Unterwegs im Kiez

Ein mondänes Stück Berlin

Ein mondänes Stück Berlin
Winterliche Nachmittagsstimmung am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg.
Viktoria-Luise-Platz - Sicher, der Schmuckplatz im Norden des Bayerischen Viertels liegt mitten im Herzen der Metropole - mit Graffiti besprühte Wände, kiffende Jugendliche und Pfandflaschensammler gibt es also auch hier. Trotzdem hat man bei einem Spaziergang im Kiez doch das Gefühl, dass am Viktoria-Luise-Platz noch immer ein Hauch 1900 in der Luft liegt.

Im Viereck zwischen den eigentlich ziemlich ungemütlichen Durchgangsachsen Spichern-, Nachod-, Martin-Luther- und Lietzenburger Straße liegt ein Kiez, der nicht erst seit gestern ein äußerst beliebtes und nicht ganz billiges Wohngebiet ist. Das liegt nicht nur an seiner zentrumsnahen Lage – nur wenige Gehminuten sind es bis zum Kurfürstendamm -, sondern auch an der attraktiven Gestaltung des Wohngebiets rund um den Viktoria-Luise-Platz. Imposante, toll renovierte Altbauten, schicke Eigenheimkomplexe mit riesigen Fenstern und grünen Balkonen, nicht ganz billige Restaurants, feine Boutiquen und natürlich der zentrale, 7000 Quadratmeter große denkmalgeschützte Schmuckplatz prägen das Bild.

Eingeweiht wurde der Viktoria-Luise-Platz am 9. Juni 1900, nachdem das rasante Wachstum Schönebergs den Bedarf nach einem neuen Wohngebiet geweckt hatte. Lebten 1871 noch rund 4500 Menschen in einer eher dörflichen Gemeinde, hatte die gerade als Stadt anerkannte Ortschaft Schöneberg 1900 bereits 100.000 Einwohner. In der Gemeinde, die 1920 der Großstadt Berlin zugeschlagen wurde, lebten vor allem vermögende Beamte und Militärs, Pensionäre und einflussreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft. Ende der 1890er Jahre fiel die Entscheidung, an der Kreuzung Motzstraße / Martin-Luther-Straße einen gärtnerischen Schmuckplatz mit attraktiver Randbebauung anzulegen. Doch aus den Plänen wurde nichts – aufgrund einiger Grundstücksbesitzer, die ihr Land nicht abtreten wollten, musste man auf ein feuchtes Wiesengebiet etwas weiter westlich ausweichen.

Die sozialen Qualitäten des neuen Platzes zählten

Im Sommer 1899 begann der Landschaftsarchitekt Fritz Encke auf Geheiß von Kaiser Wilhelm II. mit der Umsetzung seines Entwurfs „Ruhe“ – einem sechseckigen Platz, der nicht mehr nur repräsentative, sondern auch soziale Qualitäten als Wohlfühlort für die Anwohner aufweisen sollte. Bereits bei der Fertigstellung des nach der einzigen Tochter von Wilhelm II. benannten Platzes war auch die Randbebauung weitestgehend komplett. Bei den neuen Gebäuden bemühte man sich, auf eine soziale Differenzierung – von den reichen Bürgern im Vorderhaus zu den ärmeren Mietern im Hinterhaus – zu verzichten. Stattdessen wurden Schulen oder Verwaltungen in den hinteren Teilen der Gebäude untergebracht. Davon zeugt noch heute das Haus mit der Nummer 6, in dem ein Berufsbildungszentrum untergebracht ist. Gestaltet wurde der Sitz des „Lette-Vereins“ von Alfred Messel, der auch für das Pergamonmuseum oder das Warenhaus Wertheim verantwortlich war.

Wie im ganzen Bayerischen Viertel, zu dem auch der Viktoria-Luise-Platz gezählt werden kann, siedelten sich in den kommenden Jahrzehnten bis zum Ende der Weimarer Republik viele Intellektuelle und Künstler im Kiez an. Am bekanntesten sind wohl der Regisseur Billy Wilder, doch auch die spätere Widerstandskämpferin Liane Berkowitz oder der Komponist Ferruccio Busoni waren zumindest für einige Jahre hier zuhause. Sie alle dürften die ruhige und doch zentrale Wohnlage mit U-Bahnanschluss – die Linie U4 wurde 1910 eröffnet -, das bürgerliche Publikum und das viele Grün am Platz geschätzt haben.

Mondänes Flair

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es mit dieser Idylle natürlich vorbei. Doch spätestens seit seiner Restaurierung 1980, in deren Zuge neue Bäume gepflanzt sowie Bänke und Laternen im wilhelminischen Stil aufgestellt wurden, herrscht am Viktoria-Luise-Platz wieder ein gewisser mondäner Flair. Während im Sommer die umliegenden Straßencafés und Restaurants stets gut gefüllt sind, herrscht im Winter eine eher beschauliche Idylle mit Weihnachtsbaumverkauf, bunt geschmückten Schaufenstereinlagen und dick eingemummelten Kindern, die auf dem Platz Fangen spielen. Irgendwo wird Mundharmonika gespielt und man vermisst eigentlich nur noch den Schnee – dann wäre die Idylle perfekt.

Doch auch am schönen Viktoria-Luise-Platz gilt, wie an allen idyllischen Ecken in der Innenstadt: Wer hier leben will, muss sich das leisten können. Wer eine 100-Quadratmeter-Altbauwohnung im Kiez mieten möchte, muss dafür irgendwas zwischen 1000 und 1500 Euro im Monat übrig haben. Nach oben sind dem Ganzen natürlich keine Grenzen gesetzt …

„Ich selbst wohne in der nahen Bundesallee und schaue gern mal am Viktoria-Luise-Platz vorbei. Zum Essen oder Gassi gehen. Aber irgendwie hat man immer das Gefühl, dass der Kiez hier so eingeschworen ist, dass man selber gar nicht dazugehört. So als käme man in ein weit abgelegenes Dorf und alle würden einen erst mal komisch von der Seite anschauen. Ist natürlich Quatsch – aber ich freue mich immer, wenn ich wieder in meiner lauten und nicht ganz so schicken Heimatstraße bin.“

Lette-Verein, Viktoria-Luise-Platz, 10777 Berlin

Lette-Verein

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