Restaurant in Friedrichshagen

Einfache Gerichte, kräftig gewürzt

Köpenick und Paris lassen sich nicht vergleichen? Warum denn nicht? Köpenick ist anderthalb Mal so groß wie Paris, hat jedoch keinen Michelin-Stern. In Paris hingegen funkeln die Sterne um Wette. Der Vergleich ist zugegebenermaßen unfair. Aber ein wenig mehr könnte schon los sein im Gaststättengewerbe des flächengrößten Berliner Bezirks.

Ein Restaurant in der Friedrichshagener Bölschestraße genießt dennoch einen bemerkenswerten Ruf: die „Spindel“. Hier am „Kudamm des Ostens“ witterten die West-Korrespondenten einst einen Hauch von DDR-Bohème, hier warteten Gäste neun Monate auf einen Platz an der chinesischen Tafel, hier wurde um die Zeit der Wende so anständig gekocht, dass das Haus sogar im Guide Gault-Millau auftauchte. Dann kam der Mitte-Boom, und es ging bergab.

Dass es wieder bergauf geht, liegt an Hendrik Canis, der das Haus zusammen mit seiner Frau gekauft, entrümpelt und zu einem schlichten Landgasthaus am Stadtrand umgestaltet hat. Canis ist kein Unbekannter in der Berliner Szene, er hat viele Jahre an der Seite von Kolja Kleeberg das imposante Weinangebot des „Vau“ dirigiert und das noch imposantere in der Weinbar Rutz. Er weiß also, wie es läuft, und er verzichtet darauf, dort draußen angestrengt ein Gourmet-Ziel zu etablieren.

Küchenchef Jörg Eichhofer bietet einfache, kräftig gewürzte Gerichte, die sich einerseits wegen der weltläufigen Zutaten und der sorgfältigen, frischen Zubereitung weit übers dumpfe Gasthausniveau erheben, andererseits aber unkompliziert genug sind, um auch die Nachbarschaft anzusprechen. Mittags gibt es hier drei Gänge schon für 21 Euro, abends für 29, das ist die Sache zweifellos wert und versüßt auch die Anreise aus der Innenstadt.

Auf Wunsch auch Wiener Schnitzel

Die Karte wechselt ständig. Wir probierten saftigen Kaninchenrücken mit Steinpilzen und (etwas zu dominanten) Wildkräutern, sehr gelungene gebeizte Entenbrust mit Wachsbohnen, gebratenes Steinbuttfilet mit Bohnenpüree, Kapern und Limetten und ein leicht geräuchert schmeckendes Artischockensüppchen mit gebratener Wachtel. Auch die üppig dimensionierten Hauptgerichte waren stimmig aus guten Grundprodukten zubereitet: Schollenfilet, schön dick und saftig, auf einem exzellenten Safran-Muschel-Risotto, geschmorte Schweineschulter auf Castelfranco-Radicchio mit kleinen Thymian-Gnocchi. Alles ohne Chichi und Dekorationsexzesse, ohne Espumas und andere Anleihen an die Gelee-Avantgarde.

Die Desserts passen in diese einfache Linie, dreierlei Mousse au chocolat mit Pflaumen oder das schön luftige Pflaumenomelette mit weißen Pfirsichen. Ach, und wer unbedingt ein Wiener Schnitzel will, der bekommt auch das in Bestform, ergänzt um ein Glas Grünen Veltliner.

Canis läuft natürlich vor allem dann zu voller Form auf, wenn man ihm die Wahl der Weine überlässt – das ist kein finanzielles Risiko, weil vier Gläser zu vier Gängen auf exakt 25 Euro kommen. Er ist bekanntlich ein hochgradiger Ostdeutschland-Spezialist, hat beste Kontakte und kann deshalb so überraschende Entdeckungen bieten wie die rare, überall ausgetrunkene oder nie angekommene trockene 2007er Scheurebe von „Drei Herren“ in Radebeul. Aber er pflegt auch beste Verbindungen nach Württemberg, woher dann beispielsweise Gerhard Aldingers famose Rotwein-Cuvee „V“ stammt. Wenn Sie das jetzt alles so verstanden haben, dass die weite Reise nach Friedrichshagen zu diesem Muster-Landgasthaus lohnt – bitte, dann habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Die Spindel (geschlossen), Bölschestraße 51, 12587 Berlin

Telefon 030 6452937

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Dienstag bis Sonntag von 12:00 bis 14:30 Uhr | Dienstag bis Sonntag ab 18:00 Uhr

Die Spindel (geschlossen)

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