• Montag, 02. September 2013

Wahlkreis 81

Schriller Kiez und dörfliches Leben

  • Nollendorfplatz Schöneberg
    Viel Gedränge: Die typische Szenerie am Nollendorfplatz. Foto: Der Tagesspiegel - ©Thilo Rückeis

Tempelhof-Schöneberg ist politisch klar aufgeteilt: Innen rot-grün, außen schwarz.

Dieser Bezirk ist zwiegespalten – im wahren Leben wie auch politisch. In der City präsentiert sich das urbane Schöneberg etwa an der Motzstraße und im Nollendorfkiez schrill und regenbogenbunt, während sich am südlichen Stadtrand in Lichtenrade und Marienfelde auf dem Anger um die dortigen Kirchen beinahe ein dörfliches Ambiente bietet. In den innerstädtischen Stadtteilen ist viel Bewegung, Leute kommen und ziehen wieder weg; in der Peripherie hingegen scheinen die Beharrungskräfte stark zu sein. Viele Familien sind dort seit Generationen sesshaft, viele Alte leben dort. Und so verschieden wie die Quartiere ist auch das Wahlverhalten in Tempelhof-Schöneberg.

Die City ist ganz klar rot-grün dominiert, der Stadtrand gehört der Union, und stärkste Kraft im Bezirk ist zwar die CDU. Aber im Rathaus stellt Rot-Grün die Mehrheit – und somit gibt es eine SPD-Bezirksbürgermeisterin. Ungewöhnlich ist, dass die Spitzenkandidaten der drei großen Parteien Jan-Marco Luczak (CDU), Mechthild Rawert (SPD) und Renate Künast (Grüne) bereits dem Bundestag angehören und auch diesmal aller Voraussicht nach ein Mandat erreichen können. Selbst der Direktkandidat der FDP, Holger Krestel, sitzt derzeit im Bundestag; seine Chancen auf einen Wiedereinzug sind angesichts der Prognosen für die FDP jedoch gleich null.

Selbstverständlich hat nur einer der Politiker den Wahlkreis direkt holen können: der Unions-Mann Luczak – die anderen waren über die Landeslisten ihrer Parteien erfolgreich. 32,5 Prozent der Stimmen holte er im Jahr 2009 und konnte damit der SPD-Frau Rawert den Wahlkreis abspenstig machen, die ihn bei den Wahlen zuvor gewonnen hatte. Damals galt für Luczak "Sekt oder Selters". Jetzt wäre der 37-Jährige auch über die Landesliste gut abgesichert. Fast klingt’s wie ein Bezirksklischee: Luczak wuchs im bürgerlichen Lichtenrade auf, ging dort auf das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium, wo vor ihm auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sein Abitur gemacht hatte, und lebt bis heute dort. Wenn der Jurist nicht auf sein Motorrad steigt, kann er mit der S-Bahn direkt zu seinem Bundestagsbüro in Mitte fahren.

Wilde Mischung

So viel Lokalkolorit kann keine der beiden Konkurrentinnen bieten. Die Sozialdemokratin Rawert kommt aus dem katholisch dominierten Coesfeld in Nordrhein-Westfalen, lebt aber schon seit Jahrzehnten in Berlin und ist im Bezirk fest verwurzelt. Renate Künast, die 2009 an zweiter Stelle hinter Luczak lag und mit 26,5 Prozent nach Hans-Christian Ströbeles uneinholbaren 50 Prozent in Friedrichshain-Kreuzberg das zweitbeste Ergebnis für die Grünen in Berlin holte, kann darauf verweisen, früher jahrelang in Friedenau gewohnt zu haben. Die 57-Jährige ist diejenige, die am wenigsten im Bezirk präsent ist, aber natürlich trotzdem am bekanntesten ist. Als bisherige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag muss sie sich in der gesamten Republik tummeln: im grünen Festzelt im bayrischen Maisach, in Kassel oder im westfälischen Bielefeld. Und als Spitzenkandidatin der Berliner Grünen muss sie sich stadtweit zeigen, mal in Hellersdorf bei den Demos um das Asylbewerberheim oder beim Protest gegen Putins Homosexuellen-Gesetze.

