• Sonntag, 13. April 2014

Federvieh in Berlin

Ich wollte, ich hätt’ ein Huhn . . .

  • Mein Freund, das Huhn
    Mein Freund, das Huhn. Lena Stollwerck mit Henne Berta. Anfangs war Berta eher scheu, jetzt ist sie ein Schmusehuhn. Foto: Der Tagesspiegel - ©Kitty Kleist-Heinrich

Lichterfelde-West - Schmusehühner, Frust für den Fuchs & Supereier: Wie Familie Stollwerck vor sechs Monaten gackerndes Federvieh erwarb - und was sie seither damit erlebte.

In Anke und Karsten Stollwercks Leben geht es oft drunter und drüber. Zwei Söhne im Alter von 15 und 18 im Haus und eine dreizehnjährige Tochter, dazu fünf Kaninchen und eine Katze. In ihrer Töpferwerkstatt für Kita-Kinder im Souterrain herrscht oft Trubel. Das Haus an der Carstennstraße in Lichterfelde-West sieht aus wie die Villa Kunterbunt.

Da ist es gut, wenn man ein paar Wesen mit solidem Lebenswandel um sich hat. Das sind seit einem halben Jahr ihre Hühner. Sieben auf einen Streich haben sie sich geholt. Die Hühner stehen mit dem ersten Morgenlicht auf, legen pünktlich zwischen zehn und elf Uhr ihre Eier, und wenn der Tag geht, flattern sie auf die Stange. "Unsere Hühner", sagt Anke Stollwerck, "die haben eine total beruhigende Ausstrahlung."

Das findet auch Tochter Lena. Manchmal kocht sie sich Tee, geht mit Decke, Kanne und Stullen durch den Garten, nimmt den Pfad zwischen Johannis- und Stachelbeersträuchern, vorbei an Narzissen und Tulpen bis ganz nach hinten, zum Hühnergehege. Sucht sich ein Plätzchen im umzäunten Auslauf.

Picknick mit Federvieh. Die Hühner ziehen ihre Kreise immer enger um Lena, blicken schräg, um besser aufs Tablett zu sehen, gakeln leise. Da holt sie sich mit raschem Griff das schneeweiße Tier mit der schwarzen Halskrause auf den Schoß. Alte englische Sussex-Rasse. Sie reibt zärtlich den roten Kamm, der sich ledrig anfasst. Streicht über die Halsfedern hinab zum Bauch, wo die Hand tief im Flaum einsinkt. Ein paar Monate haben genügt, um aus den Neuankömmlingen Schmusehühner zu machen.

Wunsch nach autarkem Lebensstil

Warum holt man sich als Städter so eine Truppe aufs Grundstück? Für die Lichterfelder Familie war es der Wunsch nach ein klein wenig autarkem Lebensstil, "Selbstversorger und so." Und die Sehnsucht nach einer Idylle wie bei Michel von Lönneberga & Henne Lotta oder bei Pettersson & Findus’ wild gewordenen Hühnern. "Na ja, vielleicht ein bisschen versponnen", sagt Anke Stollwerck. Wenn die 46-Jährige zum Stall geht, freut sie sich über die Bienen an den Weiden, über Larven und Würmchen, die ihre Hühner toll finden. "Karli", ihr Mann mit Strickpullover, Bart und Wuschelhaar ist wie gemacht für den gemeinsamen Berliner Öko-Traum. Der 54-Jährige schreibt Jugendbücher, arbeitet als Montessori-Lehrer.

Bevor sie sich die Tiere anschafften, haben sie Wissenswertes über Hühnerhaltung studiert. Es war ein Familienprojekt. Auch Kai und Malte, die Söhne, zimmerten am Stall und dem Außengehege mit. Gut 15 Quadratmeter ist die Hütte groß. Viel Licht und Luft flutet durch große Klappfenster in den vorderen Teil, wo der Futtertrog steht. Das brauchen die Hennen fürs Wohlbefinden. Hinten im Stall ist es dämmerig. In Brusthöhe, die Sitzstange, gerade so breit, dass sie Hühnerzehen perfekt umklammern können. Darunter das Kotbrett. Und in Bodennähe vier Nester. Holzkisten, mit Heu ausgepolstert. Schön kuschelig und geborgen, weil das Hühner beim Eierlegen lieben. Sind die Nester besetzt, gibt’s kein Gedrängel. Die Hennen warten, bis sie dran sind.

Das grüne Ei liegt noch warm in der Hand

Karsten Stollwerck holt ein Ei heraus. Noch warm liegt es in der Hand. Die Schale schimmert grünlich. "Ist von unserem Grünleger", sagt er. Grün brauchen Stollwercks ihre Eier zu Ostern nicht einzufärben. Das erledigen die Hennen vom Stamm der chilenischen Araucana-Hühner. Außerdem haben sie einen Braunleger und zwei weitere Rassen. Sie wollten ein "bunt gemixtes, glückliches" Hühnervolk. Sieben Eier liefert es ihnen pro Tag. Dottergelb, Supergeschmack. Die Menge hänge aber stark von der Psyche der Henne ab, hat Anke Stollwerck festgestellt. "Regen sie sich auf, legen sie weniger." Als sie die Katze noch nicht kannten, jagte die ihnen eine Heidenangst ein. Zwei Nester blieben am nächsten Tag leer.

