Stadtführung in Berlin

Auf der Suche nach dem kolonialen Erbe

Auf der Suche nach dem kolonialen Erbe
Der Name der Kleingartenkolonie Togo ist nur ein Beispiel für koloniale Ortsbezeichnungen in Berlin - ein alternativer Namensvorschlag wurde angebracht.
77 Orte, die unkommentiert auf die deutsche Kolonialzeit verweisen, hat Joshua Kwesi Aikins in Berlin gefunden. Für das Ballhaus Naunynstraße veranstaltet er nun eine Führung und erklärt, warum viele Namen geändert werden müssten.

Auf dem Foto, das Joshua Kwesi Aikins zeigt, sind zwei Striche über den Buchstaben „o“ geklebt. Jetzt steht dort „U-Bahnhof Möhrenstraße“. Ein Scherz, klar. Aber einer mit ernstem Hintergrund. „Mit dem Namen ist ein viel zu wenig bekanntes Kapitel der deutschen Geschichte verbunden“, sagt Aikins, „die des brandenburgischen Versklavungshandels.“

Wer hier aussteigt, um zur Mall of Berlin zu gelangen, wird in der Regel nicht an das Fort Groß Friedrichsburg an der Küste Ghanas denken, von wo aus schwarze Menschen auch nach Berlin verschleppt wurden. Genau das ist das Problem, findet Aikins: „Es braucht einen Perspektivwechsel in der Erinnerungspolitik.“

Als Mitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und der Berliner Straßeninitiative befasst sich der Politikwissenschaftler und Menschenrechts- Aktivist schon seit mehr als zehn Jahren mit Straßen und Plätzen Berlins, deren Namen unkommentiert auf die deutsche Kolonialzeit verweisen. „77 haben wir bisher gefunden, 13 davon sollten umbenannt werden, weil sie entweder Kolonialverbrecher ehren oder rassistische Sprache weitertragen“, sagt Aikins. Für das Ballhaus Naunynstraße veranstaltet er momentan eine Tour per Bus unter dem Titel „Dauerkolonie Berlin – Eine postkoloniale Stadtführung“.

Viele glauben, Deutschland hätte noch Kolonien

Sie ist Teil des mehrmonatigen Themenschwerpunkts „We are tomorrow“, mit dem das Kreuzberger Theater an die Berliner Konferenz von 1884 erinnert. Unter Gastgeber Bismarck steckten die europäischen Mächte damals im Reichskanzlerpalais an der Wilhelmstraße „den rechtlichen Rahmen für die Inbesitznahme Afrikas ab“, wie Aikins es ausdrückt.

Als 2004 im Rahmen des Medienprojekts „Schwarzes Fernsehen Berlin“ Passanten vor einer Edeka-Filiale am Halleschen Tor befragt wurden, wussten die wenigsten, dass der Ladenname für „Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler“ steht. Und mehr als die Hälfte glaubte, dass Deutschland noch Kolonien besäße („irgendwo da unten in Afrika“).

Joshua Kwesi Aikins Tour beginnt in Wedding, Afrikanisches Viertel. Hier findet sich mit der Petersallee ein Beispiel dafür, wie Geschichte verdrängt wird. Die Straße ist nach Carl Peters benannt, der im 19. Jahrhundert mit Waffengewalt den Kilimandscharo für Deutschland erschlossen hat und als „Gründer von Deutsch-Ostafrika“ gewürdigt wurde. Nach Protesten in den 80ern entschied man, die Allee einfach umzuwidmen. Sie soll nun stattdessen an den Stadtverordneten Prof. Dr. Hans Peters erinnern. So einfach geht das.

„Berlin ist ein Ort, an dem sich viele Schichten von Geschichte überlagern“, sagt Aikins, der an der FU Berlin und an der University of Ghana studiert hat. Seine Stadtführung schärft den Blick für die Zusammenhänge zwischen diesen Sedimenten. „Man kann die NS-Herrschaft nicht verstehen, ohne die politischen, ideologischen, aber auch persönlichen Kontinuitäten zu betrachten, die von der Kolonialzeit ins Dritte Reich weisen“, sagt er. Zum Beispiel wurde eines der ersten offiziell so genannten Konzentrationslager 1907 im heutigen Namibia errichtet. Die Benennung der Petersallee erfolgte 1939. Genauso wie die Gründung des Kleingärtnervereins „Dauerkolonie Togo“ in Wedding. Ziel der Nazis sei gewesen, sagt Aikins, „koloniale Nostalgie zu schüren und im Stadtbild zu verankern“. Sichtbar bis heute.

