• Freitag, 31. August 2012
  • von Ulf Schumann

QIEZ-Blogger: Rote Insel-Blog

Die Grüntangente nimmt Gestalt an

  • Cheruskerstraße im Rote Insel-Kiez
    Grün und Schienen an Stelle von Beton. Foto: externe Quelle - ©Ulf Schumann

Die Cheruskerstraße, am Rand des Rote Insel-Kiezes gelegen, könnte heute zubetoniert und von sehr geringer Wohnqualität sein. Dass dem nicht so ist, verdankt der Kiez der Bürgerinitiative Westtangente, die ihr grünes Gegenkonzept zur Autobahn schrittweise umgesetzt hat.

Ruhig und verschlafen liegt die Cheruskerstraße am Rande der Roten Insel. Dass es hier und heute so idyllisch zugeht, ist Anwohnern zu verdanken, die an diesem Ort vor bald 40 Jahren eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen haben. Sie haben Erstaunliches erreicht und sind zum Vorbild für zahlreiche Gruppierungen geworden, die sich für eine lebenswerte Stadt einsetzen. Ursprünglich ging es der Handvoll Protestler, bestehend aus Schöneberger Jungsozialisten, um den Spielplatz auf der grünen Fläche, die etwas hochtrabend "Cheruskerpark" genannt wurde.

Planungen für die Betonpiste

In den 60er Jahren starteten Planungen für eine beispiellose Stadtzerstörung im Namen des Fortschritts, als "autogerechte Stadt" bezeichnet. Die sogenannte Westtangentenautobahn sollte West-Berlin einmal der Länge nach durchschneiden, in Steglitz beginnend, über Schöneberg und Tiergarten führend bis in den Wedding. Ende der 60er Jahre wurde das erste Teilstück der heutigen BAB 103 von der Birkbuschstraße bis zum Sachsendamm gebaut, inklusive des Kreuzes Schöneberg als Verknüpfung mit der Stadtautobahn.

Beim Weiterbau hätte ein Teilstück der geplanten Autobahn auf dem Gelände der ehemaligen Cheruskerkurve verlaufen sollen, der ehemaligen Bahnverbindung zwischen Ring- und Wannseebahn. Besagter Spielplatz und Park wären dem zum Opfer gefallen, ebenso die Ruhe des Kiezes und die Wohnqualität der Roten Insel. Aus dem Trüppchen, das sich gegen die Planungen wehrte, entstand 1974 die Bürgerinitiative Westtangente. Das Gegenkonzept zum Autobahnwahn wurde bald entwickelt. Das Motto lautete: Grüntangente statt Westtangente. Anstelle eines grauen Betonbandes sollte sich ein grünes Band aus überwiegend naturbelassenen Grünflächen entlang der brachliegenden, zum DDR-Vermögen zählenden Bahnanlagen von der südlichen Stadtgrenze bis zum Tiergarten hin durchziehen.

Die Früchte der Arbeit

Im Laufe von fast 40 Jahren hat die Bürgerinitiative sehr viel erreicht: Die Stadtplanung hat sich von der "autogerechten Stadt" größtenteils verabschiedet, die Grüntangente wurde in die Planungen der Stadt einbezogen und wird nun schrittweise umgesetzt. Am ehesten entspricht wohl der Naturpark Südgelände dem ursprünglichen Gedanken der Aktivisten. Die Natur bleibt weitgehend ungestört sich selbst überlassen und bildet zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Priesterweg eine für Berlin einzigartige wildnisartige Landschaft. Der östliche Teil des Gleisdreieckparks, der letztes Jahr eröffnet wurde, wird hingegen von geraden Wegen und großen Rasenflächen dominiert - nach dem Geschmack vieler Naturschützer kommt hier die ursprüngliche Natur zu kurz.

So nimmt die Grüntangente mehr und mehr Gestalt an: 2013 soll der Westpark am Gleisdreieck folgen, der südlich der Yorckstraße gelegene Flaschenhalspark steht ganz oben auf der Projektliste, erste kleine Teile der "Schöneberger Schleife" sind ebenfalls bereits zu betrachten und zu begehen. Dieser überwiegend schmale Grünzug soll eine durchgehende Wegeverbindung vom Gleisdreieck über den Flaschenhalspark entlang der Anhalter Bahn bis zum Naturpark Südgelände schaffen. Vom westlichen Gleisdreieck-Park aus soll schließlich später eine weitere Verbindung entlang der Wannseebahn bis zum Cheruskerpark führen, der in den nächsten Jahren erweitert wird und wiederum eine grüne Anbindung entlang der Torgauer Straße Richtung Südkreuz erhält. Große Pläne nach großem Widerstand.

Dieser Text entstand in Kooperation mit dem Rote Insel-Blog: http://roteinsel.blogspot.de/

Adresse

Cheruskerstraße
10829 Berlin

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Quelle: QIEZ
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