Auf einen Hahn haben Stollwercks verzichtet. Zu laut, das Krähen. Nicht jeder Nachbar hätte das lustig gefunden. Gegacker ärgert offenbar niemand. Die meisten Leute im Kiez finden ihre neuen gefiederten Nachbarn sehr spannend. Außerdem hat sich die Eierquelle herumgesprochen. Gerne lässt man sich von Stollwercks mal ein paar über den Gartenzaun reichen.

Acht Euro haben sie pro Huhn bezahlt. Gebracht hat sie ihnen ein Geflügelzüchter aus Pasewalk. Damals waren die Tiere vier Monate alt. Tagsüber picken sie im Freigehege, das etwa 70 Quadratmeter groß ist. Karsten Stollwerck hat den Maschendraht einen Meter tief in die Erde versenkt, "damit sich kein Marder oder Fuchs durchbuddelt". Der Fuchs hat sich damit abgefunden. Er schaut nur ab und zu am frühen Morgen Hühner-TV. Dann beobachtet ihn die Familie vom Wohnzimmer aus. Er hockt oben auf dem Komposthaufen und stiert zu den Hennen hinüber.

Ein Huhn auf dem Teller? Gibt's nicht

Den ersten Stress hatten sie, als ein Habicht vom Himmel stieß. Eine Henne bekam einen solchen Schreck, dass sie tot umfiel. Danach haben sie ein Schutznetz über den Auslauf gespannt. Das zweite Mal ging es hoch her, als alle sieben Tiere ausbüxten. Für den Garten war das verheerend. "Die sind wie Planierraupen", sagt Anke Stollwerck. Rasen, Blumentriebe, alles wird scharrend niedergemacht. Seit der Hühnerjagd darf nur immer eines unter Aufsicht raus. Lena, die allen Hennen Namen gab, hat jüngst mal Berta draußen auf ein Beet gesetzt. Zum Umgraben. Berta hat das bestens erledigt.

Auf einem Sonnenplätzchen haben die Hennen ihre Kuhle fürs Sandbad. Gefiederpflege gegen Milben. Während sie dort heftig Staub aufwirbeln, füllt Karsten Stollwerck den Trog mit Fertigfutter und Wasser, holt Stroh, fegt Mist. "Eine halbe Stunde Arbeit am Tag, nicht allzu viel." Seine Frau amüsiert sich unterdessen mit zwei Hennen, hält einen Apfel hoch. Gierig springen die, hacken hinein. Von wegen dumm. "Die sind neugierig, immer geschäftig." Die Hühnersprache hat Anke schon ein wenig gelernt. Den Kopf senken, Flügel heben - das ist eine Art Entschuldigung. Gakeln, bevor das Ei kommt, Gackern, wenn’s da ist. "Also, die machen einem so viel Freude", sagt Anke Stollwerck. An die Legebatterien mag sie gar nicht denken.

Wie alt wird eigentlich ein Huhn? Bis zu sieben Jahre angeblich. Nur: Die meisten enden früher - als Suppenhuhn. Der Lichterfelder Hühnerstall wird dagegen später eine Seniorenresidenz. Karsten Stollwerck könnte sich zwar vorstellen, auch mal eins auf dem Teller zu haben. Aber das gibt's nicht. Das musste er Lena versprechen.

Adresse

Carstennstraße
12205 Berlin

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Wohnen & Leben"

Wohnen & Leben

Die Robbe verlässt Kreuzberg und Prenzlberg

Die Robbe verlässt Kreuzberg und Prenzlberg

Nachdem Berlins bekanntester Autoverleih Robben & Wientjes im vergangenen … mehr Prenzlauer Berg, Kreuzberg

Wohnen & Leben

#GirlCrush: Mascha ist verknallt – in eine Freundin! Unsere Singlekolumne #45

#GirlCrush: Mascha ist verknallt – in eine Freundin! Unsere Singlekolumne #45

Mascha verknallt sich ja gerne hin und wieder mal. Diesmal hat sie aber … mehr Berlin

Durch den Kiez

Franziska Giffey und die vielen Gesichter von Neukölln

Franziska Giffey und die vielen Gesichter von Neukölln

Schon längst ist sie nicht mehr nur das Gesicht von Neukölln: In diesen … mehr Neukölln

Bildung

Die Schule des Lebens in Prenzlberg

Die Schule des Lebens in Prenzlberg

Die Event- und Brandagentur muxmäuschenwild präsentiert dir hier … mehr Prenzlauer Berg

Wohnen & Leben

GreenAdapt sagt dem Klimawandel den Kampf an

GreenAdapt sagt dem Klimawandel den Kampf an

Jeden Tag werden zwei Start-ups in Berlin gegründet. Damit du die … mehr Berlin

Schulen

Weiterführende Schulen in Charlottenburg

Weiterführende Schulen in Charlottenburg

Bei der Wahl der weiterführenden Schule für ihr Kind haben Eltern die … mehr Charlottenburg

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen