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Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr
Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen 12 bis 18 Uhr

Stasi Museum im Haus 1 des Ministeriums für Staatssicherheit

Das Stasi-Museum in Lichtenberg.

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