Durch den Kiez

Stefan Elfenbein: Berlin bleibt nur Berlin, wenn wir darum kämpfen

Stefan Elfenbein: Berlin bleibt nur Berlin, wenn wir darum kämpfen
Das gefällt Elfenbein: die alte Wasserpumpe am Chamissoplatz.
Er ist nicht nur Autor für das Magazin "Der Feinschmecker" und Chef der Jury "Berliner Meisterköche", Stefan Elfenbein ist auch ein echter Wächter über seinen Kiez, den Bergmannkiez. Er lebt die Gemeinschaft, wohnt wie einst, kämpft für Ursprüngliches und dafür, dass Herz und Seele der Stadt nicht verloren gehen.

Als Journalist einen Journalisten zu interviewen, ist immer so eine Sache. Noch dazu, wenn es sich um einen der renommiertesten Restaurantkritiker Deutschlands handelt. Gut, dass ich für Dr. Stefan Elfenbein nicht kochen muss. Es geht heute tatsächlich mal weniger um Food als um ihn selbst: Der Feinschmecker-Autor und Präsident der Jury Berliner Meisterköche zeigt mir seinen geliebten Bergmannkiez. Dort wohnt er in einem der ältesten Häuser der Gegend, erbaut 1871. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

USA oder Chamissoplatz

Ich nehme neben dem Kohleofen auf einem wunderschönen Holzstuhl von 1890 Platz. Der stammt aus den USA. Und schon sind wir mittendrin in Stefan Elfenbeins Leben, der die amerikanische Staatsbürgerschaft und seinen Erstwohnsitz in New York hat, seine Wurzeln in Berlin aber seit jeher bewahrt und schätzt. „Meine Urgroßmutter kam 1907 aus Bessarabien an den Chamissoplatz und wollte wie ihre Brüder nach Amerika auswandern. Dann war sie aber mit meiner Oma schwanger. Mein Vater kam 1928 in Berlin zur Welt. Er wurde später zu Fremden gegeben.“ Überlebt hätten alle nur, weil man sich im Kiez umeinander gekümmert habe, da ist sich Elfenbein sicher.

Stefan Elfenbein auf dem Boden sitzend in seiner Wohnung

Stefan Elfenbein in seiner Wohnung, vor sich die spannenden Aufzeichnungen seiner Vormieterin.

Er selber wanderte in den 1980er Jahren nach New York aus, studierte Politik an der New School for Social Research, an der auch die renommierte Philosophin Hannah Arendt lehrte, kehrte dann aber kurzzeitig nach Berlin zurück und suchte sich eine Berliner Wohnung in dem Kiez, in dem auch seine Großmutter gelebt hat. Seine Doktorarbeit schrieb er über die New York Times. Von 1995 bis 2001 arbeitete er als USA-Korrespondent der Berliner Zeitung und danach auch für den Feinschmecker aus New York und Berlin. Bis heute geht es hin und her.

Eine Wohnung mit Seele

„Ich habe diese Wohnung genommen, ohne sie vorher gesehen zu haben“, erklärt der Journalist. Alle Möbel, alle Habseligkeiten der verstorbenen Vormieterin Gerda, waren noch da. Als er 1991 in diese Wohnung eingezogen ist, stand sogar das Frühstück noch auf dem Tisch. Befremdlich, beklemmend und gleichzeitig spannend, denke ich, so ungefragt in ein anderes Leben einzutauchen. Der Restaurantkritiker hat tatsächlich keine Entrümpelungsfirma gerufen, sondern alles bis heute in Ehren gehalten. Und dabei jede Menge erstaunliche Schätze entdeckt, die meisten im großen dunklen Holzschrank: eine heute undenkbare amerikanische Zeitschrift von 1943 bis hin zu einer echten Singer-Nähmaschinenbank. Derart große und goldgerahmte Öl-Bilder wie in diesem Wohnzimmer findet man heute nur noch mit ganz viel Glück auf dem Flohmarkt.

Elfenbein zeigt uns Bücher, die die kommunistische Postbotin Gerda vor der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz retten konnte. Oder ihr Tagebuch, in dem sie berührende Briefe an ihren geliebten, aber schon verstorbenen Mann Horst schrieb. Das sorgt für Gänsehautmomente. Als wäre noch jemand mit im Raum, der ihn einst mit Leben erfüllt hat. Und Gerda hatte ein schweres Leben zu Zeiten des Krieges, wie ihren zahlreichen Notizen zu entnehmen ist. Bald soll ihr ein ganzes Buch gewidmet werden: Gerdas Schatz– ein deutsches Leben. Im Hier und Jetzt liegen in einer silbernen Schale von 1820 Feigen, Äpfel und Granatäpfel. Der Foodkritiker hat gerade Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahr, gefeiert und schenkt mir der Tradition entsprechend eine reife Frucht für ein tolles Jahr, damit es so süß werde wie die Frucht.

Antike Schale mit Obst

Hier besonders hübsch: die traditionelle Obstschale zum jüdischen Neujahrsfest.

