Kommentar

Kiss and Go oder warum Eltern ein Problem sind

Kiss and Go oder warum Eltern ein Problem sind
Loslassen ist eine Kunst, die alle Eltern lernen müssen...
Bisher konnte man einfach über die Helikoptereltern schmunzeln und deren Kinder bedauern. Nun kosten sie uns Geld: Spandau will Areas einrichten, um den Schulweg für Kinder sicherer zu machen, den Supermoms und Überväter selbst gefährden.

Absurder kann es nicht sein: Ausgerechnet die Eltern, die ihre lieben Kleinen den ganzen Tag überwachen und ihnen keinen Schritt ohne Aufsicht zutrauen, bringen ihre eigenen und andere Kids alltäglich in Lebensgefahr. Nein, es ist kein Witz: Vor den meisten Berliner (Grund-)Schulen herrscht morgens ein absolutes Verkehrschaos. Besorgte (und einige bequeme) Eltern kurven in ihren Autos vor den Zufahrten zu den Schulen, nehmen sich gegenseitig die Sicht und keine Rücksicht auf Fußgänger oder Fahrradfahrer. Ihre Aufmerksamkeit gilt nur dem eigenen Nachwuchs, der sicher von der Haustür zum Schultor kutschiert werden soll. Dabei passieren nicht selten Unfälle und auch den Schülerlotsen bleibt nur der rettende Sprung auf den Bürgersteig, wenn wieder mal ein forscher SUV einem orientierungslosen Kleinwagen die Vorfahrt nimmt. Oder umgekehrt.

Projektwochen und Aufklärung

Es gibt Projektwochen wie Zu Fuß zur Schule, es finden Elternabende mit Aufklärungsarbeit darüber statt, dass Kinder ab sechs Jahren durchaus in der Lage sind, längere Strecken zu laufen oder zu radeln, ja, dass man in dem Alter sogar schon den Weg ins Klassenzimmer allein finden kann. Lehrer fangen Eltern ab, um ihnen Sicherheit zu vermitteln und nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass aufgrund des großen Elternaufkommens in den Schulfluren der Unterricht nicht rechtzeitig beginnen kann. Schilder hängen vor der Schule und an den Eingängen: „Stopp! Ab hier kann ich allein“ – darunter eine niedliche Zeichnung von einem patenten Erstklässler. Denn die meisten Kinder schämen sich in Grund und Boden, dass ihre Eltern es nicht schaffen, sich an die Regeln zu halten und sich weigern, die Schulkinder einfach schon an der Ecke rauszulassen, statt ins Dickicht der motorisierten Bringdienste zu fahren. Selbst die Helfer vom Ordnungsamt, die regelmäßig vor Schulen vermitteln, dass es sich bei dem (oft sogar rabiatem) Verhalten um Verkehrswidrigkeiten handelt, sind chancenlos.

 

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Ein Beitrag geteilt von Polizei Berlin (@polizeiberlin) am Aug 28, 2018 um 3:32 PDT

Modellversuch Spandau

Nun muss also der Bezirk eingreifen: In Spandau sollen (zunächst modellhaft an einigen Schulen) sogenannte Kiss & Go-Areas für mehr Sicherheit sorgen. Wenn es nach amerikanischem Vorbild ginge, würden die Zufahrten so umgebaut, dass eine Art Bringschleuse entsteht. Auf der einen Seite fahren die Übereltern vor, lassen ihre Kids direkt am Tor aussteigen, verabschieden sich hoffentlich nur mit einem Kuss und nicht auch noch mit tausend mahnenden Worten, und fahren vorne wieder raus, damit hinter ihnen das nächste Elterntaxi nachrücken kann. Natürlich ist das pragmatisch betrachtet eine gute Idee, das Chaos in den Griff zu bekommen. In Spandau werden übrigens zunächst nur Haltebuchten entstehen, die morgens gewiss hart umkämpft werden. Aber… ja, aber! Kann es wirklich sein, dass es nicht möglich ist, das selbstgemachte Problem kostengünstiger in den Griff zu bekommen – durch simple Einsicht der Eltern, die in den Autos sitzen?

Umbau statt Einsicht

Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass es vernunftbegabte Menschen unter uns gibt, die keinen Gebrauch von ihrer Denkfähigkeit machen, um einfachste Zusammenhänge zu begreifen. Die Masse an Autos, die sich vor der Schule sammelt, nehmen diese Eltern wohl wahr, doch sehen sie keinen Grund, ihr eigenes Verhalten zu ändern. Woher wir das wissen? Nicht selten wird auch verbal um jeden Vorteil gekämpft: „Weg da, Idiot, jetzt komm ich“ (aus Jugendschutzgründen haben wir den Wortlaut gemildert). Es fallen also zahlreiche Schimpfworte, die darauf hinweisen, dass man die anderen Autofahrer sieht und für überflüssig hält. Aber frei nach dem Motto, sollen doch die anderen aufhören, die Schulwege zu überfüllen, tut sich seit Jahren nichts.

 

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Ein Beitrag geteilt von VCD Bundesverband (@vcd_ev) am Okt 27, 2018 um 3:10 PDT

 

Damals und heute

Ein paar Unverbesserliche gab es natürlich auch vor 30 Jahren schon, aber die Mehrheit ging davon aus, dass ein Kind den Schulweg ohne Aufsicht bewältigen kann. Diese Mehrheit ist nun in der Minderheit und steht unter dem Verdacht, naiv zu sein oder ihre Kinder nicht richtig zu lieben. „Wie kannst du dein Kind ALLEIN auf Berlins Straßen lassen?“ Dabei verhindern doch die heutigen Übereltern, dass ihre Kinder zu überlebensfähigen Individuen heranwachsen, oder? Es stimmt nicht, dass wir 2018 so viel mehr über die Gefahren wissen als 1980: Auch vor drei Jahrzehnten gab es Autos, Pädophile und andere Schlechtigkeiten, aber man hat sie sich (und den Kindern) nicht jeden Tag vor Augen geführt. Die ständige Präsenz des Bösen im Internet und auf zahlreichen TV-Kanälen macht die Welt nicht besser. Also lande bitte deinen Heli auf dem Boden der Tatsachen und mach das Beste daraus… auch deinem Kind zuliebe, das sonst selbst als Erwachsener noch zur übertriebenen Vorsicht und Unselbstständigkeit neigen wird.

Eine Generation unter Dauerbeobachtung

Wir Kinder von damals sind fähig, Situationen richtig einzuschätzen und Menschen, die es nicht gut mit uns meinen, (sehr oft) zu erkennen.  Erinnerst du dich nicht auch noch daran, wie großartig es war, auf dem Schulweg Freunde zu treffen, die Neuigkeiten auszutauschen, heimlich Süßigkeiten zu kaufen oder Klingelstreiche zu machen? Oder das Gefühl, den anderen weit überlegen zu sein, die noch an Mamas Hand laufen mussten, während man selbst vor sich hintrödeln konnte? Das alles wird den überhüteten Kindern genommen. Es ist nicht einfach, den Kids Freiheiten zu geben, obwohl man Angst um sie hat, wir sind schließlich auch Eltern… Aber gönn ihnen all das, was unsere Kindheit besonders gemacht hat. Achja, und dann brauchen wir keine Kiss & Go-Areas, dann verabschieden wir uns an der Haustür oder wenn der Weg zu weit ist am Bus oder wenigstens am Ende der Straße, die zur Schule führt. Hab Vertrauen in deinen Nachwuchs. Er braucht das. Jeden Tag einen Schritt mehr.

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