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Auf den Plätzen Berlins tummeln sich die Mitgliederwerber zwischen Passanten und Touristen.
Auf den Plätzen Berlins tummeln sich die Mitgliederwerber zwischen Passanten und Touristen.
Wer den Alexanderplatz überqueren will, quetscht sich im Eiltempo an Touristen und Trams vorbei, doch meist wird man doch angehalten. Die Mitgliederwerber für gemeinnützige Organisationen sind dort unterwegs. Die meisten sind nicht ehrenamtlich dabei, aber dennoch mit viel Herzblut. Einer von Ihnen erzählte dem Tagesspiegel von seiner Arbeit.

Die Dame mit dem schnellen Tempo und abgewendetem Gesicht? Das wird nichts. Der Typ mit der auffälligen Lockenpracht? Der könnte bereit für einen Plausch sein.

Philipp Reus hat sich bei seiner Arbeit als „Dialoger“ Menschenkenntnis angeeignet. Trotzdem kann er „vorher nicht genau einschätzen“, in welche Richtung der Austausch mit den einzelnen Leuten am Ende gehen wird. Der 21-jährige Friedrichshainer steht in der City an Infoständen und versucht, Mitglieder für wohltätige Organisationen zu gewinnen. Der Student ist bei der Fundraisingagentur „DialogDirect“ tätig. Diese wiederrum steht im Dienst von zwölf gemeinnützigen Organisationen. Dazu gehören das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der World Wide Fund For Nature (WWF), Amnesty International und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Vorsicht vor unseriösen Arbeitsverträgen

„Im Sommer sind immer mehr Teams im Einsatz“, erzählt Kai Barnick von DialogDirect. 30 kleine Gruppen werden in den nächsten fünf Wochen im ganzen Land losziehen, um Spenden zu sammeln. Fünf davon werden sich hauptsächlich auf die Menschenrechtsorganisation Amnesty International konzentrieren. Die Schul- und Semesterferien ziehen die meisten Bewerber an, die nun bereits Schulungen und Einsätze bestreiten. 50 Euro erhalten die Schüler und Studenten täglich für ihren Einsatz. Mit einer Prämie, die von der Spendenhöhe der gewonnenen Kunden abhängt, werden sie zusätzlich belohnt.

„Guten Tag, die Dame!“ Das Lächeln, das Philipp einer Passantin zeigt, ist höflich. Zaghaft dürfe man nicht sein, meint er später. Außerdem müsse man gerne und gut erzählen können. „Manchmal dauert ein Gespräch auch eine halbe Stunde.“ Überrumpeln oder unter Druck setzen darf er die Leute nicht. Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) sagt, dass DialogDirect in dem Arbeitsfeld ein gutes Ansehen hat. Auch die „Streetwise“-Agentur und die DRK Service GmbH sind in dem Kontext zu nennen. Wer sich für eine Stelle bei derartigen Agenturen interessiere, solle sicherstellen, dass die Zahlung nicht allein auf der Provision basiert und dass ein ordentlicher Vertrag existiere. So hätte es unter anderem einen unseriösen Vertrag gegeben, bei dem die Mitarbeiter im Wortlaut „ihre Kunden zu Kinderschützern ausbilden“ sollten. Phrasen um die Aus- und Weiterbildung würden benutzt, um erhaltene Spenden in den Geschäftsberichten zu vertuschen oder zu verstecken. Das DZI kümmert sich um Reklamationen und Proteste bei unseriösen und lästigen Werbern.

Fundraising ist harte Arbeit

Die Agentur, bei der Philipp sich verdingt, existiert seit 1996. Ihren Kunden Amnesty haben sie seit acht Jahren im Boot. Ehrenamtliche Helfer waren den unzähligen notwendigen Spendenaufrufen im Außendienst einfach nicht gewachsen, meint Guido Görge, der Sprecher für Amnesty. Und die Rechnung ginge auf: Die jungen Leute machten ihre Arbeit super und brächten die Kosten ihres Einsatzes mehrfach durch die Spenden wieder rein. Görge sprach ausdrücklich davon, dass Amnesty als Verfechter von Menschenrechten „nicht im Traum“ darauf kommen würde, die Außenmitarbeiter schlecht oder rein durch Provision zu vergüten. „Ich habe das mal selbst gemacht, das ist harte Arbeit.“

Philipp navigiert durch den Strom an Menschen. „Man muss körperlich in guter Verfassung sein, schließlich ist man schon mal sechs Stunden auf den Beinen.“ In Berlin stehen die „Dialoger“ zum Beispiel am Wittenbergplatz, am Alexanderplatz oder an den Hackeschen Höfen. Die Einsätze müssen behördlich gemeldet werden. „Unser einziges Kriterium ist ein reger Publikumsverkehr“, sagt Kai Barnick. Amnesty zahlt für jeden Mitarbeiter auf der Straße einen wöchentlichen Festpreis. Mit 1300 Euro werden die jungen Leute mindestens entlohnt, mit Provision kann es bis zu 2500 Euro geben, ist auf der Webseite der Agentur nachzulesen. Für einige potenzielle Kunden hat die nicht ehrenamtliche Arbeit einen schlechten Beigeschmack. Doch bei der Konkurrenz und der sinkenden Spendenfreude in Deutschland mehrt sich die Nachfrage nach professionellen Spendeneintreibern.

Philipp ist Überzeugungstäter

Die Agentur erläutert, dass die Mitarbeiter bei „Talentchecks“ nach der Eignung ausgewählt und später geschult würden. Ein freundliches Wesen, Ehrlichkeit zu den Kunden, eine hohe Frustrationsschwelle und eine positive Grundhaltung wären hilfreich. Sich in den Weg der Passanten zu stellen oder diese sogar berühren zu wollen, ist nicht erlaubt. Darauf legten auch die gemeinnützigen Organisationen wert, da ein seriöses Image für Spenden sehr wichtig sei.

Seine Aufgabe sei auch gar nicht, den unwilligen Leuten Geld abzuluchsen. Man suche Leute, die es sich leisten könnten, sagt Phillip. Werber wie er sind laut Phillips Arbeitgeber „Überzeugungstäter“, die meist selbst Mitglied in mehreren Organisationen sind. Laut Phillip sei sein Umgang mit Fremden nun einfacher und souveräner geworden. Meist wisse er schon vorher, wer weitergeht und wer nicht. Das beste Gefühl dabei sei, wenn jemand sagt: „Ja, eigentlich wollte ich immer schon Mitglied werden.“


Quelle: Der Tagesspiegel

DialogDirect GmbH & Co. KG, Oranienstr. 161, 10969 Berlin

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