Spreewald-Grundschule

Hinter den Gewaltschlagzeilen leben Kinder ohne Hoffnung

Hinter den Gewaltschlagzeilen leben Kinder ohne Hoffnung
Ende der 1980er Jahre investierte man in eine Turnhalle für die Spreewald-Grundschule nach Plänen des Berliner Architekten Hinrich Baller.
Es ist zum Heulen! Gewalt an Schulen nimmt zu. An der Spreewald-Grundschule weiß man keinen Rat mehr und setzt auf Sicherheitsleute. Schockierend ist aber nicht der Wachschutz, sondern dass Kinder keinen Ausweg sehen. Ein formulierter Kloß im Hals…

Wir freuen uns sehr, dass Sie sich für unsere Schule interessieren… Als ich den einleitenden Satz auf der Homepage der Spreewald-Grundschule das erste Mal las, kam ich mir vor wie ein Hochstapler. Der Grund, die Seite zu besuchen, war: Argumente zu finden, warum ich meinen Sohn hier nicht einschulen möchte. Ja, wir leben im Einzugsgebiet dieser Schule, die nun deutschlandweit Schlagzeilen macht. Nicht wegen ihrer engagierten Theaterarbeit mit den Schülern, kleinen Sportereignissen oder vielfältiger Arbeitsgemeinschaften. „Wenn eine Grundschule Wachschützer braucht“ (Berliner Morgenpost) heißt es jetzt oder „Zu viel Gewalt“ (Berliner Zeitung). Mir treibt das ehrlich gesagt Tränen in die Augen. Hinter den Schlagzeilen finden sich nämlich Schicksale von Kindern, die sowieso kaum Chancen haben, ihrem wenig erfreulichen Umfeld zu entkommen. Viele von ihnen stammen aus Familien, in denen Gewalt, Drogen oder Alkohol den Alltag bestimmen. Andere leben in ärmlichen Verhältnissen, in bildungsfernen Familien oder im Flüchtlingsheim. Manchmal trifft beides zu.

Prinzip Hoffnungslosigkeit

Diese Kinder, denen nie jemand wirklich Hoffnung auf eine rosige Zukunft gemacht hat, treffen jeden Tag in der Spreewald-Grundschule aufeinander. Kinder, denen der Unterricht sinnlos erscheinen muss, wenn sie zu Hause nicht das Gefühl vermittelt bekommen, mit dem Schulabschluss etwas erreichen zu können. Kinder, deren ältere Geschwister schon gescheitert sind, noch ehe sie zu träumen begonnen haben. Das klingt (melo)dramatisch, ist aber näher an der Realität als die Fakten-belegten Schlagzeilen. Gewalt ist eben nur eine Folge des Frusts, eine Reaktion auf Erlebtes. Die Grundschule ist der Ort, wo der Dampf abgelassen wird. Das wird sich auch nicht ändern, wenn der Wachschutz patrouilliert und Mütter wie ich darum kämpfen, dass ihre Kinder auf andere Schulen gehen. Egal ob dort der Mittelstand regiert, Waldorf gelehrt wird oder die Kirche das Regiment führt. Alles ist für uns Eltern mit Diplom, Magister oder sonstigen akademischen Graden besser als die Aussicht, mit unserem Nachwuchs die Quote zu verbessern und den Teufelskreis zu durchbrechen.

Flucht nach vorn

Eine Freundin von mir hat es genau ein halbes Jahr ausgehalten, ihr Kind auf eine Kreuzberger Schule zu geben, die als gemäßigt galt. Sie wollte kein Snob sein und wurde zu einer Löwenmutter, die keinen Aufschrei und Protestbrief scheute, um ihr Junges aus diesem Haus des Grauens (subjektiv betrachtet!) zu befreien. Und dort ging es nur um ein bisschen Mobbing, Abzocken von Wertgegenständen und kleinere Schlägereien. Die Flucht treten aber eben nur die an, die sich einen Kopf darum machen, dass ihre Kinder die bestmögliche Ausbildung erhalten. Eine Studie belegt, dass gut 57 Prozent der Eltern mit Migrationshintergrund gar nicht wissen, dass ein Schulwechsel möglich ist. Aufzuhalten ist die Nix-wie-weg-Bewegung jedenfalls nicht und so wächst der Ausländeranteil in den sogenannten Brennpunkt-Schulen ins Unverhältnis.

Der steinige Weg zur Verbesserung

In der Spreewald-Grundschule ist man sich dieser ganzen Problematik seit jeher bewusst. Es gibt eine Sozialarbeiterin, Konfliktlotsen, ja, sogar ein großes Präventionstraining wurde erst vor zwei Jahren absolviert, aber die Gewaltvorfälle bekommt man nun doch nur noch mit breiten Schultern in den Griff. Es sind auch nicht nur Schulhofprügeleien unter Schülern: Ehemalige kommen, um hier und da ein wenig aufzumischen, Eltern regeln Kinderstreitigkeiten mit der Faust und der rüde Ton gehört einfach dazu, wenn man kein Weichei sein will. Den Wachschutz muss die Schule übrigens selber zahlen. Falls der eine Besserung bringt, erhofft man sich eine Erstattung der Summe vom Senat. Ich finde, an Geld dürfte es hier nicht mangeln, um die Schule wieder zu einem Ort zu machen, an dem Kinder sich das Wissen aneignen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das kannst du gern als Freikaufen verstehen, denn ein schlechtes Gewissen gibt es sicher nicht nur bei uns Fluchtmüttern und Bloß-weg-Vätern, sondern auch in Regierungskreisen.

Die Rütli-Methode

Die eigentliche Frage sollte lauten: Wie schaffen wir es, die Probleme an der Schule zu lösen? Eine Antwort darauf habe ich nicht, weit qualifiziertere Menschen suchen schon danach. Die Rütli-Schule hat gezeigt, dass es möglich ist, etwas zu ändern. 32 Millionen sind da hineingeflossen und das zurecht! Heute gibt es dort Wartelisten wegen zu hoher Nachfrage. Investieren wir auch in die Schöneberger Kinder und halten wir der Spreewald-Grundschule den Rücken frei. Mit öffentlichen Mitteln, Spenden und wenn es sein muss mit Wachschutz.

Spreewald-Grundschule, Pallasstr. 15, 10781 Berlin

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