• Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Motzstraße in Schöneberg

Spiegel der Geschichte

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  • Motzstraße Schöneberg
    Im Zeichen des Regenbogens: Die Motzstraße in Schöneberg Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Motzstraße Schöneberg
    Sommer auf der Motzstraße Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Motzstraße in Schöneberg
    Radfahrer und Straßencafés: Die Motzstraße in Schöneberg Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Motzstraße in Schöneberg
    Passanten auf der Motzstraße Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Die Schöneberger Motzstraße: In der Geschichte ihrer anderthalb Kilometer spiegelt sich das zwanzigste Jahrhundert: Die Bohème am Nollendorfplatz, russische Exilanten, Literaten, der Edel-Esoteriker Rudolf Steiner, das Bürgertum und Vorboten des NS-Regimes.  

Die Motzstraße, 1870 nach dem preußischen Finanzminister Friedrich von Motz benannt, war und ist so heterogen wie das Zeitalter, in dem sie seit 1900 ihre Stärkeentfaltet hatte. Ihr feuriger Quellpunkt war der Nollendorfplatz. Heute wird hier am U-Bahnhof in einem Wohnwagen Methadon an Drogensüchtige vergeben, in einer Sprachschule lernen Hunderte junger Leute aus aller Welt "German" und man kann, von E-Gitarren, Möbeln aus den Sechzigern und Bioprodukten über Fahrräder alles Mögliche kaufen. In den Zwanzigerjahren befand sich hier, am Anfang der Motzstraße, das Zentrum eines Vergnügungsviertels. Das "Eldorado" bot Travestie-Shows, zwischen Kneipen und eleganten Bars führte Erwin Piscator am Metropol-Theaterauf. Liberal ging es zu. Als die Mörder 1933 an die Macht kamen, machten Razzien dem Vergnügen ein Ende.

Der Viktoria-Luise-Platz liegt auf der Mitte der Straße, ein oval geformter Park mit Beeten, Blumen, Brunnen und hoch schießender Fontäne, in den Gründerzeitbauten ringsumher gab es Lieferanteneingänge, Aufzüge, urbanen Luxus. Hier trafen sich Erich Kästner, der am Prager Platz wohnte, und der junge Billy Wilder, um gemeinsam am Drehbuch zu Kästners Kinderkrimi "Emil und die Detektive" zu arbeiten. Wilder wohnte von 1926 bis 1927 am Viktoria-Luise-Platz, zur Untermiete, billig.

Künstler, Homosexuelle, Widerstandskämpfer

Überall in dem Film sah man später die Motzstraße, denn die Jungenbande, die den Langfinger Grundeis jagt, verfolgt ihn durch diese Straße, bis er schließlich in einem Hotel am Nollendorfplatz verschwindet. Das Vorbild hierfür war wahrscheinlich das Hotel Koschel, heute Hotel Sachsenhof, wo der Maler Oskar Kokoschka und auch Else Lasker-Schüler logierten, die jüdische Lyrikerin mit einigen Unterbrechungen vom Juli 1918 bis April 1933, als sie auf offener Straße von Schlägern der SA attackiert wurde und emigrierte. Wesentlich später, 1996, entschloss sich Berlin, den östlichen Teil der Motzstraße, jenen zwischen Nollendorfplatz und Kurfürstenstraße, der zwischenzeitlich Mackensenstraße hieß, in Else-Lasker-Schüler-Straße umzubenennen.

Das andere Gesicht der Geschichte, das im Emil-Film noch nicht zu sehen war, ist in der Straße überall präsent – auf den kaum beachteten Gedenktafeln, etwa der für die Lesben und Schwulen, ein Dreieck, am U-Bahnhof Nollendorfplatz angebracht. In rosafarbenen Stein gemeißelt heißt es: "Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus." Gleich einem Strom aus Blech trennt die Martin-Luther-Straße vierspurig den Homo- vom Heteroteil der Motzstraße, wo Wilder und Kästner sich trafen.

Dort wuchs damals ein Mädchen heran, das acht Jahre alt war, als der "Emil" in den Kinos lief. Liane Berkowitz, die Tochter eines russischen Kapellmeisters, wurde als Abiturientin Mitglied der "Roten Kapelle", 1942 verhaftete die Gestapo sie, im August 1943 wurde sie in Plötzensee hingerichtet. In Haft gebar sie eine Tochter, die in einem NS-Heim ihr Leben verlor. Heute tollt in der Straße jeden Juni das schwul-lesbische Straßenfest – der beste denkbare Triumph über die damaligen Täter.

Vorboten des NS-Regimes

In der Motzstraße hatte es auch Vorboten des NS-Regimes gegeben. Von 1918 bis 1933 residierte in der Nummer 22 der jungkonservative Kreis um Arthur Moeller van den Bruck, Leiter des Juniklubs, und Alexander von Gleichen-Rußwurm ein Debattenzirkel, der aus Protest gegen den Versailler Vertrag und aus Skepsis gegenüber der Weimarer Republik entstanden war. 1922 brach der Klub den Kontakt zu Thomas Mann ab, der der Demokratie zu zugewandt war, im selben Jahr stattete Hitler dem Kreis einen Besuch ab.

Ob die Gruppe Kontakte hatte zur Motzstraße 17, dem Hauptquartier von Rudolf Steiners anthroposophischen Logen? Das können sie auch im feinen "Café Steiner" nicht beantworten, das anglophile Schweizer am historischen Ort betreiben. What a strange street! Thomas Mann schuf dem Milieu, dessen Anfänge er damals in Berlin erlebte, in dem Roman "Doktor Faustus" ein schonungsloses Denkmal, auch einen Gleichen-Rußwurm hat er hineingeschrieben, den Vettern des Berliners.

Militarylook nur noch im Modeladen

Kurz nach Thomas Mann hatte ein anderer großer Literat Bekanntschaft mit der Motzstraße gemacht. Ab September 1924 war das Haus mit der heutigen Nummer 64 – damals 31 – ein Jahr lang der Wohnsitz von Vladimir Nabokov. Jetzt lernen Leute in dem Gebäude mit der abgebeizten Jugendstiltür Yoga oder sie suchen dort Anwälte, Ärzte auf, eine Plakette zur Erinnerung an  Nabokov trägt das Haus nicht. Man hört wieder viele russische Gespräche in der Gegend, vor allem  in der Motzstraße, allerdings weniger von Schriftstellern als vielmehr von Kellnern, Wirten und  recht interessant geschminkten Damen. Vollständig verschwunden sind hier lediglich die preußischen Militärs. Wenn in dieser Straße Militarylook zu sehen ist, dann an schwulen Subgruppen, die solche Kleidung hier erwerben.

Übrigens leben heute Füchse in der Gegend. Stadtfüchse. In der Nacht schnüren sie über die Straße, in keiner Weise beeindruckt von den Restaurantgästen an den Tischen auf dem Gehweg. Das wäre doch schön, sagt eine Freundin, wenn die Füchse die Wiedergänger der Künstler und Bohèmiens wären, die hier ihr Zuhause hatten.

Adresse

Motzstraße
Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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