Biogasanlage in Spandau

Wie im Kuhmagen

Wie im Kuhmagen
Für eine saubere Umwelt: Endstation Biogasanlage.
Steile Karriere für Kartoffelschalen und Kaffeefilter: Eine Anlage in Spandau soll bald den Biomüll der Hauptstädter in umweltfreundliches Gas umwandeln.

Endstation Kompost, so heißt bislang das Entsorgungskonzept der Berliner Stadtreinigung (BSR) für biologische Abfälle. 60.000 Tonnen sammeln sich pro Jahr in der Hauptstadt an: Kaffeefilter, Kartoffelschalen und Karottenkraut – alles landet in der braunen Tonne und wird später zu Kompostierbetrieben ins Umland befördert.

Das soll sich ändern. Ende des Jahres soll in Spandau von der BSR eine Biogasanlage in Betrieb genommen werden, die sämtliche Abfälle aus den braunen Tonnen der Stadt verwertet. „Dort produzieren wir so viel Biogas, dass wir damit 150 Lkw, etwa die Hälfte unserer Abfallsammelfahrzeuge, klimaneutral betreiben können“, erklärt Thomas Rücker, Projektleiter der Bioabfallanlage, das Konzept.

Mikroorganismen bei der Arbeit

Für diesen Zweck sollen unmittelbar neben dem Klärwerk Ruhleben zwei Fermenter erbaut werden. Jeder ist 42 Meter lang, im Querschnitt acht mal acht Meter. „Von der Wirkungsweise her sind die beiden Kästen riesige Kuhmägen“, so Rücker. „Vorn kommt das organische Material rein, hinten kommen Biogas und feste sowie flüssige Reststoffe raus.“ Nur ist die Passage für das Biogut etwas langwieriger als beim Vieh, sie dauert etwa drei Wochen. Und es wird durch permanentes „Nachfüttern“ durchgereicht: Mit jeder Tonne Abfall, die vorn hinzukommt, werden bereits enthaltene Bestandteile nach hinten durchgedrückt.

Bevor der Abfall den Kunstmagen passiert, wird er von Schadstoffen befreit und zerkleinert. So haben Bakterien eine größere Angriffsfläche im Fermenter. Unter Luftabschluss zersetzen sie gammliges Obst, verschimmeltes Brot und andere Essensreste. „Wir setzen keine Bakterien zu“, sagt der Experte. „Das sind alles Mikroorganismen, die ohnehin im Biomüll enthalten sind.“

Laut der Berechnungen entstehen pro Jahr sieben Millionen Kubikmeter Rohbiogas, das hauptsächlich Methan und Kohlendioxid enthält. Letzteres wird nach einer Reinigung in die Luft gelassen. Dem Methan, etwa 4,5 Millionen Kubikmeter, wird etwas Propan beigemengt und ins Berliner Gasnetz gepumpt, aus dem die Erdgasfahrzeuge ihren Treibstoff beziehen. Die festen Gärreste werden dann zu den Kompostieranlagen gebracht.

Aus Laub wird in zwei Stunden Biokohle

Außer den Küchenresten fallen in Berlin jedes Jahr etwa 60.000 Tonnen Laub an. In der Biogasanlage kann mit dem bröckeligen Material wenig gemacht werden, weil für die Verwertung mehr Energie aufgewendet werden muss, als schlussendlich gewonnen wird, erklärt BSR-Sprecherin Sabine Thümler. Daher bringt man das Laub zu Kompostieranlagen.

Zukünftig könnte daraus aber auch „Biokohle“ gemacht werden. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren namens HTC (hydrothermale Carbonisierung), bei dem in einem Druckbehälter aus Biomasse Torf und Kohle werden. Wie in der Natur – aber statt in Jahrmillionen schon binnen Stunden. Zwei regionale Firmen, Suncoal und Carbon Solutions, entwickeln das Verfahren. „Es ist noch nicht großtechnisch einsetzbar“, sagt Thümler. „Aber wir sind in Kontakt und schicken beispielsweise Laub für die Testanlagen.“ Das Endprodukt kann als Brennstoff verwendet werden oder als Grundstoff für die Kohlenstoffchemie – bislang aber noch weitgehend Zukunftsmusik.


Quelle: Der Tagesspiegel

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