Aber zwischendrin findet sie Zeit, sich mit den anderen Kandidaten beim Unternehmensnetzwerk Motzener Straße der Diskussion zu stellen oder mit dem Bürgerforum Lichtenrade über das kontroverse Dauerthema Dresdner Bahn zu diskutieren. Zu dem Thema hatte sie auch eine Kleine Anfrage im Bundestag eingebracht. Auf keinen Fall dürfe der Stadtteil durch die Trasse zerschnitten werden.

Wahlkämpfer stellt die Vielfältigkeit des Bezirks vor eine ziemliche Herausforderung, der sich aber alle gerne stellen, wie sie sagen. Künast spricht von einer "wilden Mischung". Rawert sagt: "Ich liebe so ein buntes Leben." Und Luczak schwärmt davon, wie "unterschiedlich und unheimlich bunt" Tempelhof-Schöneberg sei. Inzwischen sei es etwa völlig selbstverständlich, dass er und die Union beim homosexuellen Motzstraßenfest vertreten seien. "In früheren Jahren, damals noch mit der Jungen Union, wurden wir noch als Fremdkörper wahrgenommen. Das ist aber lange vorbei." Luczak gehört in seiner Bundestagsfraktion zu der "Wilden 13", einer Gruppe von Abgeordneten, die sich für die Angleichung der Rechte Homosexueller starkmacht. Aber seine beiden Konkurrentinnen finden: nicht konsequent genug. Denn eine vollständige Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit der Ehe ist bei der CDU nach wie vor nicht mehrheitsfähig.

Vorwurf der fehlenden Geradlinigkeit

Für die Sozialdemokratin Rawert ist dies hingegen längst höchste Zeit. "Es muss die gleichen Rechte für diese Lebensformen geben", sagt die 55-Jährige. Ohnedies ist einer der Schwerpunkte der studierten Sozialpädagogin mit dem Kurzhaarschnitt und der markanten rauhen Stimme der Kampf gegen jede Form von Diskriminierung – ob Homophobie oder Rassismus. Und den Protest von Rechtsextremen wie der NPD gegen Flüchtlingsheime findet sie ganz und gar unerträglich. Dem schließt sich auch CDU-Mann Luczak an. Als die NPD im Frühsommer auch vor dem ehemaligen Notaufnahmelager Marienfelde, in dem derzeit Asylbewerber untergebracht sind, demonstrierte, gehörte er zu den Gegendemonstranten.

Als es aber Ende 2012 Pläne gab, in Lichtenrade ein Flüchtlingsheim einzurichten, kämpfte der CDU-Mann darum, von diesen Überlegungen abzusehen. Auch in diesem Punkt sind sich seine beiden Kontrahentinnen einig, dass Luczak in der Flüchtlingspolitik nicht gradlinig ist. Er selber begründet seine Haltung mit den vorhandenen Belastungen des Stadtteils durch den Ausbau des Kirchhainer Damms, der nahe gelegenen Jugendarrestanstalt und der Diskussionen um Flugrouten und -lärm.

Als drängendstes Problem im Bezirk – und hier besonders in den City-Stadtteilen von Schöneberg – sehen alle drei Wahlkämpfer den Druck auf dem Wohnungsmarkt und die immer knapper werdende Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Künast verweist auf die grünen Forderungen nach Änderungen im Bundesmietrecht wie eine Mietpreisbremse und Regelungen, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zu erschweren. Und natürlich müsse es mehr Neubauten geben. Auch im Bezirk. Und das führt zu einem weiteren zentralen Thema. Wie geht es weiter am früheren Flughafen Tempelhof? Die Grünen stellen sich etwa eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes mit 500 Wohneinheiten vor. Für Luczak ein Unding: Das Feld soll frei bleiben.

Für die Linke tritt Azize Tank an – bis 2009 Migrantenbeauftragte in Charlottenburg-Wilmersdorf – und Franz Niggemann für die Alternative für Deutschland. Der 57-jährige Bundestagsabgeordnete Holger Krestel geht für die FDP ins Rennen und Frank Roeder für die Piratenpartei.

Adresse

Nollendorfplatz
10777 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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