Kiezspaziergang in Kreuzberg

Von der Graefestraße direkt in Teufels Küche

Von der Graefestraße direkt in Teufels Küche
Die Graefestraße: Auch im Sommer zum Flanieren geeignet.
Graefekiez – Kaum irgendwo kommt die Gentrifizierung so sympathisch daher wie im Viertel zwischen Landwehrkanal und Hasenheide. Was kann man schon gegen nette Läden, abwechslungsreiche Gastronomie und einen Szene-Hotspot mit israelischem Betreiber haben?

Eine baumgesäumte Straße und reichlich Gelegenheiten zum Einkehren und Draußensitzen – die Körtestraße am Südstern zeigt sich auch an heißen Sommertagen von ihrer angenehmen Seite. Sie ist unser Einstieg in einen Spaziergang durch den Graefekiez. Das Viertel stellt ein Paradebeispiel für den großen Wandel dar, dem einstmals ruhige Wohngegenden in Kreuzberg unterliegen. Mit seiner teilweise gut erhaltenen und sanierten alten Bausubstanz, darunter zahlreiche Jugendstil-Häuser, ist der Kiez bei Wohnungssuchenden schon seit Jahren äußerst begehrt. Zu den rasch gestiegenen Mietpreisen haben sicher auch Gastronomie und interessante kleine Geschäfte beigetragen.

Es ist ein Dilemma, aber schon beim Gang durch die Körtestraße versteht man, was die Menschen in den Graefekiez zieht. Da gibt es „Broken English“, den Laden, in dem eine Engländerin klassische Produkte aus dem Vereinigten Königreich verkauft. Ein paar Häuser weiter stehen Töpfe und Pfannen im Schaufenster von „Fleischwolf und Lotte„. Es gibt ein Restaurant namens „Mädchen ohne Abitur“ und um die Ecke das sehr empfehlenswerte „Wirtshaus zum Mitterhofer“ mit Südtiroler Spezialitäten.

Wohnen im Gasometer

Hier in der Fichtestraße wird die Entwicklung, die das Viertel genommen hat, noch sichtbarer als anderswo: In den Fichtebunker, den einzigen noch existenten Berliner Gasometer aus Stein, wurden exklusive Lofts integriert. Daneben steht ein Neubau mit reichlich Glas. Anders sieht es in der Parallelstraße aus: Das südliche Ende der Graefestraße, das in die Hasenheide mündet, ist das Stiefkind des Kiezes. In den dortigen Sozialbauten leben eher einkommensschwache Familien. Einen Wein- und Feinkostladen gibt es trotzdem auch hier.

Die Urbanstraße trennt die so unterschiedlichen Teile der namensgebenden Fast-schon-Flaniermeile. Hier warten die beiden sonnenbebrillten Insassen eines 7er-BMWs aus den 90er Jahren auf einen Mann am Straßenrand, der aufgeregt telefoniert. Betritt man den nördlichen Teil der Graefestraße, hat man sofort wieder die Ruhe weg. Schließlich verhindern Poller an der Kreuzung Böckhstraße eine Nutzung als alternativer Schleichweg anstelle des Kottbusser Damms.

Der Teufel macht Hummus

Und so spaziert man gemütlich vor sich hin, wirft einen Blick in den südafrikanischen Design-Store oder einen gut sortierten Teeladen, um schließlich an besagter Kreuzung auf eine Restaurant-Bar mit Außensitzplätzen zu stoßen, die sich nur durch zwei kleine schwarze Hörner auf der Speisekarte zu erkennen gibt. Am Nachmittag ist in Devil’s Kitchen, die der Israeli Shlomi Putschbach betreibt, noch nicht viel los. Das ändert sich in der Regel abends, wenn der Laden aus allen Nähten platzt und sich nicht nur israelische Ex-Pats hier treffen. Um halb fünf lässt es sich dagegen im Schatten unter den Sonnenschirmen noch prima entspannen. Nur zu empfehlen sind die Snacks und Speisen, etwa der Hummus-Teller mit Merguez für 9 Euro. Dazu gibt es heute eingelegtes Gemüse sowie als kleines Extra einen Rotkrautsalat. Noch ein kühles Bier und die Pause wird perfekt.

Nicht fehlen darf am Ende eines Spaziergangs durch den Graefekiez der Besuch der Admiralbrücke. Diese wurde nicht nur wegen ihrer Schönheit bekannt, sondern auch, weil sie schon früh zum Symbol für die Nutzungskonflikte in gefragten Szenekiezen wurde. 2010 heizte sich der Konflikt zwischen den jungen Flaneuren aus aller Welt, die die Brücke zum abendlichen und nächtlichen Treffpunkt gemacht hatten, und sich gestört fühlenden Anwohnern so weit auf, dass in der Folgezeit die Polizei täglich um 22 Uhr begann, den Ort per mündlicher Aufforderung zu räumen. Hier wie im gesamten Viertel gilt eben: Schönheit hat ihren Preis.

Devil's Kitchen, Graefestraße 11, 10967 Berlin
XMAS Newsletter

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Ausbildung + Karriere | Service | Wohnen + Leben

Werde freier Redakteur (m/w/d) bei QIEZ!

Dein Berlin. Dein Bezirk. Dein Kiez! Du erzählst gern selbst die Geschichten vor deiner Haustür […]
Wohnen + Leben

Döner essen und dabei Gutes tun

Seit 2012 versucht die Kampagne "One Warm Winter", junge Menschen für Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. Gemeinsam […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben

Plan B: Das Betahaus zieht um

Das Betahaus ist groß geworden, die Kinderschuhe zwicken – nächstes Jahr wird die Coworking-Location zehn […]