Auch die Sammlung fürs Humboldt-Forum ist umstritten

Seine rund dreistündige Tour entdeckt auch an scheinbar unverfänglichen Orten Fragwürdiges. Auf der Route liegt beispielsweise der Schlossplatz, wo das Humboldtforum bald mit den Beständen des Ethnologischen Museums bestückt wird. „Dort aber lagern 30.000 Objekte, die aus deutschen Kolonien in Afrika nach Berlin gelangt sind – darunter viele Raubgüter“, sagt Aikins. Die Schädel ermordeter Afrikaner ebenso wie Kunst- und Kulturobjekte, die zur Kolonialzeit nach Berlin gebracht wurden. „Wieso gelten dafür nicht die gleichen Kriterien wie für die Beutekunst der NS-Zeit?“, fragt Aikins.

Im Technikmuseum am Gleisdreieck werde in der Ausstellung „Lebenswelt Schiff“ des Versklavungshandels gedacht, sagt der Stadtführer. In einem Schiffsrumpf gebe es einen Raum, den man per Knopfdruck erleuchten könne. „Darin befinden sich schwarze Holzpuppen, in bunte Lumpen gekleidete Figuren.“ Welches andere mörderische Kapitel der Geschichte würde man auf so simple Art darstellen wollen?

Immerhin endet die Tour mit ein wenig Hoffnung. Am Kreuzberger May-Ayim-Ufer nämlich, das vormals Gröbenufer hieß, nach Otto Friedrich von der Groeben, dem Gründer des Forts Groß Friedrichsburg. Die Uferstraße bekam 1895, anlässlich der bevorstehenden Kolonialausstellung im Treptower Park, eine eigene Anlegestelle. „Die betuchten Bürger sollten flussabwärts einfahren können wie einst von der Groeben in Westafrika“, sagt Aikins. Um sich dann im „Afrikadorf“ schwarze Menschen anzusehen, „die im Winter im Lendenschurz in einem angeblich authentischen Kanu über den Karpfenteich staken mussten.“ Was einige nicht überlebten.

Auf Forderung einer zivilgesellschaftlichen Initiative wurde das Gröbenufer 2009 nach der schwarzen Wahl-Kreuzbergerin, Aktivistin und Dichterin May Ayim benannt. „Ein erster Schritt“, sagt Aikins, zur Dekolonisierung Berlins.

Die nächste Führung findet am 17. Januar, 13 Uhr, in englischer Sprache statt. Weitere sollen im Februar folgen. Treffpunkt: EOTO e.V., Paul-Gerhardt-Stift, Müllerstraße 56–58, Wedding. Anmeldung unter www.ballhausnaunynstrasse.de oder: 75 45 37 25.


Quelle: Der Tagesspiegel

Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin

Ballhaus Naunynstraße

zitty-Kritik 05/12Der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink diskutiert in einer Talkshow des türkischen Fernsehens über den Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs. Dink war gerade aufgrund dieses Artikels, der die „Beleidigung des Türkentums“ mit Gefängnisstrafe ahndet, zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Talkshow gerät zum Tribunal. Ein nationalistischer Geschichtsprofessor droht ihm indirekt: „Wer sich nur um Grabsteine kümmert, der landet bald selbst im Grab!“ Wenige Wochen später, am 19. Januar 2007, wird Dink auf offener Straße erschossen.Der Mitschnitt dieser Talkshow steht im Zentrum mehrerer Performances eines Parcourstheaters, das der Filmemacher Züli Aladag, die Videokünstlerin Silvina Der-Meguerditchian, der Dokumentar-Theatermachter Hans-Werner Kroesinger und die Regisseure Miraz Bezar und Hakan Savas Mican zum fünfjährigen Todestag des mutigen Journalisten  im Ballhaus Naunynstraße erstellt haben. Es ist ein spannender Gedenkabend über die Freiheit und den Mut seine Meinung zu äußern und über die Unsouveränität einer Nation,  das nicht auszuhalten. In der beklemmendsten Performance bringt Maraz Bezar den Täter Ogün Samast (Paul Wollin), einem 16-jährigen Nationalisten, und sein Opfer (Peter von Strombeck) in einem Glaskasten zusammen. Der Kontrast zwischen den differenzierten Zitaten Dinks und den fanatischen Rechtfertigungen Samasts aus den Verhörprotokollen zeigt die Spaltung auf, die die türkische Gesellschaft bis heute in Geknebelte und Beleidigte teilt. 

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