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Top 10: Fabrikgebäude im Wedding

Der Wedding, wie wir ihn heute kennen, ist ohne seine Industriegeschichte undenkbar. Heute ist produzierendes Gewerbe im Wedding kaum noch vorhanden. Viele Fabriken wurden abgerissen, doch manches ist erhalten geblieben und wird heute ganz anders genutzt. Der Weddingweiser stellt euch zehn davon vor.

AEG

Das frühere Stammhaus der AEG zwischen Acker‑, Feld- und Hussitenstraße wurde 1888 von Emil Rathenau übernommen. Von hier ging die rasante Entwicklung der Berliner Elektroindustrie aus. 1894 übernahm die AEG den nordöstlich angrenzenden Schlachthof, 1928 auch einen ehemaligen Teil des Humboldthains an der Gustav-Meyer-Allee. Vor allem die vom 1907 eingestellten Architekten Peter Behrens errichteten Fabrikgebäude zwischen Hussitenstraße und Voltastraße gehören noch heute zu den bedeutendsten Industriebauten Berlins. 1983 war endgültig Schluss mit der Produktion. Seither wird das Gelände vielfältig genutzt: als Forschungsstandort, für Gewerbe und für Medien wie die Deutsche Welle. Im ehemaligen Stammhaus am Gartenplatz ist eine Privatschule eingezogen.

OSRAM

Die Bergmannsche Elektrizitätswerke AG, ab 1935 Osram, begann 1890 mit der Produktion von Elektroteilen und später Glühbirnen im Wedding. Gründer Siegfried Bergmann hatte bei Thomas Alva Edison gearbeitet und seine Geschäftsidee nach Deutschland gebracht. Das Fabrikgelände erstreckt sich zum Teil über zwei Häuserblöcke, die gemeinsam ein Dreieck zwischen Seestraße, Groninger Straße und Liebenwalder Straße ergeben und von der Oudenarder Straße durchquert werden. Das älteste Gebäude von 1888 steht noch in der Mitte des Hofs. Die einzelnen Gebäudeteile wurden von 1903 bis 1937 errichtet und ergeben ein vielfältiges Ensemble. Seit die Produktion der Glühbirnen 1988 endete, wird das kleinteilige Gelände unter den Namen Osram-Höfe und Carree Seestraße privat vermietet und hat zahlreiche gewerbliche, öffentliche (Polizei) oder zwischenzeitlich auch kulturelle Nutzungen (La Luz) gesehen. Und auch produziert wird bald auch wieder in einem Fabrikgebäude: Ins Kesselhaus ist die Vagabund Brauerei gezogen.

Werkstätten Uferstraße

Genau genommen handelt es sich hierbei nicht um eine Fabrik. Die Pferde-Eisenbahn-AG hatte 1873 einen Betriebshof zwischen Badstraße und Uferstraße eingerichtet, um die erste Pferdebahnlinie Berlins zum Rosenthaler Platz zu betreiben. Auch die erste elektrische Straßenbahn Berlins begann hier; sie fuhr 1895 nach Pankow. 1890 wurde eine Parzelle an der Uferstraße dazugekauft. An der Badstraße 41A entstanden 1926–31 Straßenbahnwerkstätten (Schließung 1961). Heute wird das BVG-Gelände völlig anders genutzt: 2008 mietete die Uferstudios für zeitgenössischen Tanz die Gebäude für 25 Jahre an. Architektonisch werden hier Formen der Neuen Sachlichkeit mit expressiven Motiven verbunden. Den spitz zulaufenden Geländestreifen im Südwesten nutzte der Architekt aus, indem er dort das Kraftwerk baute. Das Kesselhaus geht in eine niedrige Umformerstation über, die mit einem runden Turm abschließt. Der westliche Teil bis zur Gottschedstraße ist durch die Uferstraße von den Werkstätten auf der ehemaligen Pankeinsel getrennt. 1898 entstand die große, mit Sheddächern belichtete beeindruckende Straßenbahnhalle. Darin fanden in der ersten Zeit nach dem Auszug der BVG Ausstellungen statt, derzeit wird es aber als Indoor-Fußballfeld The Base genutzt.

Rotaprint

In einem fünfeckigen Baublock zwischen Reinickendorfer, Gottsched‑, Bornemann‑, Ufer- und Wiesenstraße befindet sich eine Ansammlung von Fabrikgebäuden, in der sich einst der Offsetdruckmaschinenhersteller Rotaprint befand. Der älteste Gebäudeteil stammt aus dem Jahr 1905, viele Gebäude wurden aber erst in den 1950er Jahren hinzugefügt und verströmen mit ihrem brutalistischen Sichtbeton die Atmosphäre dieser Zeit. Zwar sind die eigentlichen Fabrikhallen nach dem Produktionsende 1989 abgerissen worden, doch stehen noch einige interessante Gebäudeteile. Das nördliche Gelände wurde von der ExRotaprint gGmbH übernommen, die die Fabrikgebäude heute kulturell und gewerblich nutzt.

Arnheimsche Tresorfabrik

1890 siedelte sich die Tresorfabrik S. J. Arnheim an der Panke zwischen Osloer Straße und Badstraße an, die größte Geldschrankfabrik Kontinentaleuropas. Für den Bau der Produktionsgebäude musste 1891–92 der nördliche Arm der Panke zugeschüttet werden. Die heutige Panke fließt im Bett des Grabens der Pankemühle. Die eigentliche Maschinenhalle wurde 1983 abgerissen – heute befindet sich dort ein Rückhaltebecken für Regenwasser. Die 1897–98 erbauten, nach dem Teilabriss erhalten gebliebenen Fabrikgebäude beherbergen heute eine Bildhauerwerkstatt und beeindrucken durch ihre gleichmäßig aufgereihten Sheddächer. Am pankeseitigen Giebel des roten Mietshauses Badstr. 40/41, das direkt hinter der Mühle aufragt, erinnert eine alte Werbeschrift an den bedeutendsten Tresorhersteller Deutschlands. 1892–93 wurde das Mietshaus für dessen Beschäftigte errichtet.

