• Mittwoch, 21. August 2013
  • von Kevin Grünstein

Nachbarschaft und Prostitution

Rückwärts die Kurfürstenstraße runter

  • Straßenstrich an der Kurfürstenstraße
    Auch bei den Anwohnern im Fokus: Die Frauen auf der Straße. Statt der Männer im Hintergrund. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Tiergarten-Süd - Polizei und Ordnungsamt wollten am 20. August in einer "Informationsveranstaltung mit Diskussion" über Präventionsmaßnahmen am Straßenstrich Kurfürstenstraße berichten. Wichtig war vielen der Kiezbewohner aber nur eins: sich die Prostituierten von der Seele reden. Die "Diskussion" hat sich damit rückwärts bewegt - weg von konstruktiven Ideen für ein Miteinander von Rotlicht und Alltag.

Es sollte ein informativer Austausch werden im Nachbarschaftstreff HUZUR in der Bülowstraße. Bilanzen von den Präventionsbeauftragten der Polizei, Anregungen von den Bürgern Nord-Schönebergs. Mit "Nachbarschaft und Prostitution" war der Abend auch unaufgeregt betitelt. Die Redner unter den knapp hundert Anwesenden haben aber bereits nach zehn Minuten zumindest verbal das "und" mit einem "gegen" getauscht. 

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Ermittlungsleiterin Ilona Phlippeau vom - wie sie in ihrer Uniform immer wieder betont - Abschnitt 41, konnte kaum ausreden. Seit 2003 bekämpft sie im damals frischen Präventionsteam die Rechtsbrüche entlang der Kurfürstenstraße; den öffentlichen Drogenhandel und -missbrauch, Diebstahl, Gewalttaten. Sofort warfen die Anwesenden ein, manche wurden laut: "Ist noch heute so!", "Heut' kommen sie in die Hausflure!". Und so geht es den ganzen Abend, immer wieder Forderungen, "dass der Staat dem Einhalt gebietet", den Prostituierten "ein bisschen mehr Druck machen", Sperrstunde und -gebiete, mehr polizeiliche Kontrollen. Zwischendurch rassistische Töne: Deutsche Nutten wären ja okay, bulgarische Nutten sollen aber raus aus dem Land. Bei all den hochkochenden Emotionen, der Wut, Angst und dem Gefühl von Handlungsohnmacht, blieb oftmals der Wille für konstruktive Beiträge auf der Strecke. Manchmal auch das logische Denken. Und immer die Toleranz.

Die Straßenfrauen - Zielscheibe der Aggressionen

Während sich die Anwesenden als die rechtmäßigen Bürger des Kiezes verstanden, wurden die Frauen des Strichs zur Zielscheibe der Aggressionen. Naheliegend, denn sie sind die Manifestation der Kurfürstenstraße. Die obszönen Gesten und die Vulgärsprache mancher Damen waren den Anwohnern ein wesentlicher Aufhänger. Aber falsch, denn die Straßendamen sind für die Rechtsordnung im Kiez das geringste Problem, wie Präventionsbeauftragter Rocco Röske es den Bürgern immer wieder klar zu machen versuchte: Gegen die Frauen darf nicht als "Prostituierte" vorgegangen werden, sondern nur, falls sie zu "Täterinnen" würden.

Dass Prostitution legal ist, interessierte im Saal aber nur wenige. Diese Wenigen stellten sich immerhin die eigentlichen Fragen: Will ich verschärfte Polizeiregeln, selbst wenn diese auf mich persönlich angewandt werden müssten? Mehr Überwachung? Wie kriegt man die Menschenhändler, die Zuhälter? Und ganz interessant: Wo kommt denn die Nachfrage her? Wer bezahlt denn schließlich für eine Prostituierte? Diese Denkanstöße zogen bei vielen der Anwesenden nicht. Zu abstrakt sind sie wohl für die Bedürfnisse nach subjektiver Sicherheit. Nur die kleinen Dealer und Frauen vor dem eigenen Hauseingang waren wichtig.

Mehr als nur Wutbürger gegen Nutten

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Und so sind die Huren einerseits das Paradebeispiel der Bürger, für Vermüllung, Dreck, auch menschlichen. Und andererseits sind sie beispielhaft für die Diskussion: Statt Prostitution als undurchsichtiges Netzwerk verstehen zu lernen, schießt man sich lieber auf das kurzröckige Aushängeschild des Kiezes ein. In Sachen Toleranz und Lösbarkeit scheinen die Menschen der Kurfürstenstraße wieder rückwärts zu gehen.

Den Abend als ein Nebeneinander zu veranstalten, als "Nachbarschaft und Prostitution", war damit verloren. Die Verzweifelten unter den Anwesenden stilisierten sich zu bürgerlichen Nachbarn - nicht zur Nachbarschaft gehören sollte die Prostitution. Dass es den Kurfürstenstrich schon seit über 100 Jahren gibt, dass auch die Frauen der Straße "Nachbarn" sind - immer waren -, war kein Thema. Die Redner im Saal gestern waren von daher nicht die repräsentativen Vertreter der Nachbarschaft; auch die Nicht-Redner im Saal, die bei jedem latenten Rassismus ihrer redenden Mitbürger resigniert den Kopf schüttelten, sind Kiezbewohner. Auch die Straßendamen sind Kiezbewohner. Aber die Stimmung im Saal: Nachbarschaft gegen Prostitution. Oder präziser, nur gestern nie so in Worte gefasst: Wutbürger gegen Nutten.

Huzur Nachbarschaftstreffpunkt

Bülowstr. 94
10783 Berlin

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Quelle: QIEZ
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