Studie zur Sozialstruktur in Neukölln

Gentrifizierungsopfer Nordneukölln?

Im nördlichen Berlin-Neukölln geht die Angst vor der Gentrifizierung um. Eine Studie des Senats zur Sozialstruktur gibt Entwarnung. Die Anwohner beruhigt das nicht.

Nordneukölln als Opfer wilder Gentrifizierungshäscher? Zahlreiche Anwohner, die sich am Abend des 12. März 2012 in der Mensa des Rütli-Campus` versammelt hatten, waren davon überzeugt. Allerdings kommt eine Studie zur Sozialstruktur, deren Ergebnisse vorgestellt wurden, zu einem anderen Ergebnis: Der Gentrifizierungsprozess habe noch nicht eingesetzt und sei auch nicht in großem Umfang zu erwarten. Die Studie, die die sozialstrukturelle Entwicklung der vergangenen Jahre untersuchte, war von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Auftrag gegeben worden.

Jeder fünfte Nordneuköllner Haushalt gilt als arm

In der Studie ging es um Nordneukölln im Allgemeinen und um die Quartiersmanagementgebiete Schillerpromenade und Reuterkiez im Speziellen. Bestandteil der Studie war die Auswertung von 600 Fragebogen. Der Anteil der Migranten unter den Befragten lag bei rund 50 Prozent.
Die Studie geht von einem Gentrifizierungsbegriff aus, dem zufolge Gentrifizierung nur stattfindet, wenn eine Gruppe von Bewohnern mit niedrigerem Status durch Bewohner mit höherem Einkommen beziehungsweise Status und eine andere Lebensweise ersetzt wird. Wer jedoch seit 2008 in den Neuköllner Norden zog, verfügte mit Ausnahme des Reuterkiezes über 13 bis 14 Prozent weniger Einkommen als der durchschnittliche Berliner.

Noch immer gilt ein Fünftel der Haushalte im Norden Neuköllns als arm. „Deutlich wird nur, dass arme durch etwas weniger arme Haushalte ersetzt werden“, so Studienleiter Gude. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der neben Staatssekretär Ephraim Gothe und Thomas Blesing, dem Baustadtrat Neuköllns, auf dem Podium der Mensa saß, hatte ein anderes Studienresultat herbeigesehnt: Eine Aufwertung der Sozialstruktur und ein ausgewogeneres „Mischungsverhältnis“ zwischen sozial Stärkeren und Schwächeren.

Teilweise Mietsteigerung von 24 Prozent im Vergleich zu vor 2009

Nur im Reuterkiez sah das anders aus: Dort stieg die Anzahl der Gentrifizierenden nach 2007 signifikant an, der Mietspiegel lag hier am höchsten. Wer neu einzog, verfügte über ein Prozent mehr Verdienst als es für den Berliner Durchschnitt galt. Die gefühlte Gentrifizierung, die die Anwohner angaben – insbesondere jene in der Schillerpromenade – erklären die Forscher mit sichtbaren Veränderungen im Bild der Straße. Die Ursache hierfür sei aber vor allem die große Anzahl der Studierenden und der Kreativen, gemeinsam als „Pioniere“ bezeichnet. Die meisten Anwesenden in der Rütli-Mensa befürworten den Einzug dieser neuen Nachbarn. Zahlreiche lokale Politiker waren im Saal, Migranten allerdings fast keine, obwohl sie über 50 Prozent der Nordneuköllner Bevölkerung ausmachen.

Das Thema Mietentwicklung verursachte ein Raunen in der Mensa. Die Studie macht deutlich: Obwohl ihre Einkommen gering sind, müssen die Nordneuköllner immer weiter steigende Mieten zahlen. Wer nach 2009 seine Wohnung am Reuterplatz bezog, zahlte durchschnittlich einen Euro mehr. An der Schillerpromenade, wo die Zahl der einkommensschwachen Anwohner hoch ist, beträgt die Miete sogar 1,19 Euro mehr als vor 2009. Die Miete liegt bei 6,19 Euro kalt – und ist somit um 24 Prozent gestiegen.

Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld vorgeschlagen

Auf die Frage, wie bezahlbarer Wohnraum für Geringverdienende geschaffen werden könne, antwortete Staatssekretär Gothe mit Wohnungsbau. Das ist allerdings im dicht bebauten Neukölln nicht einfach. Gothes Vorschlag war das Tempelhofer Feld. „Ein schlechter Witz!“, tönte ein Ruf aus dem Saal. „Sicher: 5,60 Euro im Neubau wird es nicht geben“, so Gothe. Die Neubauten sollten nur „Druck vom Kessel nehmen“, indem Personen mit starkem Einkommen in die Neubauten zögen und den Schwachen nicht länger Konkurrenz um den Wohnraum machten.

„Bei den Schwachen wird das nicht ankommen“, so Willi Laumann, der aus finanziellen Gründen ins südliche Britz umgezogen ist. Eine Mietenbremse müsse her, keine Förderung für Neubauten. Der Begriff Gentrifizierung sei nicht passend. „Nicht die Nadelstreifenträger verdrängen die Anwohner, sondern die Mieten.“


Quelle: Der Tagesspiegel

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