• Freitag, 01. April 2016

Ausstellung in Steglitz

Ein echter Kiezzeichner: Eberhard Franke

  • Zeichnung eines Blicks auf den Fernsehturm
    Für diese Zeichnung konnte Franke einen traumhafter Blick auf den Fernsehturm genießen. Sehen kannst du sie in der Galerie Classico. Foto: Tagesspiegel - ©Galerie Classico

Albrechtstraße - Getrieben von Depressionen streifte Eberhard Franke durch Berlin - und zeichnete. So wurde er zum Chronisten einer Stadt im Wandel. Zum 80. Geburtstag gibt es nun eine Ausstellung in Steglitz. Ein Blick auf den Künstler und seine Werke.

Eberhard Frankes Leben beginnt mit einer Tragödie. Seine Eltern sterben kurz nach seiner Geburt 1936. Franke kommt ins Kinderheim, später wird er von Pflegeeltern aufgenommen, die ihn auf ein Internat schicken. Er ist ein störrischer Schüler, doch er hat eine Begabung: Zeichnen. Am liebsten machte er das im Kiez in Berlin. Über 60 der insgesamt 450 Radierungen des 2004 verstorbenen Künstlers hängen jetzt in der Galerie Classico. Die Galeristin Christine Baba, eine langjährige Freundin Frankes, widmet ihm zusammen mit vielen seiner Wegbegleiter eine Retrospektive zum 80. Geburtstag.

Durch seinen Kunstlehrer gefördert findet Franke nach dem Abitur den Weg auf die Kunsthochschule in Berlin. Die Großstadt fasziniert den aspirierenden Künstler, gleichzeitig überfordert sie ihn. Er wird oft krank, leidet an Depressionen. Eine innere Unruhe treibt ihn auf die Straßen. Er streift zu Fuß durch die Stadt, schwingt sich aufs Fahrrad, erkundet jeden Winkel. Der Stadtwanderer hält seine Eindrücke in einem Notizbuch fest, zu Hause setzt er sie mit einer Radiernadel auf Kupferdruck um. Über die Jahre wird er zum intimen Chronist Berlins und seines stetigen Wandels.

Er zeichnet den Crellemarkt, auf dem Türken ihre Obst- und Gemüsestände aufbauen, den Kleistpark, das Kottbusser Tor, die Balkone mit ihren gründerzeitlichen Türrahmen. Unaufhaltsam porträtiert er auch die Menschen, denen er begegnet. Alte Frauen, die im Herbst im Park spazieren gehen, Ausländer, die er draußen vor einem Café trifft, Barbiere, Freunde wie die Künstler Ed Dickmann und André Krigar.

Franke führt ein Doppelleben

Der zurückhaltende junge Mann mit der hohen Stirn und dem sanften Blick wird schnell in seinem Kiez in Schöneberg für seine Großzügigkeit bekannt. Man konnte kaum eine Minute mit ihm in einem Raum sein, berichtet ein Freund, ohne dass er einem eine seiner Zeichnungen in die Hand drückte. Er repariert Fahrräder für Bekannte, sammelt Einzelteile, aus denen er für Kinder Neue zusammenbastelt.

Franke selbst lebt in bescheidenen Verhältnissen. Kaum mehr als ein Sofa, auf dem er Menschen in Not beherbergt, ein Bett und seine Staffelei stehen in dem kleinen Dachgeschossatelier, das ihm Freunde mitfinanzieren. Er arbeitet auf dem Bau, manchmal erledigt er Auftragsarbeiten für den Senat oder Restaurationen.


 

Doch immer ist da auch die andere Seite. Tagelang zieht Franke sich zurück, verfällt düsteren Grübeleien. Manchmal ist er unauffindbar. Er hält Absprachen nicht ein. Er streunt herum, steigt zum Flaschensammeln in verlassene Buden ein. Rechnungen und Mahnungen steckt er öfter in die Hosentasche, als er sie bezahlt. Bald gibt es bei der Polizei eine füllige Akte mit seinem Namen drauf. Freunde müssen einspringen.

Es sind diese beiden Seiten, die in seinen wunderbaren Zeichnungen zur Geltung kommen, das Bunte, Lebensfrohe und das Triste, Düstere und Nachdenkliche. Seine Kunst ist keine im künstlichen Sinne, sondern Poesie des Alltäglichen, gemalte Ehrlichkeit. Sie zeigt Berlin und seine Menschen, im Wandel der Jahrzehnte, als unzertrennliche Einheit. So wie auch Franke und sein Kiez unzertrennlich blieben. Heute liegt Franke begraben, wo er gelebt und gezeichnet hat: auf dem Friedhof an der Großgörschenstraße.

Galerie Classico

Schützenstr. 52
12165 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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