Wittler Brot

Seit 1908 befand sich die Schwarzbrotbäckerei Wittler in der Maxstraße. Nach 1918 wurde Wittler der größte Brotproduzent Europas mit zeitweilig bis zu 2.000 Angestellten. Diese lieferten das Brot mit Elektro-LKWs an 30 eigene Verkaufsstellen in ganz Berlin. Wittler ließ 1927/1928 die sechsgeschossige Brotfabrik errichten. In der Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung in der Seestraße wurde das Fertigungsprinzip erdacht. In jeder Etage gab es eine eigene Phase der Brotherstellung. Die Zutaten wurden in den sechsten Stock gebracht. Das Brot wurde in drei Öfen gebacken und danach gekühlt, um es im Erdgeschoss zu verpacken und auszuliefern. Wittler kam auf bis zu 66.000 Brote am Tag. Heute befindet sich im Fabrikgebäude ein Pflegeheim.

Fabrik Osloer Straße

Diese Institution trägt als einzige das Wort Fabrik noch im Namen. 1855 gegründet, wurden unter dem Namen A. Roller Maschinen für die Zündholzherstellung produziert. Ab 1890 arbeiteten bis zu 200 Menschen im Fabrikgebäude in der Osloer Straße 24. In der Nazizeit und in den 1950er Jahren wurden Granathülsen produziert. Später ging es wieder um Zündholzmaschinen, doch 1977 war mit der Produktion Schluss. Der neue Besitzer DEGEWO begann, auch unter dem Druck von drohenden Hausbesetzungen, Mietverträge mit verschiedensten Trägern für ein soziokulturelles Zentrum zu schließen. Darin enthalten waren Werkstätten und Jugend-Wohngemeinschaften. Später wurde ein Verein gegründet. Aus der größten Halle wurde zunächst das Werktheater Wedding, dann das Programmkino Eisenstein und ab 1997 das Kindermuseum Labyrinth. Die seit 1986 bestehende Nachbarschaftsetage im Hinterhof ist ein wichtiger soziokultureller Treffpunkt im Kiez geworden.

Hutfabrik Gattel

Schon die Häuserreihe an der Prinzenallee 57–59 ist beeindruckend – Neorenaissance pur. Geht man durch den Torbogen auf den Hof der Prinzenallee 58, steht man vor dem gelben Gebäude der Hutfabrik Gattel. 1889 wurde die Fabrik gebaut. 1933 wurde die Fabrik zwangsverkauft und in Wohnungen umgebaut. Die jüdischen Besitzer, die Gebrüder Gattel sowie ihre Ehefrauen wurden deportiert und umgebracht. 1981 wurde die ehemalige Fabrik besetzt und sie gehört heute einer Genossenschaft. Rund 90 Personen leben hier in unterschiedlichen Wohnformen zusammen.

Gerichtshöfe

Das schönste Beispiel für miteinander verbundene Gewerbehöfe sind die fünf Gerichtshöfe zwischen der Gerichtstr. 12 und der Wiesenstraße. 1912 gründete J.D. Riedel die „Industriestätte Nordhof“, die bis heute fast unverändert erhalten geblieben ist. Die veralteten Gebäude wurden abgerissen und das vierstöckige Fabrikhaus mit den großen Fenstern, den kostbaren, glasierten Ziegeln und elektrischen Aufzügen errichtet. Erste Mieter waren damals die AEG-Apparatefabrik, eine Likörfabrik und ein AOK-Büro. Das Wohnhaus in der Gerichtstraße, das durch seine Größe und aufwändige Ausstattung auffiel, folgte später. Dort wo heute ein gähnendes Loch klafft, stand bis zum Ende des Weltkriegs der imposante Mittelteil. Berichten zufolge ist dieser erst 1945 eingestürzt, als ein Geschütz explodierte, mit dessen Bedienung ein Hitlerjunge wohl überfordert war und hier wenige Tage vor Kriegsende den Tod fand. (Quelle: Gerichtshoefe.de). Heute werden die Flächen von 70 Künstler:innen als Ateliers genutzt, die u.a. die Lange Nacht der Gerichtshöfe ausrichten.

Telefunken-Gerätefabrik

Albert Speer, der Architekt für den Ausbau der Reichshauptstadt unter Hitler, hatte an der Osloer/Schwedenstraße einen monumentalen Platz vorgesehen, dessen Ostseite das Telefunkenhaus bilden sollte. Der Architekt Ernst Ziesel, der an der Drontheimer Straße in der 1920er Jahren noch im Stil der Moderne baute, passt sich wie viele andere den NS-Machthabern an. So versah er das Gebäude mit einem überstehenden Schieferdach und kleinen Dachgauben. Die an der Hauswand in den Boden eingelassenen Gitter mit der Aufschrift „Luftschutz“ verweisen darauf, dass es sich bei dem von 1939 – 41 gebauten Fabrikgebäude um ein kriegswichtiges Bauwerk handelte. Telefunken lieferte Röhren und elektrotechnische Geräte für die Kommunikation der deutschen Wehrmacht.

 

Dieser Artikel wurde zuerst auf www.weddingweiser.de veröffentlicht.

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