New York ist Berlin zehn Jahre voraus

Gerade ist Stefan Elfenbein wieder aus New York zurück, wo er in seiner modernen Wohnung im 21. Stock in Tribeca einen tollen Blick über die Stadt hat. „Das ist Kontrastprogramm zu hier“, erklärt er lachend. „Ich vergleiche die beiden Städte nun seit über 30 Jahren. Was in New York passiert, kommt rund zehn bis 15 Jahre später in Berlin an. Die Entwicklung in New York ist aktuell aber schockierend! Fast alle kleinen Geschäfte sind weg. Kein Schuster mehr, kein Metzger, kein Bäcker, das ist schon seit ungefähr zwei Jahren so. Deshalb ist mir die neue Kategorie Kiezmeister im Rahmen der Ehrung der Berliner Meisterköche auch so wichtig! Die Neighborhoods, die Kieze in New York, sind kaputt, dabei waren sie genauso wichtig wie hier!“

Elfenbein liebt den Kiez und er lebt die Kiezgemeinschaft. Das bedeutet für ihn auch insbesondere, sich um seine Nachbarn zu kümmern. In der Etage über ihm wohnt die 85-jährige Anneliese. Ihr bringt er im Winter die Kohlen zum Heizen, denn die alte Dame hat ihre Wohnung seit zwei Jahren nicht verlassen.

Stefan Elfenbein nimmt seine Nachbarin Anneliese in den Arm

Spontanbesuch: der "Kiezmeister" mit seiner Nachbarin Anneliese.

Gerade ist auch eine junge Frau aus Brasilien ins Haus gezogen und der Journalist hat ihr die Waschmaschine angeschlossen. Eigentlich aber gar nicht erwähnenswert, sondern selbstverständlich! „So ist Berlin strukturiert“, findet er. „Man zieht in eine Gesellschaft ein. Das geht heute in der Jugend leider oft verloren. Dabei kann man in der Großstadt meiner Meinung nach nur überleben, wenn man sich auf eine Gemeinschaft einlässt. Die sich dann auch um diejenigen kümmert, die nicht mehr so können.“

Er bedauert, dass es die vielen Hoffeste nicht mehr gibt, die gerade für die Älteren toll waren. Und betont, wie wichtig die traditionellen Institutionen in ganz Berlin, aber eben auch in seinem Kiez sind. Wie etwa die Destille, eine schummrige, schon 1870 eröffnete Likörstube am Mehringdamm, die bereits kurz vor der Schließung stand. „Hier gehen auch ältere Kreuzberger hin!“, sagt Elfenbein. „Das war früher übrigens die Stammkneipe vom Dichter Gottfried Benn.“ Er selbst trinkt dort gern den Haselnusslikör oder den Himbeergeist. Die werden noch aus alten Glasballons gezapft.

Stefan Elfenbein mit Tina Gerstung draußen auf der Straße laufend

QIEZ unterwegs im Kiez ...

Lieblingsorte im Kiez

Zu seinen Lieblingsorten zählen zudem der Öle- und Schokoladenladen Ölmühle an der Havel, der Bürstenschröder auf der Heimstraße, der letzte Besenmacher seiner Art, gegründet 1866, oder das Café Felix Austria, in dem Elfenbein gerne Szegediner Gulasch isst. Auch bei den ehemaligen Sarotti-Höfen, wo vorne bezeichnender Weise eine Fitbox eingezogen ist, kommen wir vorbei. Hier ist im einstigen Schmelzwerk die Küche und das Cateringunternehmen Schmelzwerk von Ex-Borchardt-Küchenchef Markus Herbicht eingezogen – Herrn Dr. Elfenbein kennt man natürlich.

„Wir dürfen die Stadt nicht verlieren! Denn dann haben wir leider nichts zu bieten. Wir brauchen unsere Freiheit, unseren Mut und unsere Einzigartigkeit!“, betont er. „Wir müssen dafür kämpfen, dass das Berlinerische erhalten bleibt! Mainstream ist leider leichter zu verkaufen, aber dafür steht die Stadt nicht!“ Der Bergmannkiez habe noch eine gewachsene Struktur und der lebendige Teil der Stadt sei durch Migration entstanden. „Da ist Berlin wie New York – und eben nicht wie Hamburg oder München“, sagt er. „Das müssen wir bewahren!“

Als wir zum Chamissoplatz laufen, erzählt Elfenbein, dass die Arndtstraße fassadentechnisch eine Grenze sei: auf der einen Seite Häuser im Stil des späten Klassizismus, noch ohne Balkone, kaum Stuck und auf der anderen wunderhübsche Fassaden aus der Gründerzeit. Und überhaupt noch jede Menge Alt-Berlin! Unzerstört, wirklich wie früher.

Schöne Fassaden von Altbauten im Bergmannkiez

Bezaubernde Fassaden am Chamissoplatz.

Deshalb führt er seine Besucher aus der ganzen Welt auch gern hierher. Dazu gibt er ihnen ein Sternburg-Bier vom Spätkauf in die Hand und liest am Platz selbst Geschichten vor, die „Die viel zu dicke Grete“ etwa von Kurt Mühlenhaupt, der hier wohnte: eine kleine Zeitreise zum Chamissoplatz von früher, in der es um das Für- und Miteinander geht. „Meine Urgroßmutter saß hier und sicher auch die liebe Gerda – vielleicht kannte man sich“, sagt Stefan Elfenbein. Heute toben Kinder über den Spielplatz. Wir denken uns entspannt in der Sonne sitzend zurück in eine andere Zeit …

Übrigens: Berliner Kiezmeister 2018, frisch gekürt von der Jury Berliner Meisterköche, ist der Charlottenburger Familienbetrieb Rogacki, von 1928.

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